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Oberösterreich

Jeder gefällte Baum ist ein Verlust

Rund 400 alte Bäume in Oberösterreich stehen unter Naturschutz und sind sakrosankt. Zumeist finden sie sich auf dem Land. In der Stadt haben es Bäume bei weitem schwerer, alt zu werden.  

Jeder gefällte Baum ist ein Verlust

Baumschützer Welf Ortbauer erfühlt »das Wesen Baum«, gelehnt an den Stamm einer alten Eiche. Das Naturdenkmal mit seinen ausladenden Ästen steht auf dem Gaumberg bei Leonding. Bild: Weihbold

Bäume kann man emotionslos als holzige Samenpflanzen sehen oder, so wie Welf Ortbauer, als Wesen. „Wenn man auch nur irgendwie ganzheitlich denkt, dann ist der Mensch ein Teil der Natur, genauso wie die Tiere oder ein Baum. Alles, was wächst, gehört zusammen“, sagt der pensionierte Landesbeamte, der sich seit Jahren für seine Mitgeschöpfe einsetzt. „Ja, ich bin Baumschützer, aber kein Agitator. Und doch habe ich das Gefühl, dass es manchmal ein paar Leute braucht, die sich an Bäume anketten, um zu demonstrieren, dass viel zu leichtfertig mit diesen Wesen umgegangen wird.“

Tatsächlich steigt der Nutzungsdruck auf Bäume – auf dem Land und insbesondere in der Stadt. Wenn ein Baum nicht schon alt ist, hat er kaum die Chance, alt zu werden. „Viele Bäume in Linz erreichen nur noch ein Viertel ihrer Lebenserwartung“, sagt Ortbauer. Parkflächen, Verkehrswege, Gebäude engen Wurzel- und Luftraum der Bäume ein. Für Pflegemaßnahmen zugunsten älterer Bäume fehlt offensichtlich Geld, das Risiko von Schäden durch möglicherweise herabfallende Äste steht im Vordergrund von Entscheidungen.

Eine Frage von Sichtweisen: „Bäume in der Stadt halten die Sonneneinstrahlung ab, filtern Staub aus der Luft, produzieren Sauerstoff, verdunsten Wasser und mildern den Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht“, sagt Baumsachverständige Helga Zodl. „Deshalb haben die Menschen seit dem Mittelalter Bäume in die Stadt geholt.“ Doch die Fachfrau für urbane Forstwirtschaft weiß auch um die Kehrseite, die heute vielleicht zu oft im Vordergrund steht: „Von Bäumen kann auch etwas Ehrfurcht gebietendes ausgehen, etwas Bedrohliches.“

„In der Stadt wird aus wirtschaftlichen Gründen der Baum umgeschnitten statt gepflegt. Dann heißt es immer, er wäre krank gewesen“, kritisiert Ortbauer. Auf dem Land seien so manche Bauern unsensibel. „Wenn ein Baum im Weg steht, wird er niedergemacht.“ Er leide „köperlich mit“, wenn ein Baum gefällt werde, sagt der ehemalige Wasserrechtsbeamte.

Ein verändertes Umweltbewusstsein ortet auch Siegfried Kapl, Amtssachverständiger für Naturdenkmale bei der oö. Landesregierung. Während das Verständnis für die Natur in den Jahren zwischen den öffentlichen Auseinandersetzungen um die Kraftwerke Hainburg und Lambach gestiegen sei, sinke es seither. „Die Jungen interessiert das nicht mehr so“, sagt Kapl und betont: „Dabei zählt jeder Griff, jede Betätigung für die Natur.“

Rund 400 Bäume, Baumgruppen oder Alleen stehen in Oberösterreich unter Naturschutz. Sie sind als Naturdenkmale ausgezeichnet. Der älteste Baum in Linz dürfte die 1000-jährige Linde in St. Magdalena sein, die in Privatbesitz steht. Schöne, alte Bäume finden sich im Volksgarten, im Uni-Park in Auhof, auf dem Freinberg, im Botanischen Garten, im Bauernbergpark, auf dem Urnenfriedhof in Urfahr oder im Schlosspark in Ebelsberg – um nur einige Plätze zu nennen, wo man im Baumschatten weilen kann.

„Wir müssen dieser Naturentfremdung entgegentreten. Wir sollten viel im Grünen sein, aber nicht in gestylten und abgeschleckten Parks“, fordert Ortbauer und erinnert sich: „Ich hatte als Kind das Glück, dass ich mit Bäumen und in der Wildnis aufgewachsen bin. Mit den Eltern haben wir Ausflüge in den Wald gemacht. Das war herrlich – wie in einem Märchen. Es tut einem dann natürlich weh, wenn man zusehen muss, wie das alles im Laufe der Zeit verloren geht, wie sich das Märchen auflöst, weil Verwaltung und Behörden nicht gut mit den Bäumen umgehen.“

Die Stadt rund um die Gstättn

Nicht überall ist das so. „Während in Berlin alte Bäume überall stehen bleiben, hat man zum Beispiel in der Wienerstraße in Linz eine alte Platanenallee gefällt“, sagt Ortbauer. In manchen Städten der USA, unter anderem in New York, greife mittlerweile eine neue Philosophie. „Landschaftsgestalter lassen zum Beispiel eine Wildnis bestehen und planen Häuser um sie herum. So bleibt die Gstättn erhalten, wo die Kinder spielen können“, sagt der Baumschützer und bricht eine Lanze fürs Baumkraxeln: „Ein Klettergerüst mit seinen geraden Stangen kann Kinder nicht zu dem Gleichgewichtsgefühl bringen wie die unregelmäßigen Äste der Bäume.“

Warum Bäumen nicht jener Respekt entgegengebracht werde, wie ihnen zustünde, erklärt sich Ortbauer aus dem Wirtschaftskreislauf. „Man verdient am Fällen und am Neubepflanzen.“ Auf der Straßenbahntrasse nach Leonding etwa habe man Bäume gepflanzt, bevor die Straßenbahn gebaut wurde, und nach ein paar Jahren wieder gefällt. Beim Linzer Parkbad wurden alte Kastanien gefällt und junge Stieleichen gepflanzt. „Jämmerliche Bonsais“, sagt Ortbauer.

Tatsächlich geht es um viel Geld in der Baumpflanzung. Der Wert eines Baumes definiert sich an seiner Funktion. Auf dem Land ist ein sechzig bis achtzig Jahre alter Baum bloß den Holzpreis wert. „In der Stadt sind es bis zu 10.000 Euro“, sagt Gunther Nikodem, Baumsachverständiger aus Steyr. „Wenn man einen Baum ersetzen muss, weil er beispielsweise bei Bauarbeiten beschädigt wurde, kosten Baumhöhen von zehn Meter gleich einmal 30.000 Euro.“

Der Tiroler Förster und Unternehmer Erwin Thoma sieht Bäume als Seelenverwandte des Menschen und den Wald mit seiner Kreislaufwirtschaft als Gegenentwurf zur menschlichen Wegwerfgesellschaft und Ich-Mentalität. „Der Wald lebt auf Mut machende Weise eine Alternative zum konventionellen System vor“, sagt er. Ortbauer geht damit konform und wundert sich, dass die Alternative nicht längst greift, in einer Gesellschaft, die ums Weltklima besorgt ist – angeblich.

Info: „Allein die Bäume sind treu“, Welf Ortbauer, Freya-Verlag; „Die geheime Sprache der Bäume“, Erwin Thoma, Ecowin-Verlag. Plattform der oö. Baumpfleger: www.baumexperten.at

5000 bis 10.000 Euro ist ein durchschnittlich sechzig bis achtzig Jahre alter Baum wertabhängig; von seiner Funktion. Ein Baum auf dem Land ist weniger wert als einer auf prominenter Stelle im urbanen Raum.

3 bis 20 % Wertsteigerung kann eine städtische Immobilie erzielen, wenn sie von Bäumen umstanden ist und sich vielleicht auch noch ein Park mit alten Bäumen in der Nähe befindet. Das hat die US-Forstbehörde errechnet.

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Artikel Klaus Buttinger 03. August 2013 - 00:04 Uhr
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