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Oberösterreich

Die Verdoppelung

"Zwillinge haben seit jeher die Menschheit fasziniert, aber auch verunsichert. Sie sind selten, aber nicht so selten, wie man vielleicht glaubt."

Die Verdoppelung

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In der Mythologie sind sie häufig, ebenso im Märchen und auch in den Ursprungsmythen der Völker, von den biblischen Zwillingsbrüdern Esau und Jakob über Castor und Pollux, die zum Sternbild wurden, bis zu Romulus und Remus, den Zwillingsgründern Roms.

Zwillinge haben seit jeher die Menschheit fasziniert und gleichzeitig verunsichert. Sie sind selten, aber nicht so selten, wie man vielleicht glaubt. Jede 40. Geburt ist durchschnittlich eine Zwillingsgeburt. Es sind die Verwechslungsgeschichten, die Gleichheit und Rivalität und das Unwissen über die Ursache, die verunsicherten. Die Antike erklärte Zwillingsgeburten häufig damit, dass zwei Männer an der Zeugung beteiligt gewesen seien.

In den Mythen oft ein Mensch und ein Gott, so bei Castor und Pollux oder bei Herakles und Iphikles. Von Castor und Pollux war Pollux der Sage nach unsterblich, da er der Sohn des Göttervaters Zeus gewesen sei, Castor dagegen mit einem menschlichen Vater ein Sterblicher. Doch die beiden Brüder waren unzertrennlich. Als Castor im Kampf getötet wurde, wollte auch Pollux sterben. Zeus war davon so gerührt, dass er sie beide als Sternbild in den Winterhimmel setzte.

Ein Nachklang solch göttlich-menschlicher Doppelzeugungsvorstellungen ist der merkwürdige Beiname des Apostels Thomas im Johannesevangelium als "Zwilling". Zwilling von wem? In apokryphen Texten, den sogenannten Thomasakten, erscheint er als der sterbliche, von Joseph gezeugte Zwillingsbruder des göttlichen Jesus. Dieses Zwillingsmotiv war offenbar ein konstituierender Faktor eines sektiererischen Christentums, das sich im ostsyrisch-parthischen Raum entwickelte.

Doch selten ist das Nebeneinander so konfliktfrei wie bei Castor und Pollux. Jakob bringt seinen einige Minuten vor ihm geborenen Zwillingsbruder Esau im Tausch gegen ein Linsengericht um sein Erstgeborenenrecht. Romulus erschlägt seinen Bruder Remus, weil dieser frevlerisch über die von ihm mit einer Ackerfurche vorgezeichnete Stadtmauer springt. Die Zwillinge Siegmund und Sieglinde werden Opfer ihrer inzestuösen Vereinigung. Die Antike kannte die Zwillingsherrschaft: zwei Konsule in Rom, zwei Könige in Sparta, zwei Sufeten in Karthago. Auch bei manchen Germanen- und Keltenstämmen begegnen doppelte Anführer: Raos und Raptos, Ambri und Assi, Hengist und Horsa. Das Mittelalter sprach bei Papst und Kaiser von einer Zwillingsherrschaft. In dieser Dualität steckt das Prinzip der Gemeinsamkeit, aber auch der Gewaltenteilung und Gegnerschaft. Bei Nostradamus wird das Reich Zweien überlassen. Zwei, die das Reich erben, und zwei, die es zerstören: Stabilität und Instabiltät der Verdoppelung.

 

Roman Sandgruber ist emeritierter Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz. 

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Artikel Roman Sandgruber 01. Juli 2017 - 00:04 Uhr
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