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Oberösterreich

Die Ortstafel wird 75 Jahre alt

LINZ. Am 8. Juli 1937 wurden bei uns Ortschaftstafeln eingeführt. Eine Zeitreise zwischen Heimat, Identität und 50 km/h.

Ortstafel, Gemeindezusammenlegung, Gemeindefusion

Bild: Weihbold

Ortstafeln sind alltäglich. Sie dienen der Orientierung. Sie dienen der Regelung. Als erstes nimmt sie der Autofahrer als Hinweise wahr, dass er seine Geschwindigkeit zu drosseln habe, um nicht „geblitzt“ zu werden. Aber Ortstafeln bedeuten mehr. Sie vermitteln Heimat und Identität. Sie zeigen, wer hier wohnt. Die Chronik des Landes Oberösterreich meldet für den 8. Juli 1937, also vor genau 75 Jahren, die Aufstellung von „Ortschaftstafeln“ in Oberösterreich.

An sich sind Ortstafeln viel älter. Sie gehen auf den sich herausbildenden Obrigkeits- und Verwaltungsstaat des 18. Jahrhunderts zurück, der sich einen genauen Überblick über seine Untertanen verschaffen wollte. Ortschaften sind die untersten Besiedlungseinheiten. Im 18. Jahrhundert begann man sie zu beschildern und die Häuser zu nummerieren, um bei Steuereinhebungen, Volkszählungen und Rekrutenaushebungen niemanden zu übersehen.

Für die Seelenbeschreibung

Schon für die erste österreichische Volkszählung von 1770, damals Seelenbeschreibung genannt, wurde eine durchlaufende Häusernummerierung innerhalb der Ortschaften angeordnet und sollten die Ortschaften durch Tafeln gekennzeichnet werden. „Äußerlich erscheinen die Grenzen der Ortschaften ersichtlich gemacht durch die Anbringung der Ortschaftstafel am Eingang und Ausgang der Ortschaft.“

Eine Ortschaft definierte man durch die gemeinsame durchlaufende Nummerierung. Erst später wurde es in größeren Ortschaften üblich, diese Nummerierung durch Aufteilung auf einzelne Straßen übersichtlicher zu machen. Der Sinn, einem Ort einen Namen zu geben, liegt darin, die sich darauf befindlichen Häuser und Grundstücke sowie die Bewohner und Besitzer dieser eindeutig definierbar zu machen.

Pragmatisch und gesetzlich

Die Verwaltung weiß dadurch, wohin sie Briefe schicken kann, oder wo eine gesuchte Person erreichbar und gemeldet ist, wo die Steuer fällig wird und wohin Straf- oder Einrückungsbescheide zuzustellen sind. Auswärtige Personen sollen durch Namensgebung und Hinweisschilder die Orte finden können. Und schließlich sollen im Grundbuch bestehende Grundstücke den jeweiligen (Katastral-)Gemeinden zugeordnet werden können. Es hat also alles einen recht pragmatischen und gesetzlich wichtigen Hintergrund, warum Orte mit Namen bezeichnet werden. Doch Ortstafeln sind mehr als das: Ortsnamen sind ein hohes kulturelles Gut und repräsentieren sowohl die Geschichte und Herkunft des Ortes, als auch seine Bewohner.

Nüchtern oder Sammelobjekt

Der Name des Ortes ist auch emotional wichtig, mag er nun so nüchtern sein wie „Ort im Innkreis“, oder so sehr an Assoziationen reich wie das berühmte „Fucking“, dessen Ortstafeln immer wieder von „Sammlern“ abmontiert und gestohlen werden. Ortsnamen erzählen dem Kundigen viel von der Geschichte des Landes, ob Hallstatt oder Bad Hall (Salz), ob Reit oder Holzschlag, ob Seewalchen und Straßwalchen, die auf eine romanisch sprechende Bevölkerung noch in der Zeit der bairischen Besiedlung hinweisen, ob Windischgarsten und Garsten, die slawische Gründungen anzeigen.

Ortsnamen verweisen auf Ortsgründer und Ortsheilige, auf keltische, römische, slawische oder bairische Wurzeln, auf wirtschaftliche Grundlagen und topografische Eigenheiten. Manche Ortsnamen sind berühmt, weil sie kuriose sprachliche Bedeutungen angenommen haben, die nichts mit ihrer ursprünglichen Wurzel zu tun haben, beim schon erwähnten Fucking im Innviertel, aber auch beim weniger bekannten Sexling in der Mühviertler Gemeinde Berg, oder Weibern, Hühnergeschrei, Liebenau, Ameisberg, Hundbrenning, Schweinbach oder Saudorf.

Unterhimmel und Stinkenbrunn

Der Werbewert von Unterhimmel und Christkindl ist bekannt und entsprechend genutzt. Manche Orte wollen hingegen mit ihrem allzu missverständlichen Ortsnamen nicht mehr weiterleben: etwa das niederösterreichische Gaunersdorf, das sich in Gaweinstal umbenannt hat.

Auch Stinkenbrunn verweist nicht gerade auf Lebensqualität und touristische Attraktivität. Durch das öffentliche Anbringen von Ortsnamen, und dies in den Sprachen der dort wohnenden Bevölkerung, wird ersichtlich, wer hier wohnt und wohnte: Im Zeitalter der Nationalstaaten wurde dies zum Zeichen öffentlicher Demonstration: Hier war diese Volksgruppe ansässig, hier ist jene ansässig und hier ist ihre historische Beheimatung anerkannt. Von Seiten der „Mehrheitsbevölkerung“ sind mehrsprachige Ortstafeln eine symbolische Anerkennung für die Existenz der „Minderheit“.

Im österreichischen Amtsdeutsch des Vormärz klangen die Ortstafelverordnungen folgendermaßen: die „Affigirung der Ortschaftstafeln“ wird den k. Kreisämtern übertragen, dass diese „in der Länge von zwei Schuh und sieben Zoll und in der Breite von ein Schuh zehn Zoll, davon mit einer fünf Zoll hohen Einfassung von drei Seiten herzustellen sind, welche in jedem Orte des Kreises nach der Bestimmung des § 30 des Konskriptionssystems vom 25. Oktober 1804 am Ein- und Ausgange, am zweckmäßigsten an dem ersten an der Straße liegenden Hause, bei den mit Toren versehenen Städten über dem Tore, oder wo die ersten Häuser zu weit von der Straße entfernt sind, an einem 5 bis 6 Schuh hohen Pfahle errichten zu lassen. Übrigens muss die Grundierung in weißer Ölfarbe, die Aufschrift in schwarzer Ölfarbe geschehen.“

Eine Tafel reguliert den Verkehr

Für den Verkehr in solcherart abgegrenzten Ortschaften galten bestimmte Auflagen, etwa das Verbot, mit brennenden Fackeln durchzufahren oder des lauten Schnalzens mit der Peitsche.

Im beginnenden Zeitalter des Automobils wurde dann dieses zum Hauptobjekt der Verkehrsregulierer: zuerst 15 Stundenkilometer, dann dreißig oder vierzig, eine Zeitlang unbeschränkt und dann 50 Kilometer. Im Zeitalter des Nationalismus ging es auch schon um die Sprache der Ortstafeln, etwa im Zuge der sogenannten Badenischen Sprachenverordnungen von 1897 im Königreich Böhmen und in der Markgrafschaft Mähren.

Ortstafeln als Streitobjekt

Zwei- oder mehrsprachige Ortstafeln waren und sind immer wieder Gegenstand heftigster Auseinandersetzungen, in Kärnten ebenso wie in Polen oder in Israel.1972 ließ Bundeskanzler Bruno Kreisky in Kärnten in Vollzug des Staatsvertrags die ersten zweisprachigen Ortstafeln aufstellen. Insgesamt sollten 205 Ortschaften zweisprachig beschildert werden. Die Folge war der sogenannte Ortstafelsturm, bei dem teilweise vor laufender Kamera und in einigen Fällen auch in Anwesenheit der Gendarmerie die zweisprachigen Aufschriften abmontiert oder zerstört wurden. Einer der Höhepunkte war das als Ortstafelverrückung bekannt gewordene Einschreiten des Kärntner Landeshauptmannes Jörg Haider am 8. Februar 2006, um durch ein Versetzen der Ortstafel um wenige Meter ein höchstgerichtliches Urteil unwirksam zu machen. Mehrsprachige Ortstafeln werden zum Symbol eines vereinigten, multikulturellen und multinationalen Europa.

Linz setzte im Kulturhauptstadtjahr mit symbolischen Ortstafeln in den vielen Sprachen seiner multikulturellen Bewohner ein schönes Zeichen. Ortstafeln sind also mehr als nur ein Hinweisschild für Autofahrer oder eine Möglichkeit, Verkehrssünder abzustrafen.

 

Gemeinden, Ortschaften, „Heilige“ Orte

444 Gemeinden gibt es in Oberösterreich, österreichweit sind es 2357.

Sankt... 159 Gemeinden tragen das Wort Sankt vor dem Gemeindenamen – also immerhin jede 14. Gemeinde. Im Hoch- und Spätmittelalter wurde vielen Gemeinden ein Sankt vorangesetzt, um die Bedeutung des Kirchennamens zu unterstreichen. In Oberösterreich gibt es 40 Sankt-Gemeinden.

Dem heiligen Georg, also dem Schutzheiligen der Reiter, Soldaten, Bauern und Bergleute, sind in Österreich 15 Orte gewidmet. Sechs davon in Oberösterreich: St. Georgen bei Obernberg, am Fillmannsbach, bei Grieskirchen, an der Gusen, im Attergau, am Walde.

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Artikel Roman Sandgruber 07. Juli 2012 - 00:04 Uhr
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