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Oberösterreich

Die Herrschaft der Rowdys

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich auch das Verhalten von Schülern und Lehrern. Ein Einblick von Bernhard Doppler.

Die Herrschaft der Rowdys

Klassenfoto aus dem Akademischen Gymnasium zur Feier der „Wiedervereinigung“ im Jahr 1938 Bild: privat

Der Linzer Hermann Bahr hat einmal gesagt, unsere Schule sei ein Tummelplatz der Mittelmäßigkeiten, doch was unsere Schule im Laufe der letzten Jahre geworden ist, brauche ich Ihnen nicht zu sagen: Der Rowdy, zum Ideal erhoben, herrschte in der Gestalt des HJ-Führers!" So eröffnete 1946 nach dem Zweiten Weltkrieg Direktor Hubert Razinger am Akademischen Gymnasium die Konferenz des Lehrkörpers. Es sei geradezu eine "weltgeschichtliche Tatsache", erklärte der Schuldirektor, "dass es Durchgefallene mit schwelenden Neid- und Rachekomplexen waren, die unsere Schule regierten – siehe die durchgeflogenen Mittelschüler Hitler und Eigruber (August Eigruber, der Gauleiter von Oberdonau, Anm.) – und damit die Welt und menschliche Kultur in Brand gesteckt haben."

Rowdytum in der Schule: In den Tischgesprächen, die Adolf Hitler 1942 im Führerhauptquartier in der Wolfsschanze führte, wurde öfter darüber geplaudert. Immer wieder lässt sich Hitler in seinen Monologen über Erinnerungen an seine Schulzeit an der Realschule Linz bzw. in Steyr aus, macht sich über die Aussprache seiner Lehrer lustig. Er prahlt mit seinen Lausbubenstreichen, wenn er etwa dem dicken Religionslehrer den Weg zwischen den Bänken versperrte oder ihn mit obszönen Schreibereien an der Tafel zur Verzweiflung brachte. Kaum einer der Lehrer habe Disziplin gehabt. Die "Revolution" sei in die Klassen gezogen, jeder konnte machen, was er wollte, amüsierte sich Hitler nostalgisch.

Bericht des Maturajahrgangs ’42

Das Schularchiv des Akademischen Gymnasiums kann durchaus Einblick gewähren, wie es während des Nationalsozialismus in dieser Schule zuging. Unter den Klassenfotos zur Feier der "Wiedervereinigung" finde ich auch meinen Vater: die Gesichter der Schüler forsch, aber eher finster und skeptisch. Doch "mit dem Ernst der Schule war es vorbei: Einmal eine Parade, dann der Empfang einer Parteigröße, die Professoren hatten Sorgen, wir den Übermut der Jugend. Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt – mochten die Eltern auch etwas besorgt sein." Diese Beobachtung findet sich in einem Bericht des Kriegsmaturajahrgangs 1942 – angefertigt nach dem Krieg.

Den nationalsozialistischen Lehrern schienen ihre Fächer nicht mehr so wichtig, und die, die 1938 übernommen wurden, obwohl sie nicht bei der Partei waren, agierten äußerst vorsichtig. Sie ließen sich von den Schülern schnell einschüchtern und hatten Angst, denunziert zu werden. Mit Kindern von nationalsozialistischen Eltern wollte man sich unter keinen Umständen anlegen.

"Physiklehrer N.", so steht es im Bericht des Maturajahrgangs 1942, "musste es sich gefallen lassen, dass wir während der Stunde aus dem Fenster der damals im Parterre liegenden Klasse sprangen, weil der Reichsarbeitsdienst mit klingendem Spiel und blitzenden Spaten eben durch Linz zog und unsere nichtsahnenden Herzen sich freuten." Und weiters, man liest die Eintragung nicht ohne Schrecken: "Was kümmerte es uns, dass dieser Rausch den anderen Elend bedeutete. Jetzt sprachen wir, jetzt waren wir Deutsche, alles Vaterländische war vorbei. Jede krumme Nase wurde zum Verhängnis, in der Schule geprügelt, auf der Straße geächtet."

Noch aufschlussreicher sind aber die Überprüfungsbögen des oberösterreichischen Landesschulrates. 1945 waren von 44 Lehrern am Akademischen Gymnasium 36 neu, nur acht waren übernommen worden. Direktor Hubert Razinger hatte bereits im Untergrund während des Nationalsozialismus – u. a. mit dem späteren Linzer Bürgermeister Koref – an neuen Lehrplänen für ein neues Österreich gearbeitet. 1938 war Razinger aus dem Schuldienst sofort entlassen und in eine Strafkompanie "einrückend" gemacht worden. Seine Berichte sind von psychologischer Einfühlung, Scharfsinnigkeit und großer, geradezu literarischer Anschaulichkeit.

Razinger war nicht nur Pädagoge, sondern auch Theaterkritiker und Regisseur. 1933 hatte er am Akademischen Gymnasium eine aufsehenerregende Aufführung von Gerhart Hauptmanns sozialem Drama "Die Weber" inszeniert, auf die der Dichter mit einem Dankschreiben reagierte. Auch die Überprüfungsbögen zeigen Politik als Theater – vor allem, wie schnell Lehrer politische Programme als Theaterrolle sehen und dabei ihre Kostüme wechseln, um inhumane Verhaltensweisen auszuagieren. Ich habe diese Akten mit meinem Vater durchgeblättert. Er war immer wieder fasziniert, wie ausführlich und verblüffend präzise der Lehrkörper in diesen Formularen charakterisiert wird. Das Bild der Schule war ihm – 73 Jahre später – plötzlich äußerst lebendig.

Der Lehrkörper war gespalten

Da ist Professor K., der den Unterricht in Stiefeln und SS-Uniform hielt: "Ein stadtbekannter Vollnazi ohne Einschränkung", wie im Überprüfungsbogen zu lesen ist. "Überall gefürchtet." Er hetzte bedenkenlos Klassen gegen ihre Lehrer auf, wenn diese ihm politisch nicht gefielen. "Als Nazi in Reinkultur" fand er selbst bei gemäßigten Altnazis einmütige Ablehnung. Sein Ansehen und sein berufliches Können seien gering. "Seit Mai 1945 ist er nicht mehr aufgetaucht."

Aber es gab auch Professor F., "eine wissenschaftliche Natur", ein "Nazi aus Ängstlichkeit", ein gegenüber dem praktischen Leben hilfloser Mensch.

Professor P. erscheint in den Überprüfungsbögen fast als tragische Figur. Er war immer so ängstlich, erinnert sich mein Vater. Als entlaufener Benediktinermönch betonte er seine Konversion zum Nationalsozialismus und war ständig bedacht, dass ja nichts gegen die Partei gesagt wurde. Er war "sieggläubig" und noch in den letzten Kriegstagen über pessimistische Stimmungen sehr aufgeregt.

Man sprach nicht miteinander. Es gab in der sogenannten "Flüsterecke" die "Foppa-Clique" (benannt nach dem ehemaligen Kollegen Hermann Foppa, der inzwischen Landesschulinspektor, Abgeordneter im nationalsozialistischen Reichstag und "Gaupropagandaredner" geworden war).

Die ausführlichsten Berichte finden sich über Professor E., ja Hubert Razingers Beurteilung liest sich da beinahe wie eine Novelle von Thomas Mann. E., heißt es, sei eine seiner größten auch privaten Enttäuschungen gewesen – obwohl er schon bald die Schwächen seines Probelehrers durchschaute und dessen manchmal unehrliches Spiel auf E.s Spielschulden zurückführte. E. war mit der Familie Razingers sehr vertraut, doch nach dem Anschluss erwiderte er nicht einmal einen Gruß. "Ein Schwanken der Meinung wäre unter den damaligen Zeitumständen auch bei einem innerlich gefestigten Menschen irgendwie begreiflich gewesen, selbst eine weltanschauliche Erschütterung bei einem ringenden und suchenden Geist. Er war ein junger Mensch und er brauchte kein festes Weltbild zu haben, und in jedem Menschen stecken Widersprüche. Aber die Plötzlichkeit erschreckte und nahm selbst die Nazilehrer gegen ihn ein. Am 10. 3. 1938 war er noch an der Spitze der Vaterländischen Front und schluchzte bei der Demission Schuschniggs theatralisch. Am 13. 3. war er begeisterter Führer des Jungvolkes und meldete sich sofort bei der SA, die ihn aber zurückwies, weil man ihm doch nicht traute. Nun tat er Spitzeldienste und war nazistisch bis zum Überdruss. Besonders schikanierte er katholische Schüler, die er provozierend immer wieder aus antikirchlichen Tendenzschriften vorlesen ließ. E. mimte den kampfhungrigen Soldaten, weil er gleichzeitig wusste, dass er – medizinisch nicht kriegstauglich eingestuft – gar nicht genommen wurde."

Bühne frei für Professor E.

Sein schauspielerisches Talent gestattete es ihm, nach ärztlichen Untersuchungen sogar zu schluchzen, weil er schon wieder nicht an die Front durfte. Es waren "Possenreißereien", die ihn auch für die Nazis als sonderbare Gestalt erscheinen ließen, "ein Charakter, der den Stürmen der Zeit nicht gewachsen war".

Professor E. ist dann doch noch nach 1945 als Lehrer untergekommen – am Realgymnasium in Wels. Er zeige erkennbaren Willen zu ehrlicher österreichischer Aufbauarbeit. Sicherlich, heißt es im Schreiben des Welser Schuldirektors, eine gewisse Selbstgefälligkeit trete an ihm hervor. Professor E. "möchte seine unzweifelhaft vorhandene schauspielerische Begabung in die Tat umsetzen und hört sich gerne öffentlich reden. Vorlesungen aus religiösen Schriften in größerem oder kleinerem privaten Kreis schaffen ihm die Möglichkeit, Geltungsbedürfnis zu befriedigen und die österreichische Linie zu betonen." Schule – auch hier als Theater also.

 

Das Projekt „Die Schule“

Das Projekt erforscht die Geschichte von 1918 bis 2018 anhand des Akademischen Gymnasiums in Linz. Der Komponist Peter Androsch und der Literaturwissenschafter Bernhard Doppler betreiben das Vorhaben gemeinsam mit der Geschichtelehrerin Bernadette Chausse und einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums.

Die Institution Schule kann aus geschichtlicher, soziologischer oder kulturhistorischer Perspektive betrachtet werden. Klar ist, dass die Schule als Labor gesellschaftlicher Prozesse fungiert. Die Schule ist Spiegel der Gesellschaft. Ganz wörtlich und als Metapher. Es spiegelt sich die Fassade der Gebäude vis-à-vis, genauso wie die Auslagen und Passanten, Überzeugungen, die Leben der anderen.

 

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Artikel Bernhard Doppler 15. September 2018 - 00:04 Uhr
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