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Oberösterreich

Christian Thalhammer: Das Leben braucht seine Zeit

Von Von Reinhold Gruber   17. August 2013 00:04 Uhr

Das Leben braucht seine Zeit
In den Bergen fühlt sich Christian Thalhammer wohl.

Man kann sich dem Diktat der Zeit unterwerfen, darüber klagen, zu wenig davon zu haben, oder trachten, sie zu nutzen. Christian Thalhammer versucht Letzteres.

Es ist lässig, wenn man den Tag anfängt, wenn man ausgeschlafen ist, man ins Bett geht, wenn man müde ist, und sich nicht von der Zeit antreiben lässt. Christian Thalhammer sagt das unaufgeregt, aber voll Überzeugung.

Ein cooles Gefühl sei das. Ein Gefühl, das viele von uns nicht mehr kennen würden. Ein Gefühl, das er nicht mehr missen möchte.

Gänzlich frei ist der 50-jährige Linzer natürlich nicht vom Diktat der Zeit. Er hat seinen Beruf, in einem Sonderkrankenhaus für Alkoholkranke und Medikamentensüchtige. Er hat seine Tennisschule „longline“, die er 2004 gemeinsam mit Jürgen Kniewasser gründete. Er hat seine kleine Landwirtschaft in Linz-Pichling, wo er aufgewachsen ist und heute noch lebt. Aber: „Wenn ich einen Tag frei habe, dann bin ich ohne Uhr unterwegs.“ Sagt es und deutet auf sein leeres Handgelenk. Beweis seiner Worte.

Thalhammer sieht man an, dass er fit ist. Ein sportlicher Typ, in dessen Augen eine Frische zu entdecken ist. Typisch für Menschen, die sich viel im Freien bewegen, die Natur suchen, die es in die Welt hinaus zieht. So ein Typ war der Linzer immer. So ein Typ ist er bis heute. Nur die Prioritäten haben sich verschoben. Über die Jahre. Mit der Zeit.

Berge und Beziehung

Er lief Marathon, suchte im Triathlon Herausforderung und fand viele Erfahrungen, flog um die Welt, um die hohen Berge nicht nur zu sehen, sondern sie auch zu besteigen. Die Berge, zu denen er, wie er sagt, eine geniale Beziehung pflegt, erinnern ihn an seinen verstorbenen Vater. „Mein Vater ist mit mir ins Tote Gebirge gegangen, hat mir die Berge näher gebracht“, sagt Thalhammer. In diesem Moment verschwindet seine Leichtigkeit, zieht etwas Melancholie auf. „Als er starb, hat mir meine große Bezugsperson gefehlt.“ Wenn er heute auf Berge geht, dann ist sein Vater irgendwie wieder da. Er fühlt es zumindest so.

Berge, Gipfel – sie spielen auch in jenem Projekt eine Rolle, das Thalhammer seit dem vergangenen Jahr pflegt. „7 Summits For Life“ nennt er es. Sein Motto kommt dem, was er möchte, näher: „Abenteuer Leben“. Nicht im Sinne einer Selbstverwirklichung, eines Strebens nach Auslotung neuer persönlicher Grenzen, ausschließlich dem eigenen Ego dienend. Thalhammer will viel mehr Bewusstsein schaffen – für den Respekt vor dem Leben.

Das Projekt entstand aus einem Bedürfnis heraus, dem „Bedürfnis, dieser beschleunigten und verschwenderischen Zeit, den unreflektierten Lebensweisen, der Intoleranz und Ausgrenzung sowie dem oft respektlosen Umgang mit der Natur und uns selbst etwas entgegenzusetzen.“

Auszeit im Sommerurlaub

Dieses Etwas ist seither eine besondere Tour. Im Sommerurlaub. Ohne Stress und zeitliche Vorgaben. Nur mit dem Ziel, auf dem Weg zu und von Berggipfel Menschen zu begegnen, Natur zu erleben, das Leben zu spüren. Dass ihn dafür einige für einen Spinner oder Phantasten halten werden, ist ihm so klar wie egal. „Lebenswertschätzungs-Tour eines Spinners“ – diesen Titel hat er einem Diavortrag einmal gegeben.

Niemand muss ihm folgen. Keinen will er bekehren. Er will nur Augen öffnen, dass wir Menschen bewusster und schonender mit dem umgehen, was uns umgibt. Und wer ihm zuhört, kann erfahren, dass er kein Fleisch ist und keinen Alkohol trinkt. Zu Hause kommt er mit dem aus, was „bei uns aus dem Boden wächst oder vom Baum herunterfällt“. Fast. Denn auf Milch und Käseprodukte will Thalhammer nicht verzichten. Die kauft er zu. Was er davon hat? Einen irren Aufwand, aber auch ein gutes Gefühl. Das lohne den Aufwand.

Bekanntlich beginnt ja jede Veränderung im Kleinen. Also sprach auch nichts dagegen, dass der Linzer seine Sicht auf das Leben und die Gesellschaft in die Öffentlichkeit hinaus tragen wollte. Auslöser für sein Projekt „7 Summits For Life“ war ein Motivationsseminar, das er vor fünf Jahren für seinen Arbeitgeber machte.

„Am Abend bin ich laufen gegangen und habe einen Hund gefunden, der ausgesetzt worden war. Seine Pfoten waren schon am Boden angefroren. Ich habe ihn mit nach Hause genommen.“ Eine Entscheidung, die das Leben des bekennenden Tierschützers doch ein wenig verändern sollte. „Seit ich den Hund habe, habe ich meinen Tag ein wenig anders gestaltet. Ich stehe jeden Tag um sechs Uhr früh auf, gehe mit meinen mittlerweile zwei Hunden zwei Stunden lang in die Au. Das mache ich am Nachmittag und am Abend noch einmal. Dabei habe ich vieles entdeckt, was ich schon lange nicht mehr wahrgenommen habe.“ Wie etwa das Zwitschern der Vögel.

Wichtiger als das war aber eine Erkenntnis: Die zeitliche Verpflichtung, die er mit seinen Hunden eingegangen ist, hat nicht verhindert, dass er alles, was er sich für den Tag vornimmt, locker umsetzen kann. Also: Die Zeit für das nutzen, was einem wichtig ist.

Lebenserfahrung

Vielleicht hat Christian Thalhammer diese Erfahrungen auch nicht ganz zufällig in einem Alter gemacht, in dem viele Menschen bilanzieren, auf Erreichtes zurückschauen, Träumen nachhängen. „Dass ich meine Träume nicht umgesetzt habe – das will ich mir am Schluss meines Lebens nicht selbst vorwerfen müssen.“

In seinen bisherigen fünf Lebensjahrzehnten hat Thalhammer ohnedies viel erlebt, viele Talsenken durchlaufen, wie er schonungslos zugibt. „Ich habe eine Ehe mit vier, mittlerweile erwachsenen Kindern in den Sand gesetzt. Mein Egoismus hat mit dazu beigetragen.“ Hausbau, ein Schuldenberg, der seinesgleichen suchte – der Linzer war dafür selbst verantwortlich. In dieser Zeit fand er sich an einem Punkt, wo andere vielleicht zum Trinken beginnen, weil sie den Druck nicht aushalten. Thalhammer besann sich auf das, was er gut kann, gründete die Tennisschule, begann schnell, seine Schulden zurück zu zahlen und entdeckte nebenbei, dass man nur so viel zum Leben braucht, dass man auskommt. „Geld ist nicht das Wichtigste.“ Das alles seien letztlich mit Faktoren dafür gewesen, dass er nun jedes Jahr seinen Urlaub dafür hernimmt, um sein Projekt „7 Summits For Life“ zu machen. Warum? „Weil ich drauf gekommen bin, dass sich meine Akkus so mehr aufladen, als irgendwo in der Sonne am Strand.“

Gegen die Norm

Thalhammer ist vom bäuerlichen Leben geprägt. Schwester und Bruder sind beide mehr als zehn Jahre älter als er. Das Leben am Bauernhof, den er von der Mutter geerbt hat, war für ihn auch wie eine Rückkehr. „Das Haus steht nahe an der Straßengrenze und wenn wir es nicht bewohnen würden, wäre es längst weggerissen worden. Das ist ein Stück Leben für mich.“

Und da ist noch etwas: die Norm. Die behagt Thalhammer gar nicht. Das hält er ganz schlecht aus. Also macht er oft ganz bewusst genau das Gegenteil der Norm. Kauft sich ein Elektroauto oder fährt mit dem Rad durch Österreich, um in jedem Bundesland den höchsten Berg zu besteigen. So begann alles im Vorjahr. „Die Zeit war für mich bis dahin eine große Unbekannte, weil ich noch nie fünf Wochen mit mir alleine verbracht habe. Es war ein gutes Gefühl, zu sehen, dass ich Entscheidungen treffen kann.“

Ein paar Steine mit seinem Projekt ins Rollen zu bringen, das wäre für ihn schön, sagt er am Ende des Gesprächs. Auf die Uhr geschaut hat keiner von uns.

Christian Thalhammer und sein "Abenteuer Leben"

7 Summits For Life nahm im Jahr 2012 erstmals konkrete Form an. Christian Thalhammer fuhr mit dem Fahrrad durch Österreich und ging auf den jeweils höchsten Berg des Bundeslandes. „Das war total lässig“, sagt der Linzer, der bei der ersten Tour den Tierschutz ins Bewusstsein verankern wollte. Thalhammer ist Gegner von Massentierhaltung und ist selbst kein Fleisch.

2½ Wochen lang war heuer die zweite Tour, die unter dem Titel „7 Summits For Life“ bereits das „Abenteuer Leben“ in den Blickpunkt stellte. Ideengeber Thalhammer wurde dabei von Journalist Andreas Prammer und Fotograf Gregor Hartl durch Oberösterreich begleitet. Die Wegstrecken zwischen den sieben Bergen wurden mit dem Rad bewältigt.

Fortsetzung 2014: Er will zwar nicht zu einer Geisel jener Idee werden, die er sich selbst ausgedacht hat, aber Thalhammer will mit seinem Projekt auf alle Fälle weitermachen. In Österreich warten noch andere Bundesländer auf eine „7 Summits“-Tour.

30 Jahre ist es her, dass der Linzer Alkohol getrunken hat. Das habe aber nichts mit seinem Job zu tun. „Wenn ich Alkohol trank, wurde ich müde und mir wurde heiß. Das mag ich nicht.“

Projekt-Ziel: „Es geht uns darum, zu sensibilisieren und den Wert des Lebens und den Respekt gegenüber allen Lebewesen und Dingen zu dokumentieren. Jeden Schritt und jede Sekunde Leben Wert zu schätzen und den Weg als Ziel betrachten zu können, ist die Herausforderung dieses Projektes.“

Sucht: Seine Arbeit mit Menschen, die mit der Substanz, wie er Alkohol- und Medikamentensucht umschreibt, mag Thalhammer sensibler für das Leben gemacht haben. Er will aber auch Vorbild sein. „Wenn ich ihnen meine Ideen, meine Art zu leben, meine Impulse und meinen Spaß im Leben transportieren kann, dann gebe ich ihnen ein Instrument in die Hand, mit dem sie relativ einfach sehen können, dass es positive Ressourcen gibt, die helfen können, von der Sucht weg zu kommen.“ Aber jeder müsse selbst etwas bewegen wollen.

100-prozentig süchtig ist Thalhammer, wobei seine Sucht einfach Leben heißt. „Simples Beispiel: An einem Tag, an dem ich verhindert bin, zu schwitzen, zu schnaufen, werde ich am Abend von dem Gefühl übermannt, ganz und gar nicht zufrieden zu sein. Ich muss mich ein wenig plagen. Da werde ich dann relaxt und locker“, sagt der 50-jährige Linzer.

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