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Oberösterreich

Brüssel: Im Herz der EU

Von Verena Gabriel und Elisabeth Prechtl   04. März 2017 00:04 Uhr

Mitten ins Herz
Das EU-Parlament liegt nicht weit vom Zentrum entfernt.

Manche Leute lieben Brüssel wegen seines internationalen Flairs. Andere bezeichnen es als hässliche, feuchte Beamtenstadt: Zu Besuch an einem Ort, der jedenfalls niemanden kaltlässt.

Abseits von Frittenbuden und Waffelwagen, Chocolatiers und charmanten Bierkneipen ist die belgische Hauptstadt Brüssel bekannt als das Herz der Europäischen Union. Das ist der wichtigste Aspekt – wobei ... Die oft zweifach in Rinder- oder manchmal sogar in Pferdefett herausgebackenen Pommes frites, welche die Eingeborenen mit Genuss zu jeder Tageszeit und zu absolut allen Gerichten verspeisen, sind die Reise allein allemal wert.

Ernsthaft betrachtet, lautet der triftigste Grund, seine Füße auf Brüsseler Boden zu setzen aber ganz klar: An diesem Ort werden in Form von Richtlinien und Verordnungen Entscheidungen getroffen, die das Leben jedes einzelnen Österreichers beeinflussen. Angefangen von der Bankenregulierung bis hin zur schrittweisen Abschaffung der Roaminggebühren – mit all diesen Dingen beschäftigen sich die Institutionen der Union. Das EU-Parlament, die Europäische Kommission und der Rat der Europäischen Union haben ihren Sitz in Brüssel.

Die Hauptstadt Europas – das ist eine ganz eigene Welt, in die zwei Jungjournalistinnen ohne große Vorstellung, was sie erwartet, eintauchten.

Beim Rückflug von ihrer ersten Dienstreise im Gepäck: Unmengen an Schokolade. In den Schuhen: Schmerzende Füße. Im Kopf: Jede Menge Eindrücke. Hier die sechs wichtigsten:

1. Die Reise in die wundersame Welt des Europäischen Parlaments auf Einladung zweier oberösterreichischer Abgeordneter, Paul Rübig und Josef Weidenholzer, beginnt an einem bitterkalten, regnerischen Nachmittag in der Brüsseler Rue Wirtz, vor dem offiziellen Eingang. Und genau dort endet sie auch beinahe schon wieder. Die Brüssel-Novizinnen haben viel zu lernen, und die erste Lektion besteht darin, zu erkennen, dass niemand das Parlamentsgebäude einfach so betritt. Mehrere Soldaten, bis an die Zähne bewaffnet, bewachen den Eingang wie Höllenhund Cerberus jenen zur Unterwelt. Nach dem Anschlag auf die U-Bahn-Station Maelbeek vor gut einem Jahr wurden die Sicherheitsvorkehrungen massiv verschärft. Im März 2016 hatte sich ein Attentäter nur einen Steinwurf vom Parlament entfernt in die Luft gesprengt und 16 Menschen mit in den Tod gerissen.

2. Ohne eine Akkreditierung in Form eines knallig-gelben Ansteckers gilt man im Parlament wenig. Um diesen zu erhalten, ist das Überspringen einiger bürokratischer Hürden erforderlich. Daraus folgt Hinweis zwei: Schul-Französischkenntnisse, die man bei Bedarf aus dem hintersten Stübchen hervorkramen kann, sind im offiziell dreisprachigen Brüssel äußerst praktisch.

3. Wer diese Hindernisse glücklich nimmt, hat allerdings noch wenig gewonnen: Er muss sich und seine Handtasche erst noch einer freundlichen, aber bestimmten Sicherheitskontrolle unterziehen lassen, die jener an einem Flughafen an Genauigkeit um nichts nachsteht. Die Brüssel-Neulinge lernen Tipp drei: Wer im Parlament arbeitet, sollte beim Stellen des Weckers die eine oder andere zusätzliche Minute einplanen.

Die Stadt mitten in der Stadt

Aber dann steht man in einer kleinen Stadt mitten in der Stadt. Im Parlament arbeiten insgesamt rund 10.000 Menschen. Wenn es nach der Ausstattung des Gebäudes ginge, müssten sie das Haus nie verlassen: Nicht nur ein Supermarkt und ein Überlebens-Kiosk (Zeitungen, Schokolade...) , auch ein Fitnessstudio, ein Friseur und ein Reisebüro sind vorhanden.

4. In der Union werden 24 offizielle Sprachen gesprochen. Ihre Klänge durch die weiten Gänge schallen zu hören, während man von einem Termin zum nächsten eilt, ist stets aufs Neue faszinierend: Wie oft bekommt man schon die Gelegenheit, Gälisch zu lauschen?

Von den schmerzenden Füßen lenkt die babylonische Sprachvielfalt jedoch nur bedingt ab, weshalb man Tipp vier beachten sollte: Bequemes Schuhwerk ist ästhetisch vielleicht nicht immer einwandfrei, aber eine Wohltat.

5. Bummeln ist im Parlament nicht. Man sollte sich hüten, den Anschluss an seine Gruppe nicht zu verlieren. Leicht verirren sich Ortsunkundige in dem 15 Stockwerke und mehrere Gebäude umfassenden Komplex. Oder, noch schlimmer, man verpasst etwas Interessantes: Die Arbeit eines Abgeordneten ist zwar abwechslungsreich, aber auch zermürbend. Der Großteil der 751 Abgeordneten der 28 Mitgliedstaaten gehört einer der acht Parlamentsfraktionen an. Deren Interessen vertreten sie ebenso wie jene ihres Herkunftslandes. Alle Interessen unter einen Hut zu bekommen, erfordert Kompromisse – und diese kosten Zeit. "Die Union ist manchmal so beweglich wie ein Flugzeugträger", merkt so mancher Parlamentarier an. Aber wer die Gelegenheit bekommt, einer hitzigen Ausschussdiskussion zu lauschen oder einer Plenarsitzung beizuwohnen, bekommt mehr Verständnis für die komplizierten Abläufe.

6. Was am Ende einer anstrengenden und aufregenden Reise bleibt, lässt sich am besten in Tipp sechs zusammenfassen: EU-Entscheidungen sind nicht immer einfach nachzuvollziehen. Aber um zu kritisieren, was nicht funktioniert, und anzuerkennen, wofür die EU im Positiven steht, sollte sich jeder Europäer selbst ein Bild von Brüssel machen. Und wegen der Fritten ...

 

Drei wichtige Institutionen der Europäischen Union befinden sich in Brüssel: Die Europäische Kommission erarbeitet Gesetzesvorschläge und setzt Beschlüsse der Gesetzgeber (EU-Parlament und Rat) um. Die Parlamentarier werden von den EU-Bürgern direkt gewählt, der Rat setzt sich aus den Staats- und Regierungschefs zusammen.
Unweit des EU-Viertels liegt die Innenstadt mit dem Königspalast. Der zentrale Platz, Grand Place genannt, ist wie die Statue „Manneken Pis“ ein Wahrzeichen von Brüssel.

 

Alle Wege führen nach Brüssel

Drei Österreicher erzählen, wie sie in der Polit-Metropole gelandet sind ...

Katharina Steinwendtner

Pressereferentin SPÖ-Delegation

Brüssel hat mich schon immer gereizt. Während meines Studiums der Politikwissenschaft an der Uni Wien war
mir klar, dass ich gerne hier arbeiten möchte. Glücklicherweise hat es auch geklappt: Über meinen Job für das ARD-Studio in Wien konnte ich im ARD-Studio Brüssel hospitieren. Nach meinem fünfmonatigen Praktikum im EU-Parlament landete ich im Presseteam des damaligen Parlamentspräsidenten Martin Schulz. Wegen der vielen spannenden Themen und des internationalen Umfelds bin ich geblieben. Seit Ende 2016 arbeite ich als Pressereferentin.

Florian Schwendinger

Assistent im Büro von Paul Rübig

Ich habe Internationale Wirtschaftswissenschaften studiert, zuerst an der WU Wien mit Austausch in Hongkong, danach den Master in Dublin und Stockholm.
Seit Sommer 2014 arbeite ich als Assistent und Berater von Paul Rübig im EU-Parlament, den ich bei den Themen Industrie, Forschung und Energie unterstütze.
Meine Arbeit bereitet mir vor allem deshalb so viel Freude, weil ich zu unserem Zusammenleben und zur Weiterentwicklung unserer Gemeinschaft in Europa beitragen kann. Außerdem wünsche ich mir, die Herausforderungen unserer Zeit konstruktiv und friedlich zu meistern sowie den demokratischen Entscheidungsprozess besser zu verstehen.

Rebecca Kampl

Die 32-jährige ist seit 2011 Mitarbeiterin im Büro des Parlamentsabgeordneten Josef Weidenholzer.

Ich habe Sozialwirtschaft an der Johannes-Kepler-Universität in Linz studiert und danach einige Jahre an der Universität gearbeitet. Ich habe mich schon, bevor ich nach Brüssel gekommen bin, viele Jahre politisch bei den Sozialdemokraten engagiert. Der Job als Assistentin im EU-Parlament setzt viel Einsatz voraus, aber es ist großartig, in einem europäischen Umfeld zu arbeiten und an Europa mitzuarbeiten und dazu beizutragen. Europa ist schließlich nicht weit weg, sondern unsere Heimat und betrifft uns alle.

 

Spaziergang durch das Pommesparadies

In der Stadt der 27 Staaten liegen der Königspalast und das Parlamentsgebäude nur wenige Schritte voneinander entfernt

Donnerstagabend in Brüssel: Ein Großteil der EU-Parlamentarier ist bereits über das Wochenende in Richtung Heimat abgedüst. Im Regierungsgebäude kehrt Ruhe ein. Davor, auf dem Place du Luxembourg, wird es dafür umso belebter.

Noble Restaurants, in denen untertags Beef Tartar oder belgisches „Gulasch“ – zartes Rindfleisch in Biersauce – serviert werden, verwandeln sich in dieser Nacht zu Partyzonen. Bier strömt aus den Zapfhähnen in Plastikbecher, während schnelle, basslastige Musik aus den Boxen dröhnt.

Kurzweilige Freundschaften

Statt sich durch steife Small-Talks zu quälen, nutzen die Feiernden den Abend, um ihren Brüsseler Freundeskreis zu erweitern. Großartig anstrengen müssen sie sich dafür nicht. Bekanntschaften zu schließen, ist in Brüssel ungefähr so einfach, wie Pommesbuden zu finden.

Spaziergang durch das Pommesparadies In der Stadt der 27 Staaten liegen der Königspalast und das Parlamentsgebäude nur wenige Schritte voneinander entfernt
V.l.: Elisabeth Prechtl (OÖN), Regina Rusch (Praktikantin im Parlament), Verena Gabriel (OÖN)

Das lässt sich damit erklären, dass viele Menschen der Karriere wegen in die belgische Hauptstadt ziehen und anfangs auf sich allein gestellt sind. Ihre Gemeinsamkeit ist die Einsamkeit, genauso wie ihre Weltoffenheit und ihr Erfolgshunger. Kontakte lassen für die Neuankömmlinge, die aus allen Ecken Europas kommen, nicht lange auf sich warten. Doch das Ganze hat eine Schattenseite. So schnell man neue Freunde in Brüssel findet, so schnell verschwinden sie auch wieder. Ein ständiges Kommen und Gehen prägt die Multikulti-Metropole, wie Schokolade, Bier und Pommes frites es tun.

Weniger überlaufen ist das königliche Viertel der Stadt, obwohl der Weg vom EU-Parlament in der Rue Wirtz zum royalen Palast im Stadtzentrum ein kurzer ist. Nur 1000 Meter trennen die zwei Welten voneinander. Und wer die Straße weiter entlang schlendert, steht in wenigen Gehminuten am Grand-Place („Großer Platz“).

In der Nähe versteckt sich das unscheinbare Wahrzeichen der Stadt: Die 61 Zentimeter kleine Bronzestatue eines nackigen, urinierenden Buben, besser bekannt als „Manneken Pis“. Der Winzling hat in etwa denselben Kultstatus wie der Donnerstagabend.

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