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Oberösterreich

Als Linz noch Kaffeehauptstadt war

Von Roman Sandgruber   10. Januar 2015 00:04 Uhr

Als Linz noch Kaffeehauptstadt war
Franck-Fabrik um 1900

LINZ. Franckviertel und Franckstraße sind nicht nur den Linzern vertraute Begriffe. Namensgeberin ist eine einflussreiche Unternehmerfamilie, die Linz einst zur Kaffeehauptstadt der Donaumonarchie machte.

Die älteren Leute erinnern sich gewiss, vielleicht sogar mit etwas Nostalgie, an die weiß-blauen Kaffeepackungen von Franck & Kathreiner mit den bei Kindern so begehrten kleinen Beigaben oder an die Werbesujets des Titze-Onkels und der Titze-Tante.

Bis das Wirtschaftswunder den Bohnenkaffee für alle erschwinglich machte, war Ersatzkaffee aus Zichorienwurzeln, getrockneten Feigen, Gerstenmalz, Lupinensamen und ähnlichen Ausgangsprodukten ein fast unentbehrliches Produkt. Heinrich Franck Söhne war durch mehr als ein Jahrhundert hindurch nicht nur ein Linzer Familienunternehmen mit internationaler Bedeutung, sondern auch Ausdruck des Zeitgeistes einer Epoche, in der Ersatzkaffee einen der wichtigsten Bestandteile der Esskultur aller Arbeiter- und Bauernhaushalte bildete. Franck machte Linz zur Kaffeehauptstadt bzw. Kaffeeersatzhauptstadt der Habsburgermonarchie und der darauf folgenden Republik Österreich. Von 1879 bis 1973 prägte das Unternehmen das Linzer Wirtschaftsleben. Es war lange Zeit hinter der Tabakfabrik der zweitgrößte Linzer Industriebetrieb.

"Ich bin ein Franckarbeiter"

Durch den charakteristischen Kaffeegeruch, der ständig über dem Areal schwebte, aber noch viel mehr durch umfangreiche Sozialleistungen, durch den Bau von Arbeiter- und Angestelltenwohnhäusern, einer Kleinkinderschule und eines eigenen Werkskindergartens wurde ein Viertel geschaffen, das eine eigene Identität und einen besonderen Zusammenhalt entwickelte und zum Symbol für die Anfänge der Industriestadt Linz wurde. Ein "Franckarbeiter" oder ein "Franckbeamter" zu sein, das waren einst Statussymbole. Als im Februar 1934 auch in Linz Bürgerkrieg herrschte, hörte man nichts von einer Beteiligung der Franck-Belegschaft. Die Kugeln pfiffen über das Firmengelände hinweg, von der Diesterwegschule zur Dorfhalle. In der Fabrik selbst und auf dem Fabrikgelände blieb es ruhig.

Bei der 75-Jahr-Feier im Jahr 1954 bezeichnete der damalige Landeshauptmann Heinrich Gleißner das Unternehmen als "ein sicheres Haus in einer sehr unsicheren Welt". Und der Linzer Bürgermeister Ernst Koref meinte, kein anderer Betrieb sei so tief und innig mit Linz verbunden wie Franck. Er erzählte von seiner Linzer Gymnasiastenzeit: Als er einmal in einem Aufsatz Franck ohne "ck" geschrieben habe, habe er vom Professor dafür eine heftige Rüge erhalten: "Das müsste man als Linzer doch eigentlich wissen." Und als Sozialdemokrat fügte er hinzu, und das zu einem Zeitpunkt, als es bereits die verstaatlichte Voest und die verstaatlichten Stickstoffwerke als sozialdemokratische Hochburgen gab, er kenne keinen anderen Linzer Betrieb, der durch so herausragende Sozialleistungen und durch so konsolidierte Verhältnisse und durch solch einen sozialen Frieden ausgezeichnet sei.

Ein von Männern geführter Frauenbetrieb

Heinrich Franck Söhne blieb bis zum Unternehmensende 1973 ein Familienunternehmen, auch wenn die Familie sich in zahlreiche Zweige teilte und die Beteiligungsverhältnisse in den Aktiengesellschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung mehr als kompliziert waren. Zuletzt war es ein von Männern geführter Frauenbetrieb, nicht nur was die Beschäftigtenstruktur, sondern auch was die Eigentümerstruktur betraf. Das Foto der Führungsmannschaft zum 75-Jahr-Jubiläum im Jahr 1954 zeigt 34 Männer und keine einzige Frau. Dabei stand das Unternehmen zu dem Zeitpunkt zu mehr als zwei Dritteln im Besitz von Frauen als stille Gesellschafterinnen. Auch der größere Teil der Beschäftigten waren Frauen. Und getrunken wurde das Produkt vornehmlich von Frauen.

Carl Franck, Walter Franck und Johann Heinrich Franck sind durch ihr Engagement in karitativen, künstlerischen und wissenschaftlichen Einrichtungen von Linz besonders hervorgetreten. Man tat viel für die Gemeinschaft, spendete für die Diakonie, für die kulturellen und sozialen Projekte der Stadt, für Theater und Parkanlagen, man engagierte sich in Vereinen und in der evangelischen Kirche, und man brachte Neues nach Linz, den ersten Golfclub oder die rotarische Bewegung. Ersatzkaffee war eine krisensichere Sache. Je schlechter die Zeiten, umso besser ging das Geschäft. Doch mit dem Wirtschaftswunder kam das Ende des Produkts. Das Viertel hat mit dem Niedergang und dem Ende der Kaffeemittelerzeugung viel von seiner Identität verloren.

Der später geprägte Begriff "Glasscherbenviertel" hatte nichts mehr mit Franck zu tun, sondern betraf die Barackensiedlungen, die im und nach dem Zweiten Weltkrieg hier entstanden waren. Die Franck-Villa, ein Linzer Architekturjuwel in neobarockem Jugendstil, wurde 1966 abgerissen.

Das ehemalige Fabrikgelände ist nur mehr in wenigen Spuren erkennbar. Wo sich die Unternehmer-Villa befand, steht jetzt das ORF-Landesstudio, über Teilen der ehemaligen Produktionsanlagen erhebt sich das Design-Center, der einstige Fabrikskindergarten ist als "Schaller-Haus" Bestandteil von Raiffeisen, die Wohnhäuser wurden nicht immer stilgerecht renoviert. Aber das ganze Viertel ist durch die neuen Funktionen drauf und dran, wieder aufzuleben und aufzublühen.

Firmengeschichte

1828: Johann Heinrich Franck gründet in Vaihingern, Württemberg, eine Fabrik zur Erzeugung von Kaffee aus den Wurzeln der Zichorie.

1869: Der Standort wird nach Ludwigsburg verlegt.

1879: Die Linzer Niederlassung wird eröffnet.

1883: Carl Franck übernimmt die Leitung des österreichischen Geschäfts.

1883 bis 1911: Gründung von Zweigniederlassungen in allen Teilen der Habsburgmonarchie.

1910: Erwerb der Mehrheit an der Linzer Adolf J. Titze GmbH.

1912: gemeinsam Holding-Gesellschaft mit der Wiener und deutschen Kathreiner AG.

1926: Carl Franck stirbt, Walter Franck übernimmt die alleinige Führung, zieht sich jedoch 1938 aus dem aktiven Geschäft zurück.

1939: Verlegung der Unternehmens-Zentren nach Berlin.

1943: Fusion der Heinrich Franck Söhne und Kathreiner GmbH zur neuen Firma Franck und Kathreiner GesmbH.

1945: Wiederbegründung einer selbständigen österreichischen Gesellschaft.

1971: Löschung der in "Titze Nahrungsmittel GmbH" umbenannten Julius Titze AG.

1973: Übernahme von Franck&Kathreiner durch Nestlé.

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