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1968

"Der Marsch geht weiter"

Von Thomas Spang aus Memphis   31. März 2018

"Der Marsch geht weiter"
Martin Luther King winkt 1963 von der Lincoln-Gedächtnisstätte in Washington Zehntausenden Menschen zu, die gegen Rassismus in den USA protestieren.

Bürgerrechte in den Vereinigten Staaten 50 Jahre nach dem Mord an Friedensnobelpreisträger Martin Luther King.

Rhonda Bellamy Hodge (28) hat auf ihrer Reise entlang der Wirkstätten Martin Luther Kings einen langen Weg zurücklegt. Die schwarze Geschichtsstudentin pilgerte von Atlanta, dem Geburtsort des Bürgerrechtlers, über dessen Wirkstätten in Birmingham, Montgomery und Selma bis nach Memphis.

"Die letzten Meter sind die schwersten", gesteht Rhonda, während sie auf die Aufnahmen starrt, die auf einen Müllwagen der Stadtwerke von Memphis flackern. Sie liest die Schlagzeilen, die Kings Rede zu den streikenden Müllarbeitern ankündigen. King war Anfang April 1968 aus Solidarität in die am Mississippi gelegene "Bluff City" gekommen. King sprach von "schwierigen Tagen vor uns", die ihn aber nicht beunruhigten, weil er schon auf dem Gipfel des Berges gewesen sei und das gelobte Land gesehen habe. "Ich gehe dort vielleicht nicht mit euch zusammen hin, aber wir als Volk werden das gelobte Land sehen".

Im "Lorraine Motel" abgestiegen

Wie immer stieg er im "Lorraine Motel" ab, eine der wenigen Unterkünfte für Farbige in der rassengetrennten Südstaaten-Stadt. Und wie gewohnt nahm King im Raum 306 Quartier. Das Zimmer ist die letzte Station in dem "Civil Rights Museum" und emotionaler Höhepunkt für Rhonda, die King an dem Ort die letzte Ehre erweist, an dem James Earl Ray ihn vor 50 Jahren mit einem gezielten Schuss ermordete. "Es fühlt sich wie gestern an."

"Der Marsch geht weiter"
Raum 306 im „Lorraine Motel“

Teuflischer Geist des Rassismus

Reverend Spencer Stacy (52) kann das gut nachvollziehen. "Der teuflische Geist des Rassismus lebt in unseren Systemen und Strukturen weiter", klagt der Führer der Bürgerrechts-Koalition MICAH, zu der sich 42 Kirchen, Gewerkschaften und Bürgerrechts-Gruppen zusammengeschlossen haben.

Der Reverend der "New Direction"-Megakirche versteht als seine Aufgabe, "die Stafette aufzuheben, die King fallen ließ, als er auf dem Balkon des Lorraine Motels zusammensackte". Die Bürgerrechtler können sich auf eine Studie der Universität von Memphis stützen, die untersucht hat, wie es Schwarzen und Armen seit dem Tod Kings ergangen ist. "Es fühlt sich so an, als ob die Arbeit, die Martin Luther King begonnen hat, damals einfach stehen blieb", sagt die Soziologin Maria Elena Delavega (55).

Obwohl Afro-Amerikaner durch Bildungsreformen heute vergleichbare Abschlussraten erzielen, halten sich hartnäckig Einkommensunterschiede. Wie zu Zeiten Kings verdienen in Shelby County, zu dem Memphis gehört, Farbige nur halb so viel wie Weiße. "Die Afro-Amerikaner tun das, was wir von ihnen erwarten. Sie machen aber wirtschaftlich keine Fortschritte.

Jedes zweite schwarze Kind lebt in Armut. Die Armutsrate unter Afro-Amerikanern insgesamt liegt 2,5 Mal über der weißer Bürger. Gut bezahlte Jobs sind in der von FEDEX und anderen Logistik-Unternehmen geprägten Umschlag- und Warenlager-Stadt Fehlanzeige. Ebenso bezahlbarer Wohnraum und Gesundheitsfürsorge. Die Soziologin sieht "institutionalisierten und endemischen Rassismus am Werke". Einen Befund, den Anwalt Josh Spickler aus seiner Arbeit für die der Reform des Strafrechts verschriebenen Organisation "Just City" nur teilen kann. Er beschäftigt sich mit einem Phänomen, das zu Lebzeiten Kings noch nicht bekannt war, sondern, so seine Analyse, erst eine Reaktion auf das Ende der Rassentrennung war.

"Der Marsch geht weiter"
"Es fühlt sich wie gestern an.“ Rhonda Bellamy Hodge, Studentin

Seit Ende der 1970er der "Krieg gegen die Drogen" begann, landeten Afro-Amerikaner überproportional hinter Gittern. Die Zahl der Gefangenen stieg von knapp einer halben Millionen auf 2,3 Millionen Menschen an. Dabei wanderten fünf Mal so viele Schwarze ins Gefängnis wie Weiße. Ein Trend, der auch auf das Zentrum des Blues zutrifft. Die Zahl der schwarzen Gefängnis-Insassen stieg um 50 Prozent, während die weiße Gefangenenpopulation leicht abnahm.

Struktureller Rassismus

Für Spickler ist die Strafjustiz Beispiel für strukturellen Rassismus. "Erst haben wir sie mit Schiffen gegen ihren Willen hier hingebracht und nach der Sklaven-Befreiung mit den Jim-Crow-Gesetzen unterdrückt. Und nach der Abschaffung der Rassentrennung erfanden wir das System des Wegschließens." Natürlich habe es auch Fortschritte gegeben, sagt die schwarze Direktorin des "Civil Rights Museums" Terri Freeman. Aber King wäre "enttäuscht über diese Wohlstandskluft und das Strafrechtssystem." Wenn am 4. April die Glocken zum Gedenken an Kings Tod läuten, sei das auch ein Signal, an die unvollendeten Aufgaben eines Bürgerrechtlers, der schon damals global dachte und lokal handelte. Wie beim Streik der Müllarbeiter.

"Der Marsch geht weiter"
Gedenken im Civil Rights Museum

Diese Aufgabe fällt nun seinen Erben zu, die unter Führung des Bürgerrechtlers William Barber die "New Poor People Campaign" organisieren. 50 Jahre nach Kings Tod versuchen sie aus den 95 Millionen Amerikanern, die von Lohntüte zu Lohntüte oder unter der Armutsgrenze leben, eine multi-ethnische Koalition zu schmieden.

Rhonda Bellamy Hodge sieht am Ziel ihrer Reise im "Lorraine Motel" klarer als zuvor, wie aktuell Kings unvollendete Mission bleibt. Ihr Fazit könnte als Motto über dem 50. Jahrestag des Mordes stehen. "Der Marsch geht weiter."
 

Zur Person

Vor 50 Jahren – am 4. April 1968 – wurde Martin Luther King ermordet. Er gilt als einer der herausragenden Vertreter im Kampf gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit und war zwischen Mitte der 1950er- und Mitte der 1960er-Jahre der bekannteste Sprecher des Civil Rights Movement, der US-Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner. Er propagierte den zivilen Ungehorsam als Mittel gegen die politische Praxis der Rassentrennung. 1964 erhielt er den Friedensnobelpreis.
 

Jahr des Aufbruchs

Das Jahr 1968 war ein Jahr vielfältiger Umwälzungen – von der Bürgerrechtsbewegung in den USA über den Prager Frühling bis zu Studentenprotesten in Paris und Berlin. Die OÖN setzen sich im Frühling
immer wieder mit diesem Thema auseinander.

Die Meisterklasse für Grafik und Kommunikationsdesign an der HTL1 in Linz hat für diesen Schwerpunkt das nebenstehende Logo entwickelt. Schülerinnen und Schüler werden auch Inhaltliches beisteuern.

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