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"1968 hat gezeigt, dass die Gesellschaft gestaltbar ist"

Von Herbert Schorn   21.April 2018

"1968 hat gezeigt, dass die Gesellschaft gestaltbar ist"
Uni-Professor Michael John erforscht die 1968er-Bewegung.

Herr Professor, weltweit gab es 1968 Proteste, von der Friedensbewegung bis zu Studenten-Unruhen. Aber was war 1968 in Linz los? Nichts?

John: Konkrete Aktionen gab es kaum. Franz Kain, Journalist und bekennender Kommunist, machte mit seiner kleinen Tochter einen Protestmarsch auf der Landstraße gegen die Vietnam-Politik der USA. Aber der Aufbruch lag in der Luft. So organisierte etwa der Student Peter Kuthan eine Fahrt von Studenten nach Vorarlberg, um gegen die Einsetzung eines Bischofs zu protestieren. Darunter war auch Ludwig Scharinger.

Der diese Aktion später als Blödsinn abtat …

Ja, aber es zeigt, dass etwas in der Luft lag, wenn selbst Leute aus einem konservativen Milieu an solchen Aktionen teilnahmen.

Wie war damals die Situation?

Die Gesellschaft war hoch konservativ. Die 68er-Bewegung war ja eine kulturelle, keine soziale Revolte. Es gab einen Politiker in Wels, der den Verkauf des Bravo-Heftes am Bahnhofskiosk unterbinden wollte, in Vorarlberg waren Bikini und Twist-Tanzen verboten. In Internaten und Heimen gab es bei den Burschen Nachthemdkontrollen, um zu sehen, ob sie onaniert hatten, unverheiratete Frauen hatten Probleme, die Pille zu erhalten.

In Linz entstand die Protestbewegung in den frühen 1970er-Jahren. Was passierte?

Es gab schon 1969 mehrere Demonstrationen. Renate Janota brachte eine Zeitung namens "Kritik 69" heraus, in der Themen wie Sex, Abtreibung oder die Pille angesprochen wurden. Ich war 1969 in der fünften Klasse des Linzer Akademischen Gymnasiums. Als eine Schulkollegin die Zeitung während des Unterrichts unter der Bank las und der Mathematik-Professor das bemerkte, riss er das Mädchen an den Haaren aus der Bank und beschimpfte es. Ich war zum ersten Mal richtig empört.

An der Uni wurde 1970 das Institut für Arbeits- und Sozialrecht besetzt. Wie kam es dazu?

Da geht’s um eine eher einfache Geschichte. Manfred Eder, Mitglied des linken VSStÖ, war von seinem Professor für eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft vorgeschlagen worden. Zuvor hatte Eder in einer Studentenzeitung geheime, nicht unbeträchtliche Zusatzgehälter der Professoren veröffentlicht.

Warum gab es diese Zusatzgehälter?

Weil sonst viele Professoren nicht an die neue Uni nach Linz gekommen wären. Die Professoren haben dann in der Mehrzahl gegen Eder gestimmt. Sie wollten ihn bestrafen. Das hat die Studenten aufgebracht. Es gab Hörerversammlungen. Studierende wollten mit dem Institutsvorstand reden, aber er verbarrikadierte sich im Institut. Da besetzten die Studenten das Institut. Erst Wissenschaftsministerin Herta Firnberg, die nach Linz kam, konnte den Konflikt lösen.

Was war die "Rote Lokomotive", die damals gegründet wurde?

Das war die erste Wohngemeinschaft in Linz. Das war einer der Kristallisationspunkte der Szene. Mit dabei waren unter anderem Peter Kuthan, Wolfgang Moringer, Bernd Richard und Greta Skau. Die große Attraktion war ein großes Bett, in dem alle schliefen. Die fünf Mitglieder nahmen auch Jugendliche aus Erziehungsheimen in ihre WG auf, die ihnen das Land zuwies.

Was passierte beim so genannten Spartakus-Aufstand 1971?

Die Gruppe Spartakus bestand aus marxistischen Aktivisten. Sie richteten den Blick auf soziale Randgruppen, etwa "Zöglinge" in Erziehungsheimen. Sie unterstützten die Jugendlichen im Heim in Linz-Wegscheid, sich gegen drakonische Verhältnisse zur Wehr zu setzen. Die Aktionen mündeten in einer Massenflucht von Heimbewohnern. Einer suchte sogar in der Schweiz um politisches Asyl an.

Wie waren die Verhältnisse im Heim in Linz-Wegscheid?

Es gab ein striktes militärisches Regiment. Die Jugendlichen waren eingesperrt, das Heim war mit einem Stacheldrahtzaun umzäunt. Bei Verstößen gab es oft Prügel. Sie mussten 40 Stunden arbeiten, erhielten aber nur ein Taschengeld. Es gab Misshandlungen seitens der Erzieher und Übergriffe älterer Jugendliche auf Jüngere.

Was bleibt von der 1968er-Bewegung?

Es war eine Kulturrevolution, die Umgangsformen, Sexualität, persönliche Freiheiten umfasste. Es ging um eine Reform aller Lebensbereiche, die Frauenbewegung kam etwas später hinzu. Es kam zu einer Demokratisierung vieler Lebensbereiche. Einige Forderungen hat die Regierung Kreisky später kanalisiert, etwa die Frage der Abtreibung.

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit?

Dass die Gesellschaft formbar, veränderbar, beeinflussbar ist. Zumindest war sie das damals. Derzeit gibt es offenbar wieder eine Gegenbewegung in Richtung Konservativismus. Sie hat für mich 1986 begonnen, als gleichzeitig zur Waldheim-Affäre Jörg Haider zum Vorsitzenden der FPÖ gewählt wurde. Damit begann ein neuer Konservativismus, der vieles, was die 1968er vorantrieben, zum Feindbild hat. Zum Beispiel können Sie sich heute nicht mehr kleiden, wie Sie wollen. Das Burka-Verbot verhindert das, über ein partielles Kopftuchverbot wird jetzt diskutiert. 1989 gingen die Grenzen in Osteuropa auf, jetzt werden wieder Zäune errichtet.

Es geht also wieder zurück?

Ja, das ist evident.
 

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Michael John über Protestbewegungen von 1968 und den Folgejahren in Linz


Michael John

Michael John ist stellvertretender Vorstand des Institutes für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Linzer Kepler-Uni, an der er seit 1986 arbeitet. Im Jahr 1968 war er 14 Jahre alt. Er lehrte in Linz, Salzburg, Budapest und Ljubljana.

Seit Jahren erforscht John etwa die Aufbruchsbewegung von 1968 (und der Folgejahre) in Österreich, darunter die Studentenproteste an der damaligen Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (heute Kepler-Uni) oder etwa die Kampagne gegen die restriktiven Regeln im Jugendwohnheim Linz-Wegscheid („Spartakus-Aufstand“).

Weitere Schwerpunkte betreffen sozialgeschichtliche Themen, etwa Migration, Minderheiten, Heimkinder. Für die Landesausstellung in Steyr 2021 „Adel – Bürger – Arbeiter“ ist er mit Herta Neiss wissenschaftlicher Berater.

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19. Oktober 2019