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Die Fahnenflucht der Milchbauern

GMUNDEN/LINZ. Mit heimischen Molkereien unzufrieden: Deshalb gehen mehr als 20 Prozent der heimischen Milch nach Bayern.

Die Fahnenflucht der Milchbauern

Milchregal in Bayern: Rohstoff kommt aus Oberösterreich. Bild: OÖN/lehn

Wirbel bei der Gmundner Molkereigenossenschaft, weil je ein Mitglied des Vorstandes und des Aufsichtsrates ihre Milch zur Konkurrenz liefern wollen. Es hat aber Tradition, dass oberösterreichische Milchbauern ihrer Molkerei abtrünnig werden. Auslöser sind Unstimmigkeiten, zumeist wegen des Milchpreises.

Johann Großpötzl aus Sigharting (Bez. Schärding) organisierte 2001 eine Gemeinschaft von Bauern, die ihrer Genossenschaft den Rücken kehrten. Dieser "Verein der Milchproduzenten" (VDM) hat mittlerweile rund 670 Mitglieder, die zu den Firmen Jäger, Bergader und Weiding (Bärenmarke) liefern. 200 Millionen von insgesamt knapp einer Milliarde Liter oberösterreichischer Milch pro Jahr gehen so derzeit über den Inn.

Freie Milch gescheitert

Die Mitglieder seien mit dem Preis immer besser gefahren als zuhause, sagt VDM-Geschäftsführer Martin Detzlhofer, auch wenn ihnen bei ihrem Abgang das Schlimmste prophezeit worden sei. Österreichs Molkereiverband argumentiert mit der Statistik: Die heimische Branche zahle immer mehr als die deutsche – allerdings nur im Schnitt.

In Bayern gibt es Nischenverarbeiter, die mit höheren Preisen ihre Marktanteile steigern wollen. Sehr zufrieden sind etwa Biobauern aus dem Bezirk Rohrbach mit ihren Abnehmern jenseits der Grenze. Viele Bauern sind auch innerhalb Österreichs gewechselt, vor allem zu Salzburg Milch und Woerle.

Eine Erfolgsgeschichte wurde der Umstieg der Milchbauern in den Braunauer Gemeinden Gilgenberg und Hochburg-Ach von Berglandmilch zur Berchtesgadener Milch. Deren Molkerei liegt gleich über der Grenze am Walserberg, in Piding, und zahlt traditionell den höchsten Milchpreis, weil es ihr gelingt, Topqualität zu produzieren und als solche zu vermarkten.

Kritik an Austro-Nationalismus

"Das war 2004 eine ganz schwere Entscheidung. Ich war Funktionär bei der Molkerei Feldkirchen (Anm.: Berglandmilch). Wir waren immer mit dem Milchpreis unzufrieden und haben dann gesagt: Wenn wir gehen, dann alle", erinnert sich Felix Spitzwieser. Berchtesgadener zahlte selbst in der schlimmsten Krise heuer im Sommer 40,5 Cent pro Liter Milch inklusive Mehrwertsteuer (Berglandmilch 30,9 Cent brutto). Mittlerweile sind von den 1700 Berchtesgadener Genossenschaftsmitgliedern 230 aus Österreich.

Sie beklagen die chauvinistische Haltung der österreichischen Bauernvertreter, die Molkereiprodukte aus Bayern an den Pranger stellen, obwohl sie zu einem so hohen Anteil von heimischen Kollegen kommt. "Bayerische Molkereivertreter sagen, dass sie bei öffentlichen Ausschreibungen in Österreich nicht mehr zum Zug kommen. Das fällt uns Bauern auf den Kopf", sagt Detzlhofer. Die heimischen Molkereien könnten diese Mengen gar nicht aufnehmen bzw. vermarkten. Der VDM hat langfristige Verträge; kämen die fahnenflüchtigen Lieferanten aber zurück, würden sie in ihren Genossenschaften nicht mehr aufgenommen.

Wiederaufnahme verweigert

"Es hat Bauern gegeben, die haben uns damals verhöhnt, als sie gegangen sind. Sie würden jetzt viel mehr Geld erhalten, und wir seien die Blöden. Das merkt man sich", sagt ein Funktionär der Berglandmilch den OÖNachrichten. Diese Haltung spüren derzeit 48 Milchbauern aus dem oberösterreichisch-niederösterreichischen Grenzgebiet, die mit der "Freien Milch" auf der Strecke geblieben sind. Als Vermarkter ist ihnen vorerst der VDM zur Seite gesprungen.

Beruhigt hat sich die Lage in Gmunden, nachdem bekannt geworden war, dass zwei Funktionäre Kontakte zur Salzburger Konkurrenz geknüpft hatten. Wegen der schlechten Preise in Gmunden prüfen sie Alternativen – die es derzeit nicht gibt. Gmundner-Obmann Josef Fürtbauer sagt, es sei unerfreulich, wenn abwanderungswillige Funktionäre bei Sitzungen Geschäftsgeheimnisse erführen: "Ich kann gewählte Funktionäre aber nicht ausschließen." So lange sie das Vertrauen der Mitglieder hätten, müsse er das aber akzeptieren.

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Artikel Josef Lehner 22. Oktober 2016 - 00:04 Uhr
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