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Das Phänomen Fussl

Das Innviertler Familienunternehmen Fussl hat alle großen heimischen Textilhändler überlebt und trotz erfolgreich den internationalen Handelsketten. Welche Geheimnis hat die Familie Mayr, die schon in fünfter Generation Fussl führt? Und wagt das Unternehmen in absehbarer Zeit den Schritt ins Ausland?

innviertler Fussl trotzt Zara & co

Seit 1996 Geschäftsführer: Ernst, Maria und Karl Mayr (v.l.) Bild: VOLKER WEIHBOLD

Die Mitte ist das Ziel. Und das Ziel wird erreicht. Das ist – vereinfacht gesagt – das Geheimrezept der Familie Mayr aus Ort im Innkreis. Seit 1871 und mittlerweile in fünfter Generation betreibt die Familie die Fussl Modestraße und damit das größte Modeunternehmen in heimischem Eigentum.

Die Mitte verlangt nach Verlässlichkeit und Sicherheit, Beratung, nicht allzu ausgefallener, aber doch modischer Kleidung. Sie ist preisbewusst, aber durchaus auch kaufkräftig. "Das ist der normale, hart arbeitende Mensch, der sowohl beim Hofer einkauft als auch sich mal ein bisschen Luxus gönnt", sagt Maria Mayr, die mit ihrem Mann Karl und Schwager Ernst die Geschäftsführung bildet.

Die Mitte fühlt sich offenbar wohl bei Fussl und trägt dazu bei, dass das Innviertler Familienunternehmen nicht nur expandiert, sondern dabei auch beachtliche Gewinne erzielt.

In den vergangenen 40 Jahren habe man alle fünf Jahre den Umsatz verdoppelt, sagt Karl Mayr, der mit seinem Bruder Ernst das Unternehmen 1996 von den Eltern übernommen hat und bei der Expansion so richtig Gas gegeben hat. Heute beschäftigt Fussl an 155 Standorten 1050 Mitarbeiter. Dabei handelt es sich vorwiegend um Frauen, die den Fussl-Geist atmen und regelmäßig geschult werden, um den Kunden beste Beratung angedeihen zu lassen.

Stärker gewachsen als andere

Dass diese Expansion nicht selbstverständlich ist, zeigen ein paar Zahlen. Die börsenotierte Firma Esprit hat in den vergangenen fünf Jahren massiv an Wert und in Österreich 37 Prozent Umsatz verloren. Fussl hat im gleichen Zeitraum flächenbereinigt 34 Prozent dazugewonnen.

Was machen die Mayrs anders? Sie haben auf alle Fälle ein kleines, aber cleveres Team mit sechs Mitarbeitern rund um Maria Mayr, das weiß, was die Kunden anziehen und kaufen wollen. Unter den 350 Lieferanten, die Fussl beliefern, sind 150, die die Fussl-Eigenmarken herstellen. Diese bekommen aus Ort genaue Kollektionsvorgaben, was wie zu produzieren ist. Das gewährleiste, dass heimischen Kundinnen mit Größe 38 tatsächlich 38er-Größen passen. (Was keine Selbstverständlichkeit ist und bei Nichtpassen durchaus Frustration auslöst.)

"Wir schauen uns sehr genau an, welche Produkte in der abgelaufenen Saison gut angenommen wurden, und bauen darauf auf", sagt Maria Mayr. Bei den Farbschwerpunkten werde darauf geachtet, dass Produkte aus den vergangenen Kollektionen mit jenen aus der neuen harmonieren. Das bindet nebenbei auch Kunden.

Was bei den internationalen Messen und auf dem Catwalk vorgeführt wird, das findet sich bald auch bei Fussl. Das betrifft sowohl die Farben als auch die Schnitte. Die Kleinheit des Teams garantiert hohe Flexibilität. Damit kann man auch dem Umstand Rechnung tragen, dass im Gegensatz zu früher, als es zwei Saisonen gab, nun ständiger Sortimentswechsel die Regel ist. Dabei sei es wichtig, dass die Ware sich rasch bewegt und am Ende der Hauptsaison nur wenig übrig bleibt. Dies sei auch das Geheimnis dafür, dass Fussl die Hausbank regelmäßig mit guten Ergebnissen beeindrucken könne, sagt Karl Mayr nicht ohne Stolz.

Auswahl der Lieferanten

Bei der Auswahl der Lieferanten bedient man sich sowohl Firmen in Tschechien oder der Türkei, aber auch Asien. In Ländern wie Bangladesch lässt man sich über Partneragenturen die Qualität der Produktion sowie der dortigen Arbeitsbedingungen bestätigen. "Es gibt dort einerseits Missstände bei der Textilproduktion, andererseits aber hochmoderne Produktion, die den Beschäftigten auch faire Löhne zahlt", sagt Karl Mayr. "Wir haben es uns zur Gewohnheit gemacht, die Fabriken selbst zu besichtigen, prüfen zu lassen und die Produktionskette zu kontrollieren. Das macht sicher und spart Kosten, weil wir keine Zwischenhändler brauchen."

Fussl orientiert sich bei der Auswahl der Lieferanten auch an großen Labels wie etwa Boss. Das liefere Anhaltspunkte für die Qualität. Für Kunden habe das den Vorteil, dass man fast idente Ware zu deutlich niedrigeren Preisen bei Fussl bekomme, sagen Karl und Ernst Mayr.

In der vergangenen Woche haben Maria und Karl Mayr ihre Partnerbetriebe in Indien besucht. Dort wird Bio-Baumwolle produziert, aus der dann Bio-T-Shirts hergestellt werden.

Härtester Markt in Österreich

Die Situation für den Handel in Österreich sei viel härter als in anderen europäischen Staaten, sagt Karl Mayr. "In Österreich hat jeder Kunde zwei Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung, in Deutschland 1,3 und in anderen Ländern noch weniger." Gleichzeitig habe man das Erstarken der Konkurrenz durch das Internet auch gut überstanden. "Und das, obwohl wir im Textilhandel längst eine Deflation haben. Kleidung war früher im Verhältnis zum Einkommen wesentlich teurer."

Dass man all diese Herausforderungen gemeistert hat, mache durchaus zuversichtlich, dass eine weitere Expansion auch im Ausland erfolgversprechend sei, geben sich die Mayrs optimistisch.

Während sich Wien als Markt als schwierig erweise, weil die guten Standorte laut Ernst Mayr zu teuer seien und im restlichen Österreich der Plafond langsam erreicht werde, sei ein Schritt ins Ausland denkbar, aber noch nicht geplant. "Wenn wir ins Ausland gehen, läge Bayern nahe", sagt Karl Mayr. Die Mitte dort ist ähnlich.

 

Zahlen

1050 Mitarbeiter sind bei Fussl beschäftigt, davon sind rund 95 Prozent weiblich.

130 Millionen Euro wird das Unternehmen heuer umsetzen. In den vergangenen 40 Jahren wurde der Umsatz alle fünf Jahre jeweils verdoppelt.

155 Filialen lenkt die Geschäftsführung vom Firmensitz in Ort in Innkreis aus, davon firmieren 130 unter dem Namen Fussl. Daneben betreibt man als größter österreichischer Franchisenehmer auch 20 Esprit-Geschäfte.

 

Fünfte Generation

1871 Jungunternehmer: Felix Fußl nützt die Wirtschaftslage und eröffnet in seiner Landwirtschaft in Ort eine Gemischtwarenhandlung.

1912 Erste Übergabe: Sein Sohn Karl Fußl und dessen Frau Maria übernehmen den Betrieb und führen ihn durch schwierige Zeiten.

1912-1963 Harte Phase: Während des Zweiten Weltkriegs stirbt der Sohn der Fußls. Die Tochter heiratet den Lehrer Karl Mayr. Das Paar hat drei Söhne.

1963 Von Fußl zu Mayr: Der älteste der drei Söhne ist der heutige Seniorchef Karl Mayr. Er übernimmt von seiner Großmutter den Betrieb.

1963-1996 Die erste Expansion: Karl Mayr und seine Frau Berta (links unten) bauen das Geschäft aus und eröffnen den ersten SB-Laden im Innviertel.

1996 Nächste Generation: Die beiden älteren Söhne Karl und Ernst Mayr übernehmen das Unternehmen, das unter Fussl Modestraße firmiert und schon 15 Filialen hat. Karls Ehefrau Maria wird Prokuristin.

1996-2014 Die zweite Expansion: Die fünfte Generation erhöht die Zahl der Filialen auf insgesamt 155 in ganz Österreich, davon sind 130 Fussl-Geschäfte. Daneben ist man auch größter Franchise-Nehmer für die Marke Esprit.





 

 

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Artikel Dietmar Mascher 29. November 2014 - 00:04 Uhr
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