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"Wir bezahlen mit Daten Dienste, die wir uns sonst nie leisten könnten"

GMUNDEN. Der Psychologe und Datenwissenschafter Michal Kosinki sieht keine Bedrohung durch Google, Facebook & Co, wenn wir lernen, damit umzugehen. Die OÖNachrichten sprachen mit dem renommierten Wissenschafter am Rande des "Academia-Superior-Plenum" am Samstagabend in Gmunden.

"Wir bezahlen mit Daten Dienste, die wir uns sonst nie leisten könnten"

Michal Kosinski: "Wir müssen unsere Gesellschaft im digitalen Zeitalter völlig neu organisieren.“ Bild: Wakolbinger

OÖN: Ihr Fachgebiet ist Psychometrie. Das ist vielen von uns nicht geläufig. Können Sie kurz erklären, was genau Sie machen?

Kosinski: Ich benütze bei meiner Arbeit Algorithmen und Big Data, um damit unser Wissen über menschliches Verhalten zu vergrößern. Wir leben in einer digitalen Welt. Unsere Kommunikation, unser Fahrverhalten mit dem Auto oder sogar unser Gesichtsausdruck erlauben uns, nach Mustern darin zu suchen.

Sie sagen, 100 "Likes" auf Facebook reichen Ihrem Algorithmus, jemanden besser einzuschätzen als dessen Freunde. Das finden viele von uns bedrohlich. Gehen wir zu leichtfertig mit unseren Daten in den sozialen Medien um?

Wir haben eine Wahl. Smartphones und die Dienste in den sozialen Medien machen unser Leben leichter, effizienter und billiger. Das ist alles so nützlich, dass es fast unmöglich ist, darauf zu verzichten. Aber Sie können das, wenn Sie wollen.

Und für diese Annehmlichkeiten zahlen wir mit unseren Daten.

Ja, aber ich denke, es ist ein fairer Deal. Diese Dienste wären immens teuer, wenn man sie mit Geld bezahlen müsste. Damit schließt sich die Kluft zwischen den privilegierten und weniger privilegierten Menschen ein bisschen.

Darüber können wir uns freuen, aber vorsichtig sollten wir doch sein, oder?

Unsere Umwelt ändert sich dramatisch, auch das, was wir Privatsphäre nennen. Ihre Religion oder Ihre sexuelle Orientierung steht nicht in Ihrem Pass. Aus gutem Grund. Jetzt können aber derartige Daten relativ einfach anhand des digitalen Fußabdruckes eruiert werden. Das heißt, wir müssen darüber nachdenken, wie wir unsere Gesellschaft völlig neu organisieren.

Was heißt das konkret?

Ein Beispiel: Vor nicht allzu langer Zeit gab es eine große Aufregung in den USA, als es hieß, Muslime sollten registriert werden. Das ist eine Idee aus dem 20. Jahrhundert. Mit den heutigen Techniken brauchen Sie nur Zugriff auf das Smartphone oder vielleicht reicht bald nur ein Gesichts-Scan, um zu wissen, welche Religion Sie haben.

Was bedeutet das für unsere Demokratie, wenn wahlkämpfende Politiker Zugriff zu diesen Techniken und zu unseren Daten haben? Stichwort: Cambridge Analytica und Donald Trump.

Es war Barack Obama, der diese Möglichkeiten als erster Mainstream-Politiker genutzt hat. Damals hieß es: Toll, der geht intensiv auf die Belange der Wähler ein und verwendet moderne Kommunikationstechniken. Die Republikaner haben schlicht aufgeholt. Außerdem hat Hillary Clinton rund dreimal so viel Geld für den Wahlkampf in sozialen Medien aufgewendet als Donald Trump. Diese Technologie ist nicht gut oder böse, sie ist neutral. Man kann mit relativ wenig Geld einen effizienten Wahlkampf machen und ist damit weniger von Spenden großer Firmen oder Lobby-Gruppen abhängig.

Trotzdem haben viele Leute Angst vor dieser Entwicklung. Wie können wir die Angst vor dieser neuen Art der Kommunikation verlieren?

Wir haben immer eine gewisse Zurückhaltung vor Dingen, die wir nicht oder nicht ganz verstehen. Vorsicht ist ja grundsätzlich in Ordnung. Aber wir können dieses Rad nicht mehr zurückdrehen.

Wir müssen also lernen, damit umzugehen?

Genau. Ich gebe Ihnen wieder ein Bespiel: Fake News. Die hat es immer schon gegeben. Die Frage ist, ob die Menschen jetzt eher darauf hereinfallen als in der Vergangenheit. Das ist nicht der Fall, darüber gibt es eine eindeutige empirische Evidenz. Wir sind die am besten informierte Generation, sind gut ausgebildet und wir haben einen noch nie dagewesenen Zugang zu Informationen. Das gilt nicht zuletzt auch für junge Menschen, die mit den neuen Medien aufgewachsen sind.

Vermessung der Zukunft

Academica Superior diskutiert am Samstagabend in Gmunden über die Chancen und Risiken der Vermessung der Zukunft. Neben Michal Kosinski diskutieren u. a. die deutsche Journalisten Susanne Gaschke und der Genetiker Markus Hengstschläger. Nach seinem Wechsel in die Privatwirtschaft übergab Michael Strugl den Vorsitz der Academica Superior an LH-Stv. Christine Haberlander.
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Artikel Hermann Neumüller 31. März 2019 - 19:01 Uhr
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