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Kopf: "Die meisten wollen arbeiten, aber nicht zu den Bedingungen"

LINZ. Der Geschäftsführer des Arbeitsmarktservice, Johannes Kopf, über die Jobvermittlung.

Kopf: "Die meisten wollen arbeiten, aber nicht zu den Bedingungen"

Johannes Kopf inmitten der künftigen Arbeitswelt – bei der Eröffnung des JobExpress am Linzer Bahnhof Bild: Cityfoto/Pelzl

Welche Umwegeffekte eine überregionale Jobvermittlung bringt und wie lange Arbeitslose Zeit zur Jobsuche haben, darüber spricht Johannes Kopf, Geschäftsführer des Arbeitsmarktservice Österreich, im OÖN-Interview.

 

OÖN: In Oberösterreich ist der Arbeitsmarkt leer gefegt. In Wien liegt die Arbeitslosenrate bei zwölf Prozent. Was läuft falsch?

Kopf: Österreich hat – und das sage ich mit der Überheblichkeit eines Wieners – nur eine große und stark wachsende Stadt. Es gibt eine starke nationale wie internationale Zuwanderung nach Wien. Das führt dazu, dass es in der Stadt zu wenige Wohnungen als auch zu wenige Arbeitsplätze gibt. Dazu kommen noch viele Einpendler und eine nicht so dynamische Wirtschaftsentwicklung wie im Industrieland Oberösterreich.

Ist das AMS da machtlos?

Nein, einiges gelingt eh. Es gibt zwei Gründe für Arbeitskräftemangel. Es gibt den strukturellen, wo Spezialisten wirklich fehlen. Und es gibt einen zweiten Mangel aufgrund von Konditionen, die nicht gut genug sind. Ich nenne ein simples Beispiel: Es gibt in Tirol mehr Köche, als Köche beschäftigt sind. Es arbeiten viele in der Industrie.

… weil sie dort besser verdienen.

Die Argument, erhöht doch die Gehälter im Tourismus, ist zu trivial. Wir stehen in einem internationalen Wettbewerb, und du kannst die Lohnkosten nicht einfach auf die Preise aufschlagen.

Im Dienstleistungsbereich ist der Markt noch lokaler.

Das stimmt. Aber der Tourismusgast kann in Tirol Ski fahren gehen oder sich überlegen, einen Badeurlaub zu machen.

Ein arbeitsloser Koch sagte kürzlich, er würde gern arbeiten – tagsüber und "nur in Wien".

Es geht um die Frage, wer finanziert seinen Wunsch? Das Arbeitslosenversicherungsrecht sagt nicht, welchen Job er annehmen muss. Es definiert nur die Bedingungen, zu denen er weiter Arbeitslosengeld bezieht. Da gibt es ein großes Missverständnis. Es ist jedes Menschen Recht zu sagen, ich will nicht weg aus Wien. Es ist aber nicht jedes Menschen Recht, dann weiter Arbeitslosengeld zu bekommen. Ich höre von Firmen, ihr schickt mir Leute, die wollen nicht arbeiten. Die meisten wollen – aber nicht zu diesen Bedingungen. Das kann jeder für sich in Anspruch nehmen, nur nicht erwarten, dass die Allgemeinheit zahlt.

Verstehen Sie, dass da die Wirtschaft auf die Barrikaden steigt?

Ja. Wenn die Bedingungen zumutbar sind, dann verliert der Einzelne das Recht, Leistungen des Arbeitsmarktservice zu beziehen. Daher sind die Sperren 2018 um deutlich mehr als 50 Prozent gestiegen. Nicht weil die Menschen weniger arbeitswillig sind, sondern weil wir ihnen viel mehr Stellen anbieten können. Die Sanktionen sind mit dem Streichen des Geldes für sechs Wochen durchaus hart.

Aus Oberösterreich gibt es den Vorschlag, diese Sanktion auf drei Wochen zu verkürzen, dafür aber öfter zu verhängen.

Ich könnte mir auch vorstellen, den Bezug zu halbieren. Weil ein gänzliches Streichen zu so existenziellen Sorgen führen kann, dass der Fokus nicht mehr auf die Arbeitssuche gerichtet ist.

Warum geht bei überregionaler Vermittlung so wenig weiter?

So ist das nicht. Wir vermitteln verstärkt überregional. Wenn wir etwa von Wien hinaus Jobs anbieten, erhöhen wir nachweisbar die Arbeitsaufnahme auch in Wien.

Erklären Sie das näher.

Mancher nimmt daher lieber einen Job in Wien, den er weniger gern hat, als nach Oberösterreich umzuziehen. Damit ist aber dem, der den Mangel hat, nicht geholfen.

Wie lange wird die Suche nach einem besseren Job vom AMS akzeptiert?

Es ist auch volkswirtschaftlich sinnvoll, dass arbeitslos gewordene Menschen anfangs den Rücken frei haben und nicht den nächstbesten Job nehmen müssen. Daher unterstützen wir in den ersten drei Monaten vor allem mit Vermittlung. Aber dann kommt der Punkt, wo man durch längere Suche zwar ein noch attraktiveres Jobinserat findet. Aber die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass man den Job auch bekommt. Weil die Firmen Bewerber nach neun Monaten Arbeitslosigkeit nicht mehr gern nehmen. Darum werden wir nach vier, fünf Monaten auch strenger. Wir müssen unseren Kunden klar machen, dass sie jetzt flexibler werden müssen, weil sie sonst gar keinen Job mehr bekommen.

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Artikel Sigrid Brandstätter 12. Januar 2019 - 00:04 Uhr
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