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Vorstandschef der Erste Bank: „Einlagensicherung nur noch mit hohem Selbstbehalt“

WIEN. Warum die Erste Group und die Sparkassen künftig Beipackzettel zu Finanzprodukten liefern und er für eine massive Einschränkung der Einlagensicherung ist, erklärt Generaldirektor Andreas Treichl im Gespräch mit den OÖNachrichten.

Treichl: „Beipackzettel für Finanzprodukte“

Das Finanzgeschäft ist populistisch geworden. Andreas Treichl Vorstandschef der Erste Bank Bild: APA

OÖN: Sie haben gesagt, es müsste Beipackzetteln für die Finanzprodukte geben, die die Menschen nicht verstehen. Für welche Produkte der Erste Group müsste es solche Beipacktexte geben?

Treichl: Für alle. Denn es gilt sicherzustellen, dass sich die Kunden des jeweiligen Risikos bewusst sind, das sie eingehen. Die Lehre, die wir aus der Krise ziehen, ist die Verpflichtung, besser als bisher zu erklären, dass beispielsweise hoher Ertrag auch mit höherem Risiko zusammenhängt.

OÖN: Beipackzettel bei Medikamenten sind mittlerweile auch so umfangreich und so klein gedruckt, dass man leicht den Überblick verliert. Wie soll so etwas aussehen?

Treichl: Meine Idee war, dass wir uns mit den Konsumentenschützern zusammensetzen, alle Produkte zu klassifizieren bzw. zu kennzeichnen. Ich war aber chancenlos.

OÖN: Das ist verwunderlich. Alle Beteiligten müssten ein Interesse daran haben.

Treichl: Dann sind Sie so naiv wie ich. Die Konsumentenschützer hatten Angst, sich überflüssig zu machen.

OÖN: Sie können ja ohne Partner Beipackzettel schreiben.

Treichl: Genau in diese Richtung werden wir jetzt gehen.

OÖN: Nächste Woche ist Weltspartag. Die Leute haben keine Angst vor dem Sparbuch, aber das Vertrauen in die Aktien zum Teil vollends verloren. Zu Recht?

Treichl: Das ist ein Zeichen der Verunsicherung und mangelhafter Kommunikation. Dazu kommt, dass wir leider rasch verallgemeinern. Da haben wir mit dem Fußball etwas gemeinsam: Plötzlich ist jeder ein Experte auf diesem Gebiet. Tatsache ist auch, dass das Niveau der Finanzerziehung nicht besonders hoch ist, zumal die Österreicher lange Strukturen wie die Verstaatlichte gewöhnt waren.

OÖN: Das Misstrauen kommt nicht von ungefähr. Es zeichnet sich ab, dass in vielen Bereichen keine Lehren gezogen wurden.

Treichl: Es stimmt. Es wird kein neuer Flieger gekauft, sondern die alten Flugzeuge einer Generalüberholung unterzogen. Ich sehe zwei interessante Strömungen. Zum einen wurde die Krise von der Politik auch populistisch ausgenützt, die Banken in Verruf zu bringen. Aber da darf man nicht wehleidig sein. Und gefühlsmäßig ziehe ich nach Gesprächen auf der Weltbank-Konferenz den Schluss, dass jene Länder und Banken, die von der Krise weitgehend unberührt blieben oder wenig dazu beigetragen haben, viel verantwortungsvoller versuchen, die Lehren aus der Krise zu ziehen. Zum Beispiel die Kanadier. Die USA dagegen tun eher so weiter wie vorher – nicht aus Bosheit, sondern weil das System auch anders ist.

OÖN: Und Österreich sehen Sie eher bei den USA oder bei Kanada?

Treichl: Ganz klar bei Kanada. Unser Bankgeschäft unterscheidet sich von den Investmentbanken mit ihren Deals ganz wesentlich. Wenn wir einen Kredit vergeben, wollen wir daran verdienen, aber wir haben ein Interesse daran, dass der Kunde ihn letztlich zurückzahlt. Wir verkaufen das Risiko des Kredits nicht an jemanden anderen, sondern bleiben bis zur Rückzahlung Partner des Kunden und sind somit laufend in Kontakt mit ihm.

OÖN: Apropos Unsicherheit und Weltspartag. Spüren Sie bei Ihren Kunden eine Unsicherheit, weil die staatliche Einlagensicherung künftig nicht mehr für alle Beträge garantiert ist?

Treichl: Gar nicht. Ich habe aber zur Einlagensicherung meine ganz eigene, nicht unumstrittene Meinung. Um Krisen besser vermeiden zu können, müssen wir die Kunden zu mehr Risikobewusstsein erziehen. Diesem Ziel ist die Einlagensicherung abträglich. Der Kunde sollte schon verpflichtet sein, zu eruieren, was hinter einem größeren Renditeversprechen steckt. Es stimmt einfach nicht, dass Geld auf der Bank zu 100 Prozent sicher sein kann, egal was passiert.

OÖN: Das heißt, Sie sind gegen die staatliche Einlagensicherung.

Treichl: Zumindest bin ich für einen sehr hohen Selbstbehalt.

OÖN: In der Politik stößt die Meinung auf überschaubares Interesse.

Treichl: Zum Teil auf blankes Unverständnis. Ich sehe ein, dass es gegen meine Meinung berechtigte Einwände gibt. Aber zumindest sollte sachlich darüber diskutiert werden.

OÖN: In den drei großen industrialisierten Wirtschaftsblöcken USA, EU und Japan sind die Zinsen auf niedrigstem Niveau. Ist Geld zu billig?

Treichl: Ja, und das macht mir wirklich große Sorgen. Die Niedrigzinsen in den USA halten den Konsum am Laufen. Damit wird das Wachstum in China künstlich hoch gehalten. Der Härtetest kommt aber erst, wenn die Zinsen steigen. Und da habe ich Angst, dass wir über einen längeren Zeitraum japanische Zustände bekommen.

OÖN: Also Deflation, kein Wachstum. Zur Erste Group: In Ungarn werden die Banken kräftig zur Kasse gebeten. Schon überlegt, sich von dort zurückziehen?

Treichl: Nein, wir waren wegen der überraschenden Einführung der hohen Steuern nicht erfreut. Im Raum Österreich-Ungarn zahlen die Banken in absoluten Zahlen künftig mehr Steuern als in Frankreich oder Deutschland. Ungarn bleibt aber unser Heimmarkt.

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Artikel Von Dietmar Mascher 20. Oktober 2010 - 00:04 Uhr
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