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Türkei: Ein teuer erkauftes Wirtschaftswunder

Überraschend stark zeigt sich die türkische Wirtschaft, aber bei genauerem Hinsehen ist da mehr Schein als Sein.

Türkei: Ein teuer erkauftes Wirtschaftswunder

In der Metropole Istanbul brummt zwar die Wirtschaft, wie nachhaltig der Aufschwung ist, steht auf einem anderen Blatt. Bild: Wodicka

Im ersten Halbjahr 2017 wuchs die türkische Wirtschaft um mehr als fünf Prozent. Im Gesamtjahr sollen es 5,4 Prozent werden, prognostiziert das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Im Vorjahr waren es 3,2 Prozent. Gedeiht da im Schatten von Terrorangst und heftig umstrittener Politik des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ein kleines Wirtschaftswunder?

Mitnichten. Die momentanen Wachstumsraten sind zwar beeindruckend, auf der anderen Seite verfällt die türkische Währung Lira, diese Woche auf den niedrigsten Stand seit der Währungsreform von 2005. Das treibt wiederum die Inflation, zuletzt auf knapp zehn Prozent.

Der Verfall der Währung ist wiederum eine Erklärung dafür, dass das Wachstum so hoch ist. Türkische Waren sind im Ausland dadurch deutlich billiger geworden. Vor allem die türkische Autoindustrie profitierte davon. Aber nicht nur. Der türkische Exportwirtschafts-Verband TIM glaubt, heuer erstmals wieder nahe an den Rekordwert von 157 Milliarden Dollar zu kommen.

Georg Karabaczek, Wirtschaftsdelegierter in Istanbul, kennt noch einen weiteren Grund für die Wachstumsstärke der türkischen Regierung. "Es hat starke öffentliche Investitionen gegeben, um den Binnenkonsum anzuregen", sagt Karabaczek im Gespräch mit den OÖNachrichten. Nicht ohne Hintergedanken: Präsident Erdogan wollte vor dem Verfassungsreferendum im April, in dem er sich mit starker Machtfülle ausstatten ließ, seine Landsleute positiv stimmen. Die Mehrwertsteuer wurde etwa für Möbel oder für Wohnungskäufe gesenkt. Darüber hinaus gab es stark gestützte Kredite für Klein- und Mittelbetriebe.

Auch Karabaczek sieht in der schwachen Lira die Achillesferse der türkischen Wirtschaft. "Allein in diesem Jahr hat die türkische Währung rund 30 Prozent ihres Wertes verloren." Die damit einhergehende Inflation, die vor allem durch die währungsbedingte Verteuerung von Importen ausgelöst wird, müsste eigentlich durch höhere Leitzinsen bekämpft werden.

Aber genau das will Erdogan um jeden Preis verhindern. Nicht der Staat, aber Konsumenten und Unternehmen sind über beide Ohren verschuldet. Höhere Zinsen könnten schnell viele Unternehmen, aber auch viele Bürger in die Bredouille bringen. Auf dem Papier ist die türkische Notenbank unabhängig. Aber Erdogan lässt keine Gelegenheit aus, zu zeigen, wer der Herr im türkischen Haus ist. "Wir sind entschlossen, uns die Zinslobby und die Zinsen vorzunehmen", sagte er vergangene Woche in einem Interview mit der Zeitung "Habertürk".

Künstlich niedrige Zinsen in Kombination mit einem großen Leistungsbilanzdefizit sind eine gefährliche Mischung. Die türkische Wirtschaft ist wegen dieses Defizits von Kapitalimporten abhängig. Ausländische Direktinvestitionen haben abgenommen, nicht zuletzt auch wegen der martialischen Rhetorik des Präsidenten.

Auch die Kapitalströme aus Österreich fließen nicht mehr so reichlich wie vor dem Putschversuch im Vorjahr und der heftigen politischen Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Regierung und einiger EU-Staaten, darunter Österreich und Deutschland.

Was die österreichischen Unternehmen angeht, die in der Türkei engagiert sind, gebe es zwar eine gewisse Zurückhaltung bei Neuinvestitionen, "aber von denen die schon da sind, ist bisher keiner weggegangen", sagt Karabaczek.

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Artikel Hermann Neumüller 25. November 2017 - 00:04 Uhr
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