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Leben ganz ohne Geld – Wie geht das?

Heidemarie Schwermer führt ein „fantastisches Leben“, sagt sie. Geld benötigt sie dafür keines. Die frühere Lehrerin und Psychotherapeutin hat beschlossen, völlig ohne Geld zu leben. Sie verschenkte ihren Besitz und lebt ihr „Sterntalerexperiment“ seither konsequent. Am Sonntag gastiert die 69-jährige Dortmunderin in Linz.

Leben ganz ohne Geld – Wie geht das?

Zwischen Kreditklemme und Schuldenfalle: „Geld macht süchtig“, sagt Schwermer. Bild: Wodicka

OÖN: Wie lange leben Sie schon ohne Geld?

Schwermer: Seit 15 Jahren. Vor 17 Jahren habe ich einen der ersten Tauschringe in Deutschland gegründet und geleitet, die Gib-und-nimm-Zentrale für Leute, die Fähigkeiten haben, aber kein Geld. Dabei habe ich bemerkt, dass ich immer weniger Geld brauchte. Daraus entstand das Experiment, ein Jahr ohne Geld zu leben.

OÖN: Hatten Sie keine laufenden Kosten zu bestreiten? Krankenversicherung, Miete etc.?

Schwermer: Es kamen Leute aus dem Tauschring, die fragten, ob ich ihr Haus während ihres Urlaubs hüten könnte. Als eine Frau für drei Monate nach Amerika wollte, sah ich die Chance. Ich habe meine Sachen verschenkt und bin aus der Krankenversicherung ausgetreten. Ich war schon damals lange nicht mehr beim Arzt und glaube an die Selbstheilungskräfte.

OÖN: Sie haben nicht einmal ein Bankkonto?

Schwermer: Ich habe 11 Jahre konsequent ohne Geld gelebt. Obwohl ich für mein erstes Buch viel Geld bekommen habe, habe ich immer alles verschenkt. Seit fünf Jahren kriege ich die Rente auf ein Konto, die ich aber auch verschenke. Es gibt so viel Menschen um mich herum, die kein Geld haben. Denen kann ich noch so viel erzählen, die schaffen ein Leben ohne Geld halt nicht.

OÖN: Sie leben quasi im Gastmodus …

Schwermer: Neulich hat mir eine Dame vorgeworfen, dass ich auf Kosten anderer lebe. Ich schrieb ihr zurück, dass ich viel Geld gebraucht habe, um dort zu sein, wo ich heute bin. Meine Fähigkeiten als Beraterin und Therapeutin gebe ich dafür kostenfrei, überall und ohne nachzudenken, wer sie kriegt.

OÖN: Kann man sich die Schwermer für Kost und Logis einladen, auf dass sie einen ein bisserl durchtherapiere?

Schwermer: Das mache ich nicht. Ich bringe mich zwar ein, bin aber nicht buchbar, außer für Vorträge. Ich habe jetzt mein drittes Buch geschrieben und möchte auf Basis dessen in Zukunft Gesprächsrunden machen.

OÖN: Wie heißt Ihr Buch?

Schwermer: „Wunder – schöne neue Welt ohne Geld; Maries Weg ins Vertrauen“. Ich beschreibe darin, wie man die Ängste auf dem Weg erkennen und loslassen kann, um in ein neues Leben zu kommen. Man muss lernen zu sehen, dass alles für alle da ist.

OÖN: Macht Geld süchtig?

Schwermer: Ja, denn man hat nie genug davon. Wenn ich satt bin, bin ich satt. Punkt. Geld macht einen nie satt. Aber ich will Geld nicht generell verteufeln. Es war eine super Erfindung – als Tauschmittel.

OÖN: Geld als Wert zu sehen ist falsch?

Schwermer: Ja. Außerdem will ich eine andere Gesellschaft; eine, in der man vom Tausch wegkommt, hin zum Teilen. Ich glaube, dass die Gesellschaft dafür reif ist. Tausch muss immer abgerechnet werden. Wenn ich wohin komme, denke ich nicht darüber nach, was ich kriege oder geben muss. Es ergibt sich einfach.

OÖN: Was ist, wenn alle so leben wie Sie?

Schwermer: Das wäre schön. Alle würden davon profitieren. Es gibt auf der Erde genug zu essen für alle, dennoch verhungern pro Tag Tausende, weil die Dinge völlig aus den Fugen geraten sind. Das Geld sollte vielleicht einmal etwas regeln, macht aber inzwischen die große Diskrepanz zwischen Arm und Reich. Geld ist ein Schlüssel für alles. Wenn ich es nicht habe, darf ich nichts essen, darf ich nicht in den Bus steigen. Das muss aufhören.

OÖN: Es gibt Überlegungen nach Alternativen, etwa Regionalgeld oder ein bedingungsloses Grundeinkommen …

Schwermer: Ich denke, da könnte man das Geld doch gleich ganz abschaffen.

OÖN: Wie stellen Sie sich die Schritte dahin vor?

Schwermer: Die Menschen müssen dafür arbeiten, wenn sie eine andere Welt haben wollen. Zuerst muss jeder Mensch einmal für sich herausfinden, was er will vom Leben, was er braucht. Zweiter Schritt: vom Ich zum Du. Viele Probleme entstehen, wenn wir interagieren. Hier muss ich sehen, was mir der andere spiegelt. Drittens: vom Ich zum Wir. Wenn wir eine Gesellschaft ohne Geld wollen, muss jeder Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Da geht es nicht mehr um mein Auto, mein Haus, sondern um die Überlegung: Wo kann ich mich einbringen, wo ist mein Anpacken, wo meine Hilfe gefragt. Die vierte Geschichte ist das Spirituelle: Alle Menschen sind miteinander verbunden und jeder kann glauben, was er will. Religion sollte keine Rolle mehr spielen. All das gilt es aufzulösen, damit wir uns frei und in Liebe entfalten können.

OÖN: Glauben Sie, dass der Mensch von Grund auf gut ist?

Schwermer: Er ist beides. Dass wir heute so verbogen sind, liegt an unserem System. Ich glaube, dass der Kapitalismus ausgewirtschaftet hat.

OÖN: Gab es in Ihrer Entwicklung auch Momente des Zweifels?

Schwermer: Nach fünf Jahren hatte ich eine Krise und dachte, ich müsste abbrechen. Die Leute wollten gar nichts von mir, ich lebte in einem Vereinshaus und hielt mich nur noch mit Putzen über Wasser. Das ist nichts Schlechtes, aber auf die Dauer ist es nichts. Dann kam die Presse, ich gab Interviews im Radio, Bertelsmann bestellte ein Buch, ich war in den Talkshows. Seit letztem Jahr gibt es den Film „Living without money“, der zurzeit um die Welt geht. Ich bekomme aus vielen Ländern Einladungen.

OÖN: Wie definieren Sie Reichtum?

Schwermer: Immer im rechten Augenblick alles zu haben, was ich gerade brauche. Luxus ist zu wissen: Wenn ich etwas brauche, dann kommt es zu mir.

OÖN: Gibt es einen Punkt in Ihrem Leben, von dem Sie glauben, etwas versäumt zu haben?

Schwermer: Nein. Mein Leben ist fantastisch …

OÖN: … weil andere bereit sind, Sie aufzunehmen …

Schwermer: Ich muss schon auch auf die richtigen Menschen stoßen, die sich freuen, wenn ich komme. Das machen längst nicht alle. Ich habe ja auch viele Feinde, die in mir eine Schnorrerin sehen, was ich nicht bin.

OÖN: Wie stellen Sie sich Ihr weiteres Leben vor? Seniorenheim?

Schwermer: Das würde für mich nicht in Frage kommen. Wenn, dann eine Lebensgemeinschaft. In meiner neuen Welt gäbe es keine Heime mehr, in die man die Alten abschiebt. Die Leute würden bis zum letzten Atemzug gebraucht werden. Darum geht es ja. Dass die Menschen das Gefühl haben, gebraucht zu werden, vielleicht allein durch ihre Erzählungen. Pflegebedürftige würden natürlich aufgefangen werden. Es ist ja alles da.

OÖN: Und wer kommt dann für die Pflegeeinrichtung auf?

Schwermer: Ein Baum wächst im Wald. Muss der bezahlt werden? Jeder will doch etwas tun. So wie Kinder, die in die Schule kommen. Die wollen etwas lernen. Dann kommen die Noten. Und genauso ist es mit dem Geld. Die Leute wollen nur noch für das Geld etwas tun, obwohl eigentlich jeder gebraucht werden will.

OÖN: Und wer putzt das Klo?

Schwermer: Das habe ich auch schon oft gemacht. Das muss getan werden, da denke ich nicht darüber nach. Dünkel muss weg. Wir sind alle gleichwertig. Nicht gleich, aber gleichwertig.

Diskutieren kann man mit Heidemarie Schwermer am 15. Jänner, ab 10 Uhr im Kepler Salon, Rathausgasse 5, Linz. Anmeldung erbeten unter rammer@fabrikanten.at. Ein kleiner kulinarischer Beitrag zum offenen Frühstück ist erwünscht.

Biografie

Heidemarie Schwermer, geboren 1942 in Memel (ehem. Ostpreußen), flüchtete mit ihren Eltern bei Kriegsende nach Dortmund. Fast 20 Jahre lang arbeitete sie als Lehrerin, später als Psychotherapeutin. 1994 gründete sie einen der ersten Tauschkreise Deutschlands. Sie hat zwei Kinder und drei Enkelkinder.
www.heidemarieschwermer.com

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Artikel Klaus Buttinger 14. Januar 2012 - 00:04 Uhr
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