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Die große Illusion von der Gleichheit?

STANFORD. Der österreichische Historiker und Stanford-Professor Walter Scheidel über die Geschichte der Ungleichheit.

Die große Illusion von der Gleichheit?

Nach Kriegen und Seuchen wie der Spanischen Grippe gab es weniger Ungleichheit, schreibt Scheidel. Bild: OÖN

In der Steinzeit gab es ein hohes Maß an Gleichheit zwischen den Menschen. Danach war Vermögensgleichheit nur noch nach einschneidenden Kriegen und Pandemien zu verzeichnen, was nicht unbedingt erstrebenswert ist. In seinem Buch über die Geschichte der Ungleichheit erzählt der österreichische Historiker Walter Scheidel, der an der Stanford University lehrt, wie sich Menschheit und Ungleichheit entwickeln. Im OÖN-Interview erläutert Scheidel, welches Maß an Ungleichheit erstrebenswert ist.

 

OÖNachrichten: In der geschichtlichen Betrachtung der Ungleichheit kommen Sie zum Schluss, dass diese tatsächlich nur durch große Katastrophen beseitigt werden könne. Außerdem würde sich in jeder Wiederaufbauphase die Ungleichheit wieder erhöhen. Wie erstrebenswert ist das Erreichen von Gleichheit dann überhaupt?

Scheidel: Wenn schon nicht Gleichheit an sich, so ist doch zumindest geringere Ungleichheit gewiss erstrebenswert. Schließlich kann hohe Ungleichheit Gesellschaften destabilisieren und die Lebensqualität breiter Bevölkerungsschichten verringern. Es geht aber primär darum, Wege zu diesem Ziel zu finden, die uns nicht wie so oft in der Vergangenheit einen furchtbaren Preis abverlangen. Kaum jemand wird Kriege oder andere Katastrophen in Kauf nehmen wollen, nur um Ungleichheit zu verringern.

Wie viel Ungleichheit ist für eine prosperierende, demokratisch ausgerichtete Gesellschaft erträglich?

Überraschend viel. Schließlich sind Einkommen und Vermögen etwa in den USA sehr viel ungleicher verteilt als in Skandinavien oder auch in Österreich, und dennoch tut das Demokratie und Wirtschaftswachstum keinen Abbruch. Dieser Umstand hilft auch zu erklären, warum hohe Ungleichheit langfristig die Norm war und warum sie selbst in westlichen Demokratien in den letzten Jahrzehnten wieder ansteigen konnte.

Braucht es nicht ein wenig Ungleichheit als Anreiz für Leistung und Wohlstand?

Fraglos. Würden alle Menschen gleich entlohnt, egal was oder ob sie überhaupt arbeiteten, wäre das sicherlich ein Problem. Es hatten ja auch kommunistische Systeme immer stark damit zu kämpfen, dass sie zu wenig positive Anreize gaben. Allerdings scheint die Schwelle recht niedrig zu sein: In nordischen Ländern, wo die Ungleichheit vergleichsweise gering ist, schadet das der Wirtschaftsleistung nicht.

Wo kann und soll die Politik ansetzen, wenn sie Ungleichheit beseitigen will? Bei der Erbschafts- und Schenkungssteuer?

Das wäre sicherlich ein vielversprechender Anfang. Gerade Vermögensungleichheit wird oft als unfairer angesehen als ungleiche Einkommen, besonders dann, wenn sie auf ererbtem oder nicht selbst erarbeitetem Reichtum beruht. Eingriffe dieser Art würden auch keine gröberen wirtschaftlichen Nachteile zur Folge haben.

Unser marktwirtschaftliches System baut auf dem Prinzip der Erwerbsfreiheit und des Rechts auf Eigentum auf. Inwieweit fördert es die Ungleichheit?

Jedes marktwirtschaftliche System ist im Prinzip der Ungleichheit zuträglich. Freie Märkte verursachen zwangsläufig ungleiche Ergebnisse, und der moderne Staat beschützt Unternehmen und sichert das Recht auf Privateigentum. Angesichts der enormen Verbesserung der Lebensverhältnisse, die der moderne Kapitalismus ermöglicht hat, ist das allerdings ein Preis, den wir bereit sein müssen zu zahlen.

Wann und wo auf der Welt waren wir einem ausgewogenen Maß am nächsten?

Letztendlich fördert jegliche Form menschlicher Zivilisation die Ungleichheit. Nur steinzeitliche Jäger und Sammler waren da anders. Seither war in Europa die Ungleichheit gerade nach den größten Katastrophen am geringsten: nach dem Fall Roms, der Eliten stürzte, nach der spätmittelalterlichen Pest, durch die so viele Menschen umkamen, dass Arbeiter knapp wurden und daher besser entlohnt wurden, und zuletzt nach den dramatischen Umwälzungen der beiden Weltkriege.

Sie fällen in Ihrem Buch kein Urteil, sondern beschreiben detailliert historische Zusammenhänge sowie Fehler im System. Reizt es den Historiker da nicht bisweilen, seine persönliche Meinung deutlicher einfließen zu lassen?

Ich habe mich da absichtlich zurückgehalten. Ich empfinde die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft gerade in den USA als bedauerlich und halte es für die Aufgabe des Historikers, die Geschichte so unparteiisch wie möglich zu rekonstruieren. Es wurde mir sogar schon gesagt, es sei nicht möglich, aus meinem Buch meine persönliche politische Haltung zu erschließen, als ob das ein Problem wäre. Ich sehe das als einen Erfolg.

Dann versuche ich es einmal so: Welche Schlüsse könnten oder sollten Regierungen aus Ihrem Buch ziehen?

Der Schluss soll nicht sein, dass man nichts gegen Ungleichheit unternehmen kann. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass es in der Vergangenheit oft tragischer Umstände bedurfte, um effektive politische Maßnahmen überhaupt durchsetzen zu können. Der Kontext politischen Handelns ist von zentraler Bedeutung. Es kommt jetzt also darauf an, Maßnahmen zu finden, die in einer zunehmend von Globalisierung und Automatisierung geprägten Welt auch tatsächlich funktionieren.

Wissenschaftsbuch

Es ist ein großartiges Wissenschaftsbuch, das der gebürtiger Österreicher Walter Scheidel (52) hier geschrieben hat. 3000 Jahre Menschheitsgeschichte im Lichte der Vermögensungleichheit verständlich und spannend darzustellen, ist großes Kino. Scheidel beeindruckt mit einer Kombination aus historischem und Wirtschaftswissen und zeigt ohne Wertung auf, dass Gleichheit nur dann herrschte, wenn es den Menschen fundamental schlecht ging.

Er spannt den Bogen von der Steinzeit über das römische Reich, den Stalinismus bis in die Jetztzeit und provoziert allein dadurch, dass er penibelst recherchierte Daten und Fakten sprechen lässt. Um Stoff für Diskussionen zu liefern.
Walter Scheidel: Nach dem Krieg sind alle gleich, wbg Theiss, 39,10 Euro

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Artikel Dietmar Mascher 07. Dezember 2018 - 00:04 Uhr
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