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Der Mann, der die Krise kommen sah

Der deutsche Wirtschaftsautor Wolfgang Köhler war einer der ersten Experten, die vor der Wirtschaftskrise warnten. Doch was gilt der Prophet im eigenen Lande?

Der Mann, der die Krise kommen sah

Wirtschaftsautor Wolfgang Köhler sieht eine ,,vollkommen verkommene Moral" als Mitursache für die aktuelle Wirtschaftskrise. Bild: privat

OÖN: Ihr Buch über den Crash wurde 2007 von vielen Verlagen abgelehnt. Warum?

Köhler: Bei den Verlagen herrschte wie bei den meisten Menschen die Stimmung „es läuft alles so gut, es kann nicht sein, dass jetzt irgendetwas passiert“. Doch unter Börsianern heißt es gelegentlich „die Mehrheit irrt immer“. Tatsächlich begann die Krise im Februar 2007. Da hat die zweitgrößte Bank der Welt, die HSBC, eine Abschreibung von zehn Milliarden Dollar bekannt gegeben. Da wurde man in Amerika aufmerksam, in Europa dauerte es noch.

OÖN: Viele von denen, die es immer schon gewusst haben, sagen heute, diese Krise sei die am besten vorhergesagte…

Köhler: Es hat Stimmen gegeben, die vor der Blase am Immobilienmarkt gewarnt haben, aber die meisten Menschen waren zu sehr abgestumpft. Es wurde schon vor zehn Jahren vor dem amerikanischen Außenhandelsdefizit gewarnt und der Absturz des Dollars prognostiziert – und es ist nichts passiert. Deshalb wiegten sich viele Leute in einer vermeintlichen Sicherheit.

OÖN: Sie kritisieren, dass mächtige Geldpolitiker seit Jahren über die Immobilienblase in den USA und die Flut an faulen Krediten hinweggesehen hätten. Inwieweit ist die Politik für die Krise verantwortlich?

Köhler: Insbesondere amerikanischen Politikern kann man den Vorwurf machen, dass sie Kreditvergaben in riesigen Mengen ohne Sinn und Verstand zugelassen haben. Da wurden provisionshungrige Vermittler losgejagt, um egal wem Kredite aufzuschwatzen. Und dann hat man diesen Leuten auch noch aufsichtsrechtliche Hürden aus dem Weg geräumt.

OÖN: Vielerorts heißt es, Schuld an der Krise trügen die US- Verbraucher. Sie hätten jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt. Prügelt man damit nicht den Hund statt des Herrls, sprich des Kapitaleigners und Kreditgebers?

Köhler: Die erste Verantwortung liegt bei den Bankern, die diese Kredite vergeben haben. Aber es gab auch ein Programm der Regierung, das die Banken ermuntert hat, den Leuten zu mehr Wohneigentum zu verhelfen. Das war schon ein Hand-in-Hand-Arbeiten von Wirtschaft und Politik.

OÖN: Die unsichtbare Hand des Marktes, die alles fein regelt, war also ein Blödsinn?

Köhler: Die Idee von der unsichtbaren Hand des Marktes wird immer Adam Smith zugeschlagen. Der war aber kein Ökonom, sondern Moralphilosoph. Er hat im 18. Jahrhundert, als die Welt voller gesetzlicher, kirchlicher und sittlicher Vorschriften war, gesagt: Leute, seid doch mal ein bisschen egoistischer und richtet euch dabei nach euren eigenen ethischen Vorstellungen. Wenn ihr das tut, kommt dies auch dem Gemeinwohl zugute.

OÖN: Ethische Werte – klingt angesichts der Krisenauswirkungen eher zynisch…

Köhler: So ist es. Was Smith sich nicht vorstellen konnte, war die ethische Beliebigkeit, die wir heute haben. Jeder geht nach seinen moralischen Vorstellungen, bloß – die Moral ist vollkommen verkommen.

OÖN: Andererseits: Trägt nicht der Kapitalismus per se die Krisenhaftigkeit in sich?

Köhler: Das tut er sicherlich. Weil es immer ein Auf und Ab der Konjunktur gibt und immer wieder Innovationen, die sich niemand so hat vorstellen können und auf die niemand so schnell reagieren kann, insbesondere nicht in einer Demokratie. Wenn etwas gut läuft und den Leuten scheinbar Wohlstand bringt, obwohl es große Risiken birgt, wäre es kaum durchsetzbar, das einzuschränken.

OÖN: Wie konnte es kommen, dass der wirtschaftliche Hausverstand flächendeckend über Bord geworfen wurde? Etwa, dass der Mensch und nicht das Geld arbeitet, oder dass nur Fleiß Vermögen mehrt oder dass hohe Renditeversprechen nun einmal hohe Risiken bergen?

Köhler: Ein 25 Jahre dauernder Prozess hat den Menschen vorgegaukelt, man könne auch ohne Arbeit reich werden. Immer mächtigere Triebkräfte wurden in Gang gesetzt, um selbst die ganz normalen Sparer zu involvieren. Man hat gesagt: Leute, kauft Aktien! Leute, vertraut bei der Altersvorsorge nicht mehr dem Staat, sondern macht das privat! Daraufhin haben die Leute angefangen, Lebensversicherungen abzuschließen und in Fonds zu sparen. Die großen Pensionsfonds sind miteinander im Wettbewerb um die beste Rendite gestanden. So wurden wir als Sparer zu Komplizen derer gemacht, die in erster Linie davon leben, am Kapitalmarkt hohe Renditen zu erwirtschaften.

OÖN: Werden Verantwortliche für die Krise bestraft oder nicht?

Köhler: Es gibt erste Anklagen, etwa gegen den Chef des US-Immobilienfinanzierers Countrywide, Angelo Mozilo, der im Zentrum der Spekulationsblase gestanden ist. Der ist keine kleine Nummer. Die juristische Aufarbeitung kommt zumindest in Ansätzen in Gang.

OÖN: Die Ökonomen wissen nicht mehr weiter, rufen nach der Politik, die viele Jahre auf genau jene Ökonomen gehört hat, die nun nicht weiterwissen. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Wie lässt sich das Karussell aufhalten?

Köhler: Im Moment versucht man es, indem man faule Kredite durch Staatskredite ersetzt. Ob das ein nachhaltiger Weg ist, muss sich erst zeigen. Es gibt insofern einen Wandel, als sich die Politik die neue Machtposition, die sie durch Verstaatlichungen und Konjunkturprogramme erhalten hat, so schnell nicht mehr aus der Hand nehmen lässt. Die Wirtschaft wieder auf einen ganz normalen Wachstumspfad zu bekommen, wird lange dauern, weil niemand so recht weiß, wie man zehn, zwanzig Billionen Dollar an Krediten sozusagen sozialverträglich abbauen kann.

OÖN: Klar ist, dass die Verluste irgendwie sozialisiert werden müssen. Nun kann man das politisch mit links oder mit rechts durchziehen… Wohin geht’s?

Köhler: Ich sehe keine nennenswerten Tendenzen, irgendwas in Richtung Planwirtschaft oder Sozialismus zu machen. Ich hoffe, dass sich die Europäer auf die Grundidee der sozialen Marktwirtschaft besinnen: Vertragsfreiheit und Eigentum an Produktionsmitteln für Unternehmen und auf der anderen Seite das Soziale mitdenken und absichern. Das braucht einen starken Staat, der klare Regeln vorgibt.

OÖN: Ist denn ein kontrollierter, sozialer oder wie auch immer behübschter Kapitalismus überhaupt möglich?

Köhler: Ja. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg wurde das ja praktiziert, dann ist das System ein wenig verkrustet. Es gab Berechtigungen für die Liberalen, die in den 70er- und 80er-Jahren nach Deregulierung gerufen haben. Aber sie sind über das Ziel hinausgeschossen. Die soziale Marktwirtschaft ist ein sehr labiles Gleichgewicht, das sozusagen täglich neu justiert werden muss durch Institutionen, Gesetze und Aufsichtsbehörden.

OÖN: Wie dick kommt es noch in der Krise?

Köhler: Kurzfristig sehe ich noch ein paar Turbulenzen auf uns zukommen. Zum Beispiel sind die guten Ratings mancher Industrienationen, etwa der USA oder Großbritannien, nicht in Stein gemeißelt. Da könnte es Währungsabwertungen geben.

OÖN: Was raten Sie Menschen mit etwas Geld auf der Seite, um gut durch die Krise zu kommen?

Köhler: Sich von einem Denken zu verabschieden, das in den letzten 25 Jahren um sich gegriffen hat, nämlich dass es für Geld zehn bis 15 Prozent Rendite gibt. Man muss bescheidener werden und sichere Anlageformen suchen. Sich zurücklehnen geht damit aber nicht. Man muss sehen, was sich auf den Märkten tut, beobachten und aufpassen!

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Artikel Von Klaus Buttinger 06. Juni 2009 - 00:04 Uhr
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