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Reinhard Haller: „Selbstgerechte Querulanten“

Der auf die Begutachtung von Psychopathen spezialisierte Gerichtspsychiater Reinhard Haller sieht „verblüffende Parallelen“ zwischen dem norwegischen Massenmörder Anders Breivik und Briefbomber Franz Fuchs.

Das Böse ist Teil von uns

Gerichtspsychiater Reinhard Haller stellte beim Angeklagten paranoid-halluzinatorische Schizophrenie fest. Bild: vowe

OÖN: Herr Professor Haller, die rechtsextrem motivierten Anschläge von Norwegen erinnern an den Bombenterror von Franz Fuchs in den 90er Jahren. Welche Parallelen sehen Sie?

Haller: Die Parallelen sind in der Tat verblüffend. Sowohl Fuchs als auch Anders Breivik stellen in ihren entdeckten Schriften Bezüge zu den Kreuzrittern, zur Türkenbelagerung im Jahr 1683 her. Fuchs bezeichnete sich in den Gesprächen mit mir als Ritter von Wildon. Bei den Pamphleten von Fuchs gab es starke Übereinstimmungen mit den Texten des UNA-Bombers Ted Kaczinsky in den USA. Auch der aktuelle Attentäter hat Passagen von Kaczinsky verinnerlicht. Es dürfte sich um Plagiate handeln.

OÖN: Noch eine Parallele: Wie Breivik war Fuchs ein Eigenbrötler ...

Haller: Beide Männer jüngeren, bzw. mittleren Alters, beide Einzelgänger, beide Techniker und alleinstehend. Der Kern ihres Problems ist eine Kränkung in der Vergangenheit, egal ob im Beruf oder im Privaten. Sie versteigen sich dann in ihren politischen Ideen. Die Ideologie dient als Überbau für den Einstieg in das Wahnhafte.

OÖN: Die Isolation verschlimmert den Wahn?

Haller: Ja, natürlich. Sie haben ja keinerlei Bezugspersonen, die sie erden, wieder herunterholen könnten. Die Kombination aus rechtsextremem Gedankengut und Fanatismus ist eine fürchterliche. Meiner Meinung nach ist aber der Knackpunkt für solche Taten nicht das politische Denken, sondern die dahintersteckende paranoide Persönlichkeitsstörung.

OÖN: Was ist der Unterschied zwischen Fuchs und Breivik?

Haller: Fuchs sah nie ein Opfer leiden. Der Norweger hat seine Opfer von Angesicht zu Angesicht massakriert. Er nahm die Identität eines Kampffanatikers an, um seine Komplexe zu kompensieren. Fuchs wurde erst nach der Verhaftung klar, was er getan hatte. Als er die Fotos seiner Opfer sah, brach er in Tränen aus. Das war auch der große Fehler beim Prozess gegen Fuchs. Es wurden große Bilder von den zerfetzten Leibern der Opfer von Oberwart gezeigt. Das löste seine Schreianfälle aus. Fuchs war empathischer als Breivik.

OÖN: Breiviks Opfer waren Jugendliche und Kinder ...

Haller: Ja, um der Gesellschaft das größtmögliche Leid zuzufügen. Er soll gejubelt haben, bei jedem Kind das er abgeschossen hat. Ein Wesensmerkmal solcher Täter ist, dass sie selbstgerechte Querulanten sind. Wie Fuchs verkauft Breivik seine Taten als Abwehrkampf, er fühlt sich im Recht.

OÖN: Zusammengefasst Ihr Fazit über Breivik?

Haller: Er ist eine Kombination aus einem verrückten Einzeltäter und dem jugendlichen Amokläufer in der Schule, wie wir ihn etwa vom Massaker im deutschen Winnenden kennen.

OÖN: Wie groß ist die Gefahr von Nachahmungstätern nach so einem medial transportierten Attentat? In Traun gab es ja Freitagabend direkt nach Utöya ein Schussattentat.

Haller: Ob der Täter von Traun durch die Bilder aus Norwegen motiviert wurde, weiß ich nicht, weil ich die kriminalistischen Details nicht kenne. Ich schließe es aber nicht aus. Generell ist die Gefahr von Nachahmungstätern nach so einem Attentat sehr groß, weltweit. Das zeigen auch die Amokläufe von Jugendlichen in Schulen. Insgesamt gab es international gesehen bereits 108 solcher Vorfälle.
 

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Artikel Robert Stammler 25. Juli 2011 - 21:35 Uhr
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