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Theologe Picker: „Zölibat abschaffen und damit Männerbund Klerus sprengen“

Von apa/nachrichten.at   09.März 2010

Warum reißen die Schreckensmeldungen über Pädophilie innerhalb von Kirchen- bzw. Internatsmauern nicht ab? Ist der Zölibat daran schuld? Gibt es Hoffnung auf eine Lösung des Problems? Die APA hat dazu mit dem Psychotherapeuten und Theologen Richard Picker gesprochen.

„Die Kirche hat einen hohen ideellen Wert, da fällt jede Abweichung auf, sie steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, dort darf so etwas nicht passieren“, beschreibt Picker ein über Jahrhunderte gewachsenes Verhaltensmuster unserer Gesellschaft. Das derzeitige Aufbrechen, das Ende des Schweigens der Missbrauchsopfer sieht er als Chance: „Es ist großartig, dass das ansprechbar geworden ist.“ Lange Zeit hätten sich Menschen gefürchtet, Dinge wie diese zu benennen. Deshalb dauere es meist 20, 30, 40 Jahre, bis jemand den Mut aufbringt und darüber redet: „Weil vom Priester eine archaische Macht ausgeht. Man war es einfach nicht gewohnt, so etwas zu melden.“ Der Geistliche als unantastbares Wesen, als über dem Gesetz stehende Person - ein Problem, mit dem die vielen Missbrauchsopfer im Vorjahr in Irland konfrontiert worden waren.

Zölibat Bremser in Auseinandersetzung

Für Picker ist der Zölibat ein besonderer Bremser in der Auseinandersetzung der Kirche mit Sexualität: „Es ist für die psychosexuelle Entwicklung eines jungen Menschen eine unglaubliche Irritation. Die Kirche leugnet das aber bis heute. Der Zölibat kann schwere Erfahrungsstörungen bewirken. Außerdem zieht es wie ein Magnet psychisch deformierte Jugendliche an. Auch deshalb gehört es abgeschafft, um damit den Männerbund Klerus zu sprengen.“ Der Verzicht auf Sexualität als sinnloses Opfer: „Es ist nicht argumentierbar, was Gott davon haben soll.“

Darüber hinaus übe ein Männerbund auf den einzelnen Mann große Macht aus. „Er dient zur Identifikation: Wir haben etwas besonderes gegen Frauen. Das kommt daher, dass die Männer die politische Macht übernommen haben, obwohl sie biologisch gesehen das schwächere Geschlecht sind.“ Die Kirche müsste diesen Umstand laut Picker gar nicht fürchten, doch ihr kulturelles Erbe hindere sie daran. „Ein Bub ist gar nichts, eine Frau ist der Feind.“ Sich einem Buben sexuell zu nähern ziehe keinerlei Verantwortung nach sich, es finde kein Zeugungsakt statt, es resultiere daraus keine „Zukunft“. „Dabei ist noch viel zu wenig überlegt worden, was eigentlich aus den Kindern geworden ist. Man hat immer gesagt: Ach, was soll das denen schon ausmachen?“

Picker redet als Betroffener

Picker ist selbst Betroffener, wenn auch kein gebranntes Kind. „Ich war mit den Jesuiten am Traunsee. Da hat mich ein Pater alleine im Schlafsaal erwischt und gefragt, ob ich schon geschlechtliche Lust kenne - ein klassischer Anmachspruch. Mich hat das damals kalt gelassen. Aber es gibt halt viele, die das nicht kalt lässt.“

Heftige Kritik übte Picker in diesem Zusammenhang am Papsttum generell sowie an Papst Benedikt XVI. im Besonderen. Um einen Wandel herbeizuführen, müsste dieser „auf seine übergroße Macht verzichten. Gegen ihn gibt es keine Chance der Appellation.“ Dies schaffe ein „Milieu der Gedrücktheit“, es entsteht ein Gefühl der Machtlosigkeit. Hoffnung, dass gerade unter Benedikt XVI. Kirche und Sexualität eine Annäherung erfahren, hat Picker nicht. „Der jetzige Papst lebt eigentlich im Hochmittelalter. Er schließt mit einer Seelenruhe die halbe Welt (die Frauen, Anm.) vom Priesteramt aus. Das würde ein Seelsorger nicht schaffen.“

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