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Oslo: Die Ideologie des Anders B.

Von nachrichten.at/apa   24.Juli 2011

Anders Behring B., der Hauptverdächtige im Zusammenhang mit dem Massaker und den Anschlägen.

B. ist ein Rechtsextremist und Skandinavien ist seit langem eine Hochburg des Rechtsextremismus. Vor allem betraf das aber Schweden. Der Experte auf diesem Gebiet und Buchautor Wolfgang Purtscheller wies am Sonntag in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es in der Vergangenheit wiederholt Verbindungen auch nach Österreich gab. Vor allem über den an den Folgen von Aids gestorbenen deutschen Neonazi-Führer Michael Kühnen soll es enge Kontakte gegeben haben, die unter anderem den Chef der später verbotenen Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition (VAPO), Gottfried Küssel, nach Skandinavien führte, um dort "große Reden zu schwingen". Nach der Zerschlagung der VAPO gab es zudem den einen oder anderen Aktivisten, der sich nach Skandinavien zurückzog, dort aber weiter politisch aktiv blieb.

Immer wieder nahmen auch Neonazis aus dem Norden an diversen rechtsextremen Feierlichkeiten zum Geburtstag Adolf Hitlers in Braunau teil. Nicht zuletzt gab es Purtscheller zufolge auf der Nazi-Skinheadschiene enge Kontakte: Die Nazi-Skinhead-Vereinigung "Blood and Honour" hat in Skandinavien eine ihrer Hochburgen und dürfte auch Unterstützung für den Aufbau mitteleuropäischer Gruppen geleistet haben. Nicht zuletzt war Skandinavien in diesem Zusammenhang in den 80er und 90er Jahren ein Zentrum für die Produktion und den Vertrieb von Propagandamaterial. Das hat sich Purtscheller zufolge mittlerweile vor allem nach Tschechien und Polen verlagert, wohl nicht zuletzt aus Kostengründen.

Aber, so wendet der Rechtsextremismus-Experte ein, mit B. dürfte das alles nicht viel zu tun haben: "Ich glaube, zum Ku Klux Klan passt er besser als zur VAPO", sagte Purtscheller zur APA. Und: "Mich würde interessieren, was er im Platten- und Bücherregal stehen hat." Wundern würde es ihn nicht, wenn dort Materialien aus der NS-Black Metal-Musikschiene gefunden würden, für die Skandinavien ebenfalls eine Hochburg darstellt.

Assoziationen finden sich auch zum Anschlag von Timothy McVeigh und Terry Nichols, die 1995 ein Regierungsgebäude in Oklahoma City in die Luft jagten und dabei 168 Menschen töteten. Ein dritter Mittäter sagte gegen die beiden aus und kam mit einer verhältnismäßig milden Strafe davon. McVeigh galt als Mitglied der regierungsfeindlichen Michigan Militia, die wiederum mit der Christian Identity in Verbindung gebracht wird. Als Blaupause für den Anschlag gelten die sogenannten Turner Tagebücher, ein Roman, den der Führer der National Alliance, William Pierce, geschrieben hat und der als Standardwerk der Rechtsextremen in den USA gilt.

Laut Purtscheller hat sich B., der Mitglied der norwegischen rechtspopulistischen Fortschrittspartei war, offenbar als Kriegführender eines fundamentalen Christentums, analog zum Ku Klux Klan, verstanden. Der Experte verweist in diesem Zusammenhang auf ein Video, das der Festgenommene vor dem Anschlag ins Internet gestellt haben dürfte und dessen Inhalt offenbar weitgehend mit dem des von ihm verfassten 1.500 Seiten starken Pamphlets übereinstimmt. Als Feindbild macht er dabei unter anderem den "Multikulturalismus" aus: Dieser sei eine "Hass-Ideologie, die geschaffen wurde, um europäische Kulturen und Traditionen, europäische Identitäten, europäisches Christentum und sogar europäische Nationalstaaten zu zerstören".

Systematisch spricht er vom Multikulturalismus als "Kulturmarxismus". Ziel sei die Schaffung einer "EUdSSR". Dabei hilft in B.s Weltbild auch die UNO - hier findet sich auch die Überleitung zum nächsten Feindbild, dem Islam: Muslime seien in der UNO bereits stärker als Europäer, meint er, die Organisation sei bereits eine "muslimisch kontrollierte Organisation". Europa muss sich B.s Ansicht zufolge vor einer islamischen Kolonisierung fürchten, bereits seit 1950 befinde man sich in einem dauernden Jihad niedriger Intensität.

Doch es gebe Hoffnung und verweist auf historische Gegebenheiten und Personen, die er als christliche Abwehrkämpfer sieht: Unter anderem die Schlacht von Tours und Poitiers, in der der Franke Karl Martell 732 ein arabisches Heer besiegte, den Ausgang der Türkenbelagerung von Wien 1683 mit dem Entsatz durch den polnischen König Johann Sobieski, El Cid, Richard Löwenherz, Vlad Tepes "der Pfähler", der letzte Großmeister des Templerordens Jacques de Molay sowie Zar Nikolaus. Die Tempelritter sind auch B.s Vorbilder. Sie würden gegen alle Hass-Ideologien kämpfen.

Zum Abschluss wird der Verdächtige konkret: "Bevor wir mit unserem Kreuzzug beginnen können, müssen wir unsere Pflicht erfüllen, indem wir den Kulturmarxismus dezimieren."

In Internetkommentaren bezieht sich Behring B. übrigens unter anderem auf die "Vienna School of Thought", was "Opposition zu Multikulturalismus und Islamisierung" impliziere. Eine prominente Vertreterin dieser Denkrichtung ist neben dem Niederländer Geert Wilders mit seiner Islam-feindlichen Freiheitspartei Elisabeth Sabaditsch-Wolff, die unter anderem für die FPÖ Vorträge hielt und dabei 2009 unter anderem meinte: "Der Islam ist feindselig. Der Koran ist böse. Muslime hassen uns und befinden sich im Dauerkrieg mit uns."

B. gibt an, sein 1.500 Seiten starkes Pamphlet mit der Unterstützung von Brüdern und Schwestern mehrerer Staaten erstellt zu haben. Unter den genannten Ländern findet sich auch Österreich.

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23. September 2021