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Kinderprostitution in Österreich

Von apa/ nachrichten.at   06. April 2009 07:51 Uhr

WIEN. Kinderprostitution gibt es auch in Österreich. Das Problem in Zahlen zu fassen, ist schwer, „weil es ein großes Tabu ist“, meinte Martin Haiderer, Sozialarbeiter und Leiter der a_way-Notschlafstelle für Jugendliche hinter dem Wiener Westbahnhof. Vielleicht gibt es auch deswegen keine Einrichtung, die sich offiziell der Probleme von Minderjährigen annimmt, die ihren Körper verkaufen (müssen). Etwa ein Drittel der Klientel von a_way geht der Prostitution nach. Geschätzte 120 dürften es im Jahr 2008 gewesen sein.

„Wir nehmen das Phänomen schon wahr. Viele werden aufgrund ihrer prekären Lebenssituation dazu gezwungen, ihren Körper zu verkaufen“, sagte Haiderer. Seriöse Zahlen zu nennen, sei ganz schwer. Etwa ein Drittel der 370 Kinder und Jugendlichen, die im Jahr 2008 die Notschlafstelle aufsuchten, prostituieren sich. Unter den Betroffenen selbst ist es ein sehr sensibles Thema. „Sie kommen ja nicht vordergründig wegen Problemen mit der Prostitution, sondern weil sie eine Schlafstelle brauchen.“ Burschen verleugnen ihre Situation eher, sprechen sie kaum an. Betreffen tue es aber beide Geschlechter gleichermaßen.

Die Jugendlichen, die zu dieser Schutzeinrichtung kommen, sind im Alter ab 13 bis zur Volljährigkeit. Einige sind schon älter “20 oder 21“, meinte Haiderer. Ihr größtes Problem: Sie haben keine Möglichkeit, legal an Geld zu kommen. „Die Probleme mit der Herkunftsfamilie sind oft viel zu schwerwiegend, sie haben kein Taschengeld, keinen Anspruch auf Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als ihren Körper zu verkaufen. Oder sie gehen Zweckgemeinschaften „mit älteren Beschützern ein“, mit Freiern also.

Die meisten Minderjährigen, die „sich verkaufen“, haben ein Drogenproblem. Es ist ein Teufelskreis - denn gleichzeitig macht Suchtgift das, was die Jugendlichen über sich ergehen lassen, auch scheinbar erträglicher. „Der Hauptgrund ist Beschaffungsprostitution wegen Drogen“, bestätigte der Sozialarbeiter. Wenn man ständig Heroin benötigt, geht man schnell ans Limit und verkauft sogar seinen Körper. Auch wenn es nur ganz wenige Jugendliche sind, es gibt aber auch welche, die es tun, um sich ihre Markenkleidung finanzieren zu können, erzählte der Sozialarbeiter.

Den klassischen „Babystrich“ gibt es nicht mehr. Laut Elisabeth Mayer, leitende Sozialarbeiterin im Ambulatorium für sexuell übertragbare Krankheiten (STDs) der MA 15 der Stadt Wien, sei es aber „Gott sei Dank so“, dass am Straßenstrich in der Leopoldstadt und in Wien-Fünfhaus kaum mehr Minderjährige sichtbar sind. Dies führt die Sozialarbeiterin nicht zuletzt auch auf die erhöhte Polizeipräsenz zurück. Vereinzelt aber ziehen die Minderjährigen doch noch im Stuwerviertel oder am Karlsplatz, wo sich vor allem die Drogenszene konzentriert, oder hinterm Westbahnhof ihre Runden, meinte Haiderer. Seit einigen Jahren findet man aber auch in Wiener Großkinos Heranwachsende, die sich an Freier verkaufen.

Das Phänomen der Kinderprostitution ist sicher in Wien fokussiert, meinte der Sozialarbeiter. Kinder und Jugendliche aus den Bundesländern „kommen hier her, aber auch dort gehen Jugendliche auf den Strich“, sagte er. Die größten Drogenszenen und somit auch Szene für Prostitution gäbe es in Wien und Innsbruck.

80 Prozent der Klientel von a_way sind österreichische Staatsbürger, „dazu gehören auch die Kinder der zweiten und dritten Zuwanderer-Generation“. Knapp 400 Jugendliche suchen pro Jahr die Schlafstelle auf, einige kommen über Monate hinweg, andere wieder nur ganz vereinzelt.

Dass sich Jugendliche prostituieren müssen, aus welchen Gründen immer, werde man nie ganz vermeiden können, meinte Haiderer. Wichtig wäre aber, den Heranwachsenden andere Einkommensmöglichkeiten zu schaffen, ihnen Alternativen zu bieten und sie nicht als Täter sondern als Opfer zu betrachten.

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