Lade Inhalte...

Erbeben in Nepal: Unruhen wegen Trinkwassermangel

Von nachrichten.at/apa   28.April 2015

Tausende wollen außer Land. 

Vier Tage nach dem schweren Erdbeben gibt es wegen der katastrophalen Versorgungslage in Nepal erste Unruhen. Das berichtete das UN-Büro für Katastrophenhilfe (OCHA) in der Nacht zum Mittwoch. "Ungleiche Verteilung erhöht das Risiko von Animositäten unter den Betroffenen", warnte OCHA.

Der ohnehin überlastete Flughafen musste am Mittwoch vorübergehend wegen Rissen in der Landebahn gesperrt werden. Sie seien aber schnell repariert worden. Zahlreiche Flüge mit Helfern und Hilfsmaterial mussten in den vergangenen Tagen wegen Überlastung des Flughafens unverrichteter Dinge wieder umkehren.

Unterdessen sanken die Chancen rapide, weitere Überlebende aus den Trümmern zu retten. Den Helfern fehlt Gerät, Menschen graben teils mit bloßen Händen in den Trümmerbergen.

Die Regierung habe angeordnet, dass die Rettungsarbeiten intensiviert würden, sagte der Regierungschef der Nachrichtenagentur Reuters. Sein Land benötige jetzt Hilfe von außen - vor allem Zelte und Medikamente. Die Zahl der Toten ist nach jüngsten amtlichen Angaben auf 4.700 gestiegen. Mehr als 7.000 Menschen wurden verletzt. Auf chinesischer Seite stieg die Zahl der Toten auf 25, in Indien starben 72, in Tibet 25 Menschen. Die Regierung Nepals ordnete drei Tage Staatstrauer an.

Bis zu 250 Vermisste nach neuer Lawine 

Nach dem Abgang einer neuen Lawine im nepalesischen Erdbebengebiet werden bis zu 250 Menschen vermisst. Möglicherweise seien darunter ausländische Touristen, sagte Gouverneur des Bezirks Rasuwa, Uddhav Bhattarai, am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Lawine habe zur Mittagszeit das Dorf Ghodatabela getroffen, das in einem Naturpark liege. Die Region nördlich der Hauptstadt Kathmandu ist bei Wanderern beliebt. "Wir versuchen sie zu retten, aber schlechtes Wetter und Regen behindern die Arbeit", sagte Bhattarai weiter. 

Alle Bergsteiger vom Mount Everest gerettet

Nach den Erdbeben-Lawinen am Mount Everest sind alle Abenteurer gerettet worden. Sie seien per Helikopter von den Höhencamps 1 und 2 ins Basislager gebracht worden, sagte Ang Tshering Sherpa vom Nepalesischen Bergsteigerverband am Dienstag. Insgesamt hätten 180 Bergsteiger festgesessen, weil die Abstiegsroute von Lawinen zerstört wurde. Die örtliche Polizei sprach zuvor von 205 Geretteten.

Nach dem gewaltigen Himalaya-Erdbeben am Samstag hatte eine Lawine auch Teile des Everest-Basislagers zerstört. Sherpa sagte, dabei seien 18 Menschen gestorben. Der örtliche Polizeisprecher sprach von 17 Toten. Ein Sprecher der Tourismusbehörde gab die Zahl mit mindestens 20 an. Das indische Militär, das bei der Rettungsaktion mithalf, sprach von 22 Toten.

Mehrere österreichische Bergsteiger, darunter der blinde Osttiroler Andreas Holzer und der Grazer Clemens Strauss, befanden sich am Dienstag weiterhin im vorgeschobenen Basislager (ABC, advanced base camp) auf rund 6.400 Meter Höhe auf der chinesischen Seite des Mount Everest. Sie warteten auf eine Entscheidung der chinesischen Behörden bezüglich des weiteren Vorgehens. Zunächst hatten die Behörden keine weiteren Aufstiege erlaubt. Strauss erwartete wegen der Nachbeben ein Scheitern seines Abenteuers.

Hilfe in abgelegenen Dörfern

Am Dienstag hat erste Hilfe auch die abgelegeneren Gebiete erreicht: Ein Hubschrauber aus Indien landete in dem schwer getroffenen Bezirk Gorkha, in dem die Menschen seit dem Beben auf sich allein gestellt waren. Regierungschef Sushil Koirala räumte ein, dass die Behörden mit der Katastrophe überfordert seien. Die Zahl der Toten stieg auf mehr als 5.000.

Mit ausgestreckten Armen rannten Einwohner von Gorkha auf den Hubschrauber zu, baten um Wasser und Nahrung und darum, in Sicherheit gebracht zu werden. "Der Boden hört nicht auf zu beben. Jedes Mal fühlt es sich an, als würden wir gleich sterben. Wir haben nichts mehr zu essen, uns bleibt nichts mehr. Ich will nur weg von hier", sagt die 24-jährige Sita Gurung und zeigt auf ihr zerstörtes Haus in dem Dorf Lapu. Laut einem AFP-Reporter hat das Beben am Samstag ganze Dörfer in dem Gebiet ausgelöscht.

Rotes Kreuz schickt weiteren Helfer

Das Österreichische Rote Kreuz schickt einen weiteren Helfer nach Nepal: Am Mittwoch wird Johannes Guger via Genf nach Nepal reisen. Guger ist Experte des Suchdienstes. Der Burgenländer kümmert sich um die Zusammenführung getrennter Familien, hieß es in einer Aussendung. "Das erste, das Menschen bei einer Katastrophe machen, ist flüchten", sagte Guger. "Oft werden dabei Familien voneinander getrennt, Kinder verlieren im Chaos ihre Eltern. Wir sorgen dafür, dass sich diese Familienmitglieder wiederfinden."

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), für das Johannes Guger in den Einsatz geht, ist unter anderem darauf spezialisiert, Menschen zu finden, die in bewaffneten Konflikten oder nach Naturkatastrophen ihre Angehörigen verloren haben. Gesucht wird mit unterschiedlichen Methoden. Das IKRK versucht mit Satellitentelefonen Kontakt zu Vermissten aufzubauen, es setzt Online-Datenbanken zur Suche ein und gleicht in mühsamer Handarbeit Listen von registrierten Personen in Notunterkünften ab.

"Bei unserer Arbeit konzentrieren wir uns ganz stark auf die Suche von Kindern, älteren Menschen und Kranken, weil diese unsere Hilfe und den Kontakt zu ihren Angehörigen am dringendsten brauchen", sagt Guger, der bereits nach dem Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 einen derartigen Einsatz absolviert hat. Bereits am Montag sind die ÖRK-Katastrophenhelfer Andrea Reisinger und Georg Ecker in Nepal gelandet.

Trotz Warnung nicht vorbereitet

Die Regierung räumte außerdem erstmals öffentlich ein, trotz zahlreicher Warnungen vor einem bevorstehenden großen Beben nicht ausreichend vorbereitet gewesen zu sein. "Wir haben nicht genügend Mittel, und wir brauchen mehr Zeit, um alle zu erreichen", erklärte Innenminister Bam Dev Gautam im staatlichen Fernsehen. Die Behörden hätten Schwierigkeiten, die Krise zu meistern. "Wir waren auf ein Desaster dieses Ausmaßes nicht vorbereitet."

Selbst in der Hauptstadt Kathmandu beschwerten sich zahlreiche Menschen: "Wir leben hier auf der Straße, ohne Essen und Wasser, und wir haben in den vergangenen drei Tagen (seit dem Beben) keinen einzigen Beamten gesehen", sagte ein Mann, der mit seiner Familie im Freien campierte. Die meisten Menschen verbrachten eine weitere Nacht in Parks, öffentlichen Plätzen oder auf den Straßen. Zusätzlich werden die Einwohner von Nachbeben aufgeschreckt. Die Stromversorgung ist zusammengebrochen, so dass weder Wasserversorgung noch Telekommunikation gut funktionieren.

Kathmandu wahrscheinlich um drei Meter verschoben

Das Erdbeben in der Himalaya-Region hat zu erheblichen Verschiebungen auf der Erde geführt. Der Untergrund unter Kathmandu habe sich wohl um drei Meter nach Süden bewegt, sagte der Tektonik-Experte James Jackson von der Universität Camebridge am Dienstag nach ersten Analysen. Die Geophysikerin Sandy Steacy von der Universität Adelaide teilte diese Einschätzung, sie sprach von bis zu drei Metern.

In der Region treffen die indische und die eurasische Kontinentalplatte aufeinander. Jährlich schiebt sich die indische Platte nach Angaben des französischen Forschers Yann Klinger in der Himalaya-Region zwei Zentimeter in den Eurasischen Kontinent - ein Prozess, der erst zur Entstehung der Himalaya-Kette geführt hat. Am Samstag dann gab die Verwerfungslinie unter dem Kathmandu-Tal dem anhaltenden Druck nach, über der Naht liegende Felsen brachen ab und rutschten rund drei Meter südwärts über das Gestein unter ihnen. Das löste das schwere Erdbeben aus. Unklar blieb zunächst, ob die Erdbewegungen so groß waren, dass geologische Hochpräzisionskarten angepasst werden müssen. Der weiter westlich gelegene Mount Everest bewegte sich nach Einschätzung der Experten durch das Beben wohl nur wenige Millimeter. Das höchste Gebirge der Welt liege "nicht direkt über der Bruchzone", sagte Steacy.

Der Seismologie-Professor Ian Main von der Universität in Edinburgh schloss kleinere Höhenänderungen nicht aus. Es seien Satelliten-gestützte Analysen nötig, um dies beurteilten zu können. Der Everest ist offiziell 8.848 Meter hoch.

Grafik: Richterskala (Zum Download anklicken)

Weitere Inhalte:

Grafik: Erdbeben (Zum Download anklicken)

Weitere Inhalte:

 

Deutscher Professor unter Opfern

Bei dem verheerenden Erdbeben ist ein Professor der Georg-August-Universität in der deutschen Stadt Göttingen  ums Leben gekommen. Wie ein Sprecher der Universität Dienstag früh mitteilte, befand sich der Geograf mit 15 Studenten und einem weiteren Wissenschafter auf einer Exkursion nordwestlich von Kathmandu, als die Gruppe vom Erdbeben überrascht wurde.

Trentiner Bergsteiger starb

Vier Italiener sind bei dem schweren Erdbeben in Nepal ums Leben gekommen. Dabei handelt es sich unter anderem um den Trentiner Bergretter und -führer Oskar Piazza, der zusammen mit drei Höhlenforschern bei Lantang nördlich von Kathmandu unterwegs war. Im Zuge des Bebens ging eine riesige Schlammlawine nieder. Die Leichen von Piazza und die eines weiteren Italieners konnten geborgen werden. Die beiden anderen italienischen Höhlenforscher, die vermisst waren, sind wohlauf, berichteten italienische Medien.

Ebenfalls von einer Lawine in den Tod gerissen wurde am Samstag der Trentiner Renzo Benedetti, einer der bekanntesten Alpinisten der Bergregion. Seit 1990 war der 60-Jährige immer wieder im Himalaya unterwegs und bezwang mehrere 8.000er. Am Samstag war Benedetti zusammen mit einem weiteren Trentiner Bergsteiger auf rund 3.500 Metern auf dem Langtang-Trek unterwegs, als die Lawine sie mitriss.

40 Italiener werden in Nepal nach Angaben des italienischen Außenministeriums vermisst. Zu ihnen zählt auch ein 22-jähriger Südtiroler, berichtete die Tageszeitung "Dolomiten" am Dienstag.

Hilfe kommt nur schleppend ins Land

Nepal liegt zwischen Indien und China mitten im Himalaya – aufgrund der geografischen Lage kommt Hilfe nach dem verheerenden Erdbeben nur schwer an. Bisher war es äußerst schwierig, die Hauptstadt Kathmandu überhaupt zu erreichen. Derzeit nutzen viele Hilfsorganisationen und Regierungen zwei Straßen aus Indien.
Eigentlich gebe es sieben Verbindungen zwischen den beiden Ländern, aber die meisten hätten wegen des Bebens geschlossen werden müssen, sagte ein Sprecher der zuständigen Transportbehörde. Die einzige Straße nach China über den Zham-Pass sei durch einen Erdrutsch blockiert, berichtete die chinesische Agentur Xinhua.

300.000 Euro Soforthilfe vom Land Tirol

Das Land Tirol stellt 300.000 Euro Soforthilfe für Nepal zur Verfügung. Dies gab Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) am Dienstag bei der Regierungspressekonferenz in Innsbruck bekannt. "Die Republik Österreich und die EU müssten noch mehr Solidarität zeigen", kommentierte Platter die 500.000 Euro Unterstützung der Bundesregierung.

Je die Hälfte der 300.000 Euro sollen an SOS-Kinderdorf und das Rote Kreuz gehen. "Wichtig ist jetzt, rasch zu helfen und die Menschen mit dem Notwendigsten zu versorgen", sagte Platter. Außerdem fühle sich Tirol Nepal besonders verbunden. Jahr für Jahr seien viele Tiroler auf den Bergen Nepals unterwegs und auch die Errichtung des SOS-Kinderdorfs in Lumbini habe das Land Tirol unterstützt, meinte der Landeshauptmann.

750.000 Euro von Österreichs Regierung

"Wir haben alle gesehen, dass nach dem Erdbeben in Nepal dringend internationale Hilfe nötig ist. Es sind bereits viele Österreicher im Einsatz, das Rote Kreuz hilft, private Spender, aber auch die Bundesländer haben Hilfsmaßnahmen eingeleitet. Die Bundesregierung hat am Dienstag beschlossen, dass von Seiten des Bundes 500.000 Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds und dazu 250.000 Euro für Lebensmittelhilfe zur Verfügung gestellt werden", sagte Bundeskanzler Werner Faymann nach dem Ministerrat.

 

 

copyright  2021
05. Dezember 2021