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"Eine Herausforderung für ein Jahrzehnt"

Von Anneliese Edlinger und Herbert Schorn   24. November 2016 00:05 Uhr

Angeregte Diskussion im ORF-Landesstudio: Andreas Pilsl, Rudi Anschober, Adelheid Kastner, Johannes Jetschgo, Gerald Mandlbauer, Efgani Dönmez und Elmar Podgorschek (v.l.)

LINZ. Integration Tausender Flüchtlinge als Mammutaufgabe - Kritik an fehlenden Konzepten für nicht integrierbare Migranten.

  • Integration Tausender Flüchtlinge als Mammutaufgabe
  • Kritik an fehlenden Konzepten für nicht integrierbare Migranten.
     

Herausforderung für ein Jahrzehnt

Was passiert, wenn Zuwanderer nicht integriert werden, weil sich keiner um sie kümmert, zeigt ein Negativbeispiel mitten in Oberösterreich. "Im Süden von Linz leben rund 6000 Tschetschenen in einer regelrechten Parallelgesellschaft. Es ist kein Zufall, dass wir aus dieser Gruppe den größten Anteil jener haben, die in den Dschihad gezogen sind." Diese Aussage von Landespolizeidirektor Andreas Pilsl (mehr dazu siehe Artikel rechts) ließ die zahlreichen Zuhörer beim Oberösterreich-Gespräch Dienstagabend im ORF-Landesstudio aufhorchen.

Schließlich lautete das Thema des Abends "Kann Integration gelingen?", und das von Pilsl zitierte Beispiel zeigte auf, dass sie auch misslingen kann.

Wenn man nichts tut. Doch bei den 13.444 Asylwerbern, die derzeit in 524 Quartieren quer durchs Land leben, und von denen rund 300 monatlich einen positiven Asylbescheid erhalten, passiere das Gegenteil. Sie würden von Behörden, Organisationen und "mehr als 10.000 freiwilligen Helfern" intensiv betreut, sagte Integrationslandesrat Rudi Anschober (Grüne). Doch er verhehlte nicht: Die Integration der Tausenden Flüchtlinge, die dauerhaft hier bleiben werden, "ist eine Aufgabe für ein Jahrzehnt. Das wird kein Klacks."

"Es braucht Perspektiven"

Doch was braucht es, neben viel gutem Willen von beiden Seiten, damit Integration gelingen kann? "Eine Perspektive. Wenn sie die haben, wird das Leben der jungen Flüchtlinge einen positiven Verlauf nehmen", sagte Gerhard Pohl, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Oberösterreich, in denen auch minderjährige Flüchtlinge betreut werden. Für diese Perspektive einer sicheren Zukunft samt Chance auf einen Arbeitsplatz sei gutes Deutsch eine Schlüsselqualifikation.

Man müsse aber ehrlich sein und sagen, dass es unter den Asylwerbern auch solche gebe, "die sich nicht integrieren können oder wollen", sagte Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner in der von den Chefredakteuren Gerald Mandlbauer (OÖN) und Johannes Jetschgo (ORF OÖ) moderierten Diskussion. Hier fehle ihr bis heute die Antwort der Politik: "Was passiert mit jenen, die hier geltende Regeln und Werte ablehnen?"

Zwar liege die Zahl der Rückführungen abgelehnter Asylwerber heuer mit 8700 deutlich höher als im Vorjahr, "aber mit Rückführungen allein werden wir die Probleme nicht lösen", sagte Pilsl. Islam-Experte Efgani Dönmez wies auf die Gefahren hin, die von radikal-islamistischen Gruppen ausgehen: "Sie stehen unserem Wertesystem diametral entgegen. Wenn wir hier eine Lücke entstehen lassen, werben sie noch mehr Menschen an." Die Behörden bräuchten effektive Mittel, um gegen sie vorzugehen.

"Diskussion ohne Tabus"

Und Sicherheitslandesrat Elmar Podgorschek (FP) betonte einmal mehr: "Wir brauchen eine offene Diskussion, bei der Tabus aus political correctness nicht länger unter dem Deckel gehalten werden. Unter den Flüchtlingen sind viele Trittbrettfahrer, die in unseren Sozialstaat einwandern wollen." Wer dauerhaft in Österreich leben wolle, müsse sich an die hier geltenden Gesetze und Werte halten.

"Zu sagen, alle Flüchtlinge sind gut, ist ebenso dumm, wie das Gegenteil zu behaupten. Extrempositionen einzunehmen löst nichts. Es braucht eine differenzierte Betrachtungsweise, die aber mehr Nachdenken erfordert", sagte Kastner. Christian Schacherreiter, der für den Landesschulrat einen Wertekompass für Schulen mitentwickelte, betonte die Bedeutung der Vermittlung von Werten für die Integration: "Allerdings braucht es zuerst Klarheit, was unsere Werte sind." Caritas-Chef Franz Kehrer zeigte sich überzeugt, dass Integration gelingen kann. Denn: "Es gibt keine Alternative."

Wie Flüchtlinge Arbeit finden können

Wie Flüchtlinge Arbeit finden können

Fünf junge Flüchtlinge starteten am 1. September ihre Lehre als Prozesstechniker bei der voestalpine in Linz. Das ist ein Erfolg eines Ausbildungsprojektes, das der Stahlerzeuger ein halbes Jahr zuvor gestartet hatte.
Aus 80 Migranten suchten die Ausbildner 15 Kandidaten aus, die für eine Lehre vorbereitet wurden. Sie erhielten Unterricht in Deutsch und Mathematik. Daneben wurden im Betrieb handwerkliche Fähigkeiten trainiert sowie soziale und kulturelle Werte vermittelt. Der Erfolg: Neben den fünf Lehrlingen erhielten fünf ein Schweißer-Zertifikat. „Wir sehen dieses Projekt als Investition in die Zukunft“, sagte Gerhard Pommer, Chef des Personalmanagements, beim Oberösterreich-Gespräch. Denn der Anteil an Migranten werde weiter steigen.

Bildung als Schlüssel

Pommer wies aber auch auf die Schwierigkeiten bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt hin: „Es braucht klare gesetzliche Regelungen, wen man einstellen darf und wen nicht.“ Zentral sei, die Kompetenzen mit professionellen Methoden festzustellen. Und: „In die Vorbereitung muss das gesamte Umfeld eingebunden sein.“
Integration am Arbeitsmarkt könne nur über Bildung gelingen, ist Gerhard Straßer, Chef des Arbeitsmarktservice in Oberösterreich überzeugt: „Konkurrenz gibt es vor allem bei den Menschen mit geringer oder keiner Qualifikation.“ Chancen sieht Straßer vor allem für Facharbeiter, deren Zahl in den kommenden Jahren laut Prognosen sinkt: „Arbeitskräfte mit Lehrabschluss werden dringend benötigt.“ Am größten sei die Wahrscheinlichkeit für Flüchtlinge auf einen Arbeitsplatz dann, wenn ihnen einheimische Helfer mit ihrem persönlichen Netzwerk bei der Suche helfen.

Wenn Integration misslingt

Wenn Integration misslingt

Es war ein Abend der offenen Worte, bei dem auch Fakten auf den Tisch kamen, die nachdenklich machten. So führte Landespolizeidirektor Andreas Pilsl eine Gruppe von tausenden Tschetschenen als Beispiel dafür an, was passieren kann, wenn die Integration von Flüchtlingen verabsäumt werde.

Diese rund 6000 Menschen, die im Zuge des Bürgerkrieges in ihrem Heimatland Mitte der 1990er Jahre geflüchtet waren, leben heute in Linz und südlichen Randgemeinden der Landeshauptstadt. Damals, so der Polizeichef, „hat Deutschland deutlich weniger Tschetschenen Asyl gewährt als Österreich.“ Deshalb sei die Gruppe, die sich hier niedergelassen habe, besonders groß. Das größte Versäumnis sei aber die fehlende Integration dieser Zuwanderer gewesen. „So hat sich eine Parallelgesellschaft entwickelt.“ Und es sei kein Zufall, „dass die meisten, die in den Dschihad gezogen sind, aus der Gruppe der Tschetschenen kommen“, sagte Pilsl. In eine Gesellschaft vorzudringen, die sich abgeschottet habe, sei schwierig. Doch mit Integrationslandesrat Anschober arbeite man daran.

Auch auf „das mulmige Gefühl, das viele Oberösterreicher trotz relativ niedriger Kriminalität haben“, ging der Polizeichef ein. „Man soll nichts beschönigen, aber auch nicht übertreiben.“

Kriminalitätsrate gestiegen

So sei es ein Faktum, dass die Kriminalitätsrate in Oberösterreich in der ersten Hälfte des heurigen Jahres um zehn Prozent gestiegen sei, was auch auf die Flüchtlingswelle zurückzuführen sei. „Vor allem in den Bereichen Suchtmittelkriminalität und Gewalt gab es mehr Delikte“, berichtete Pilsl. Letztere, etwa Raufereien und Messerstechereien, würden Flüchtlinge vor allem untereinander austragen. Um 40 Prozent gesunken seien hingegen Eigentumsdelikte wie Einbrüche.

Fakten

  • 13.444 Asylwerber leben derzeit in Oberösterreich.
  • Das sind um rund 3000 mehr als vor einem Jahr.
  • Untergebracht sind sie in 524 Quartieren.

 

 

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