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Der Getreide-Flüsterer

Von Josef Lehner   04. Juni 2016 00:04 Uhr

Der Getreide-Flüsterer
Getreidezüchter Hans Gahleitner

Kein Agrarkonzern, ein Mühlviertler Bauer hat die erfolgreichste Dinkelsorte Mitteleuropas gezüchtet. Hans Gahleitner aus Arnreit rettet damit auch Artenvielfalt für die Nachwelt.

  • Kein Agrarkonzern, sondern ein Mühlviertler Bauer hat die erfolgreichste Dinkelsorte Mitteleuropas gezüchtet.
  • Hans Gahleitner aus Arnreit rettet damit auch Artenvielfalt für die Nachwelt.

Durchbruch mit Dinkel

"Am Anfang habe ich so gewaltige Ertragseinbußen gehabt, dass ich sehr gezweifelt habe", sagt Hans Gahleitner. Er steht in seinem Saatzuchtlabor im Ebnerhof in Eckersberg, Gemeinde Arnreit, und lässt Emmerkörner durch seine Hand rieseln. Seit 1980 beschäftigt er sich mit der Züchtung seltener Getreidesorten, vor allem von Dinkel.

Gahleitner ist Autodidakt. Labor ist ein falsches Bild. Der Bauer erledigt zwar dieselbe Arbeit wie eine moderne Saatzuchtanstalt. Er arbeitet aber eher in einem Bauernmuseum: Altes Gerät steht herum, Behälter aus Holz statt Nirosta. An der Wand hängen getrocknete Getreidegarben.

Der Getreide-Flüsterer
Die Auslese der besten Körner ist bei Hans Gahleitner Handarbeit

Der Mühlviertler ist 76 Jahre alt. Er lebt perfekt Anachronismus in einer Zeit, da gentechnisch veränderter Mais, Raps oder Sojabohne, mit eingebauten Pestizidresistenzen, die Schlagzeilen bestimmen. Während in den Genlaboren dieser Welt Techniken perfektioniert werden, die so exakt arbeiten, dass genetische Manipulationen nicht mehr nachweisbar sind (Crispr-Cas9-Prozess), hat er das Rad zwei Generationen zurückgedreht.

Er wendet nämlich nicht einmal Hybridzüchtung an. Die Kreuzung zweier Sorten ist in der die Genmanipulation ablehnenden europäischen Agrarwirtschaft Standard. Gahleitner betreibt aber die uralte Selektion. Er wählt aus einer Ernte die jeweils hoffnungsvollen Körner aus und vermehrt sie. So bleibt eine Vielfalt an Eigenschaften, während die moderne Hybridtechnik Standardisierung bevorzugt. "Selektion ist viel mühseliger und kostet Zeit", sagt der Mühlviertler. Er hegt und pflegt Sorten, die auf schlechten Böden bei rauen Klimabedingungen – wie sie hier auf gut 600 Metern Seehöhe herrschen – gute Erträge liefern. Er betreibt Saatzucht nach biologischen Grundsätzen und hat eine Dinkelsorte entwickelt, die heute in Österreich und Deutschland die meistverwendete ist.

Durchbruch mit Dinkel

Sie heißt nach dem Hof "Ebners Rotkorn". Vertrieben wird sie in Österreich von der Saatbau Linz und in Deutschland von der BayWa (Raiffeisen-Lagerhäuser). "Hans Gahleitner ist ein Querdenker und hat die Gabe, Dinge zu sehen, auf die es ankommt", sagt Josef Fraundorfer, Geschäftsführer der Saatbau Linz: "Er hat Dinkel entwickelt, der auf extensiven Standorten gedeiht, auf schlechten Böden, trotz strenger Winter. Es sind Pflanzen mit Stresspotenzial."

Der Getreide-Flüsterer
Hochgeistiges: Kornbrand, garantiert bio.

So wie ein Pferdeflüsterer ins Innerste eines Tieres blicken kann, spürt Gahleitner die Eigenheiten von Getreidekörnern, Pflanzen und Böden auf. Er wählt jedes Jahr die hoffnungsvollsten Körner und setzt sie an den extremsten Standorten in ganz Österreich aus, nicht nur im Mühl-, sondern auch im oberen Waldviertel. Dort entwickeln die Sorten Widerstandskräfte. Das Ausleseprinzip bringt ständig neue Eigenschaften hervor. Die stärksten Körner sind für die Saatgutvermehrung geeignet und liefern dann an günstigeren Standorten ausgezeichnete Ernteerträge.

"Jede Sorte muss aber jedes Jahr weiterentwickelt werden", sagt der Züchter. Sonst verliere sie ihre Kraft. Es sei wie im Sport: Wer keine Trainingsimpulse setzt, baut ab. Er habe sich mit der Zulassungsbehörde manche Schlacht geliefert, aber durchgesetzt, dass eine biologische Saatgutsorte keine Einheitsqualität haben müsse. Die Beamten habe gestört, dass er keine Ausbildung habe nachweisen können.

Eine Genbank am Ebnerhof

Gahleitner bewahrt auf dem Ebnerhof auch die größte Dinkelsammlung Mitteleuropas. Er hat den Großteil des Bestandes 1989, vor der Wende, aus der DDR geholt. Es ist eine Genbank besonderer Art, mit rund 330 Sorten, die ohne seine Obsorge womöglich einer der schlimmsten Seuchen unserer Zivilisation zum Opfer gefallen wäre – dem Artensterben.

Die Geschichte dieser Zivilisation um- oder vielmehr zurückzuschreiben, hat Gahleitner in einem wichtigen Bereich beigetragen. Dazu hat er sich selbst vom Saulus zum Paulus wandeln müssen. Sein Vater hat am Ebnerhof bereits mit sogenanntem Kunstdünger experimentiert, denn auch die Bergbauern hier wollten ein wenig vom Erfolgslauf der Agrarchemie profitieren.

Der Getreide-Flüsterer
Im Labor: Altes Gerät statt Nirosta

"Wir waren bis 1975 Versuchshof der Chemie Linz", erzählt der Altbauer. Dann habe er zu spüren begonnen, dass das der falsche Weg sei. "Ich habe mich nach sechs Jahren als Bauer komplett abgewendet und habe mit biologischem Landbau begonnen", erinnert er sich. Mühlviertler Bauern haben stets als streng konservativ gegolten, haben aber öfters Revolten gegen die Obrigkeit geführt. Der große oberösterreichische Bauernkrieg von 1626 ist nicht umsonst im nahen Lembach ausgebrochen.

Front gegen VP-Allmacht

Gahleitner ist einer der grünen Pioniere Österreichs. Die Anfeindungen sind anfangs groß. Zwei Mächte bestimmen das Agrarsystem: der Bauernbund und das Raiffeisen-Genossenschaftswesen als Lieferant der Betriebsmittel und Abnehmer der Ernten. Weil auch immer mehr Konsumenten Bioprodukte nachfragen, will das System die neue Bewegung integrieren. Der Arnreiter gründet mit einem Dutzend Mühlviertler Kollegen den unabhängigen Bioverband "Erde und Saat", als ihre bisherige Biobauern-Vertretung in die Landwirtschaftskammer übersiedelt.

"Wer zahlt, schafft an", sagt Mitstreiter Josef Eder: "Da sind dann zutiefst bäuerliche Interessen nicht mehr bäuerlich vertreten gewesen." Eder ist ein Pionier der Direktvermarktung. Heute liefert sein Mauracher Hof in Sarleinsbach Biobrot bis München und Wien. Es entstehen aus "Ernte & Saat"-Höfen weitere tolle Gewerbebetriebe: die Biomolkerei Lembach, die Biokäserei St. Leonhard, der Eferdinger Biogemüsespezialist Achleitner. Ein weiterer ist die Biosaat Arnreit Gesellschaft, die Gahleitner 1996 zur Produktion und Vermarktung von Saatgut zusammen mit acht Kollegen gründet.

Der Getreide-Flüsterer
Bio-Duo: Gahleitner und Mitstreiter Josef Eder vom Biobäcker Mauracher Hof.

Vielfalt vor Uniformität

Seither arbeitet er daran, den Berufskollegen mit Dinkel Marktchancen in der wachsenden Schicht gesundheitsbewusster Konsumenten zu eröffnen. "Wir haben den Dinkel gebraucht, weil immer mehr Menschen auf Weizen oder Roggen allergisch reagiert haben", sagt Eder. Die Biosaat Arnreit pflegt auch andere alte Sorten, wie Emmer, Urkorn oder neuerdings Nackthafer. Ihre Körndl sind für Teigwaren, Müsli und Brei gefragt.

"Wir bräuchten 1000 Biosaats", sagt Hans Gahleitner. Er ist zwar für eine zentrale Sortengenehmigung, um Qualität zu sichern. Die Saatgutwirtschaft gehöre aber dezentralisiert: "Damit die Bauern sich in der Region versorgen können." Und damit die Vielfalt vor Uniformität geschützt werde.

Zur Person

Zur Person: Hans Gahleitner

Hans Gahleitner
  • Geboren 1940 auf dem Ebnerhof in Arnreit 
     
  • 1964 unter den ersten Landwirtschaftsmeistern der Landwirtschaftsschule Schlägl
     
  • Ab 1975 Ausstieg aus der Intensivwirtschaft
     
  • Sechs Jahre Bundesobmann der Bergbauernvereinigung
     
  • 1988 Gründung des Biobauern-Verbandes "Erde & Saat" (Obmann bis 2003)
     
  • 1996 Gründung der Bio-Saatgut Gesellschaft Arnreit.

 

Rückkehr der alten Sorten

Rückkehr der Alten Sorten

Getreide: Rückkehr der alten Sorten
Einkorn, Nackthafer, Dinkel

Einkorn: Eine der ältesten Getreidesorten, vor 8000 Jahren im Mittleren Osten im Einsatz. Bei Ötzi wurde Einkorn gefunden. Heute liefert Einkorn nur 1200 bis 2000 Kilo Ertrag pro Hektar (Weizen 6000), ist aber beliebt für Nudeln, Brot, auch Bier.

Nackthafer: Eine Haferart, die ihren Namen daher hat, dass die Spelze, welche die Frucht umschließt, beim Dreschen abfällt. Nackthafer feiert eine Renaissance in der Vollwerternährung. Er ist sehr energie- und nährstoffreich.

Dinkel: 5000 vor Christus im Kaukasus dokumentiert, bei Hildegard von Bingen im Mittelalter sehr beliebt. Im 20. Jahrhundert wegen schlechter Erträge ausgemustert, mit Bio-Bewegung und Bingen-Medizin in neuer Blüte.

 

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