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Unlustig ist das Zigeunerleben

Der Volksgerichtsakt zum Prozess gegen Karl Horvath im Oberösterreichischen Landesarchiv Bild: Freitag

Unlustig ist das Zigeunerleben

Das Schicksal des Karl Horvath (1916–1971) zwischen gesellschaftlicher Ächtung, NS-Vernichtungsmaschinerie, Volksgericht und Verdrängung.

Von Bernhard Lichtenberger, 16. Februar 2019 - 00:04 Uhr

Der Fall Karl Horvath. Der Titel stößt die Ahnung an, der Autor arbeite sich am Los eines Einzelnen ab. Tatsächlich geht Wolfgang Freitag viel weiter und tiefer. Er nimmt das Schicksal des Loipersdorfer "Zigeuners" als Basis, von der aus eine Jahrhunderte währende Ächtung und Verfolgung, das Menschen verachtende und vernichtende System des Nationalsozialismus, der Umgang mit dessen Opfern im Österreich der Nachkriegsjahre und das Muster der Verdrängung beleuchtet wird.

Am Anfang steht ein Exkurs über den Begriff "Zigeuner", den Freitag durchgehend unter Anführungszeichen verwendet. In Meyers Konversationslexikon von 1888/89 erinnern die Formen der Zigeuner "an bronzene Meisterwerke der Plastik aus dem Altertum". Wäre da nicht der Charakter, der als "leichtsinnig, treulos, furchtsam, der Gewalt gegenüber kriechend, dabei rachsüchtig" beschrieben wird. Und: "Alle sind dem Betteln ergeben, gestohlen wird besonders von Weibern und Kindern."

Ohren abschneiden!

Ein Blick in die Historie zeigt, dass sich Gesellschaft und Herrschende weniger an der Ethnie als vielmehr an der Lebensweise störten. Maria Theresias Vater Karl VI. etwa erließ 1726 die Bestimmung, alle männlichen Zigeuner hinzurichten, den Frauen und Kindern ein Ohr abzuschneiden. Das Vagabundengesetz von 1855, das Landstreicherei und Bettelei unter Strafe stellte, rückte die Zigeuner ins Kriminelle. Während der Weltwirtschaftskrise verschwanden zahlreiche ihrer Gelegenheitsarbeitsplätze.

Allgegenwärtig drückte sich abgründige Abneigung aus, die der Autor getrost nüchtern auflisten kann, weil der Leser selbst parallele Stränge zur Jetztzeit zu entdecken vermag. Wenn also von einem burgenländischen Bezirkshauptmann berichtet wird, der 1933 die Deportation der Zigeuner auf dünn besiedelte Inseln im Stillen Ozean vorschlägt, fällt einem ein zum Bundeskanzler aufgestiegener Außenminister ein, der von Australien lernen wollte, das Flüchtlinge auf Inseln im Pazifik interniert. Und wenn 1938 der burgenländische Landeshauptmann von einer bedenklichen Vermehrung der "fast zur Gänze mit vererblichen und ansteckenden Krankheiten behafteten" Zigeuner spricht und vor einer "Umvolkung" warnt, erinnert man sich, dass dieses Unwort aus dem Nazi-Sumpf immer wieder an die Oberfläche blubbert.

Unlustig ist das Zigeunerleben
Wolfgang Freitag: „Der Fall Karl Horvath. Ein Loipersdorfer ,Zigeuner’ vor dem Linzer Volksgericht“

Karl Horvath, 1916 im burgenländischen Loipersdorf geboren, wurde 1939 als "Asozialer" in Leoben, wo er am Straßenbau mitwirkte, verhaftet, ins KZ Dachau gebracht, dann als "Arbeitsscheuer" nach Buchenwald und schließlich ins Lager Gusen II, den "schrecklichen Zwilling" Mauthausens, in dem mindestens 35.000 Menschen umkamen. Beschreibungen des Unfassbaren setzt der Autor bei einem oberösterreichischen Ortsbesuch die Frage entgegen, wieso die Stelle des Grauens so schnell von einem Eigenheim-Glück überwuchert werden konnte, und konstatiert ein "gesamtgesellschaftliches Versagen".

Karl Horvath überlebt. Über die Freiheit nach der Befreiung darf er sich nur kurz freuen. Auf der Linzer Landstraße will ein polnischer Jude in dem Zigeuner einen Stubendienstkapo erkannt haben. Horvath landet vor dem Linzer Volksgericht. Ihm wird vorgeworfen, "eine große Anzahl arbeitsunfähiger KZ-Häftlinge, zum Großteil Juden und Italiener, gequält, misshandelt und ermordet zu haben". Das Verfahren legt Konflikte offen – zwischen den belastenden polnischen Zeugen und den entlastenden sogenannten "Rotspaniern", die gegen Franco gekämpft hatten, zwischen jüdischen und nichtjüdischen Zeugen. Eine Folge des infamen KZ-Systems, das Gruppen gegeneinander aufwiegelte, Häftlinge in Elende und Günstlinge teilte.

Anständige und Arbeitsscheue

Trotz Beteuerung seiner Unschuld wird Horvath 1948 zu 15 Jahren schwerem Kerker in Garsten verurteilt. 1952 erreicht er eine Wiederaufnahme, da 15 neue polnische Zeugen seine Version einer Verwechslung stützen. Dem Freispruch folgt ein zäher Kampf mit der Bürokratie um Entschädigung für das Erlittene. Dazu entwirft der Autor das Bild einer Nachkriegsgesellschaft, in der Ressentiments überdauerten, Tätern eher Nachsicht zukam denn Opfern und unglaubliche Aussagen fielen: "Die Anständigen und die Arbeitsscheuen – das Wörterbuch der Barbaren kennt kein Ablaufdatum", stellt Wolfgang Freitag fest.

 

Wolfgang Freitag: „Der Fall Karl Horvath. Ein Loipersdorfer ,Zigeuner’ vor dem Linzer Volksgericht“
mandelbaum verlag, 128 Seiten, 15 Euro

Buchpräsentation: 21. 2., 20 Uhr, Linzer Stadtwerkstatt

 

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