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"Keinerlei Toleranz": Sportlandesrat schaltet Polizei und Bundesheer ein

Von Christoph Zöpfl und Reinhold Pühringer   11.März 2019

Missbrauchs-Affäre schlägt Wellen: "Ich bin nicht mehr das Opfer"
Nach den ersten Vorwürfen gegen einen oberösterreichischen Langlauftrainer gibt es nun einen zweiten Fall.

Nach dem Outing einer ehemaligen Langläuferin, die in den 1990er-Jahren von ihrem oberösterreichischen Trainer missbraucht worden sein soll (die OÖN haben berichtet), meldete sich nun ein weiteres Opfer dieses Mannes bei den OÖNachrichten. Melanie D. (Name von der Redaktion geändert) war erst 15 Jahre alt, als es bei einem Trainingskurs zum ersten sexuellen Übergriff kam. Wie bei Ulrike S. spielte sich der Vorfall in einem Doppelbett ab. Die Sportlerin hatte ein Zimmer angeblich mangels Alternative mit ihrem rund doppelt so alten Trainer – für den die Unschuldsvermutung gilt – teilen müssen.

"Er berührte mich mit seinen Händen an meinen Genitalien. Ich fühlte mich komplett überfordert", sagt Melanie D. Gewehrt hatte sie sich damals nicht. "Er war mein Trainer, ich habe ihm blind vertraut. Ohne ihn wäre meine Karriere als Langläuferin Geschichte gewesen. Vorwürfe, dass ich nicht nein sagen konnte, mache ich mir heute noch."

Die Berührungen wurden in der Folge immer intensiver. Als Melanie D. 16 war, kam es zum ersten Geschlechtsverkehr. Es entstand ein Abhängigkeitsverhältnis, das vier Jahre dauerte. "Aus seiner Sicht sollte es eine Art Bereicherung für mich sein – ich sollte von ihm lernen", sagt Melanie D. Der beschuldigte Trainer führte parallel eine "normale", fixe Beziehung.

OÖN-TV-Bericht

Drohung statt Entschuldigung

Nach vier Jahren gelang ein mühsamer Loslösungsprozess. "Ich versuchte alles, um mich abzukapseln, aber er wollte mich nicht gehen lassen", sagt Melanie D. Ihre Erfahrungen verdrängte sie jahrelang. Eingeweiht wurde nur ein Stofftier ("Dem konnte ich alles erzählen"). Die Geheimnisse, das wahre Ausmaß, wie es sich wirklich zutrug, behielt sie bei sich. Am 9. November 2018 änderte sich schlagartig alles. Der beschuldigte Trainer meldete sich damals von einem Trainingskurs in Finnland telefonisch bei Melanie D. Im ersten Moment glaubte diese, er würde um eine Aussprache bitten und sich für seine Verfehlungen entschuldigen. Das Gegenteil war der Fall. "Er sagte mir, dass eine Frau ihn wegen sexueller Übergriffe beschuldigt hat. Wenn mich jemand konfrontiert, soll ich für ihn lügen", sagt Melanie D. Das Telefonat löste ein emotionales Erdbeben aus, jetzt brachen Dämme ein, die rund 20 Jahre lang gehalten haben. Melanie D. erlitt Panikattacken, fürchtete, die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren. "Der Körper fährt mit dir Achterbahn, ohne dass du es willst."

Trainer beim Bundesheer tätig

Die öffentlichen Äußerungen der beiden ehemaligen Langläuferinnen rufen nun auch die Polizei auf den Plan. „Wir haben die Ermittlungen aufgenommen“, sagt Landespolizeichef Andreas Pilsl. Sport-Landesrat Markus Achleitner schrieb in einer Aussendung: „Es ist bereits eine Sachverhaltsdarstellung an die Polizeibehörden in Oberösterreich ergangen, damit diese Ermittlungen aufnehmen. Ebenso ergeht das Ersuchen an das Bundesheer diese Vorwürfe dienstrechtlich zu prüfen. Denn der betroffene Trainer ist im Heeresleistungssportzentrum Linz tätig.“

Als weitere Konsequenz lässt Achleitner eine neue Hotline für Hilfe und Beratung bei sexueller Gewalt im Sportbereich einrichten.

> Video: Landesskiverband wehrt sich gegen Vertuschungsvorwürfe

Andere junge Sportler schützen

Sie weihte ihren Mann ein ("Er ist wahnsinnig verständnisvoll"), sprach sich mit ihren Eltern aus. Außerdem nahm sie die Hilfe eines Psychologen in Anspruch. Im Zuge der Behandlung kam es zu einer Gegenüberstellung mit dem ehemaligen Trainer mit psychologischer Begleitung. Dieser empfand dabei keine Schuldgefühle oder Reue. Melanie D.: "Aus diesem Grund wähle ich den Gang an die Öffentlichkeit, ich möchte junge Sportler vor ihm schützen. Nach wie vor wird er immer wieder mit jungen Athleten gesichtet, obwohl er bereits in vielen Funktionen gar nicht mehr tätig sein darf."

Bei der Aufarbeitung der traumatischen Jugenderfahrungen ist Melanie D. auf einem guten Weg. Sie habe viel gelernt, viele Begegnungen waren eine Bereicherung. "Ich habe eine Familie, die man sich nur wünschen kann, nur das zählt", sagt sie. Und noch etwas will Melanie D. unbedingt loswerden. "Ich bin nicht mehr das Opfer! Ich bin stärker denn je."

Chronologie

  • 5. Dezember 2017: Ulrike S. (Name von der Redaktion geändert) schildert in einem ausführlichen Mail an Waltraud Klasnic und eine Stelle der Sportunion OÖ den sexuellen Übergriff ihres Langlauf-Trainers Mitte der 1990er-Jahre. Sie bittet um telefonische Kontaktaufnahme. Vergeblich. Das E-Mail an die Mitarbeiterin der Sportunion landete angeblich in einem Spam-Ordner.
  • 5. November 2018: Neuerliche Kontaktaufnahme mit der Union. Die Reaktion einer Mitarbeiterin: „Endlich hat mich ihr sehr bewegender, schockierender und mutiger Brief erreicht. Ich habe ihn sofort, mit ihrer Zusage, an den Skiverband OÖ weitergeleitet. Hier ist Handlungsbedarf.“
  • 10. November 2018: S. wendet sich in einem Mail an den Oberösterreichischen Skiverband und bittet um Informationen über Konsequenzen. „Ich hoffe sehr, dass ich persönlich bald einen Schlussstrich unter dieses dunkle Kapitel ziehen kann.“ Der beschuldigte Trainer wurde von einem Trainingslager zurückbeordert. Alle Funktionen wurden ruhend gestellt.
  • 3. Jänner 2019: Der OÖ Skiverband bietet ein persönliches Gespräch mit Präsident Fritz Niederndorfer an, weist aber auch darauf hin, dass man „weder Polizei noch Richter“ sei.
  • 22. Jänner 2019: Der Landesskiverband klärt in einem Mail seine Vereine über das Thema „Gewaltprävention“ auf.
  • Anfang Februar 2019: Die OÖN erfahren aus Langlaufkreisen vom „Fall Ulrike S.“ und beginnen mit der Recherche.
  • 9. März 2019: Die Geschichte von Ulrike S. wird öffentlich.

Der Hindernislauf von Instanz zu Instanz

Warum sich Betroffene alleingelassen fühlen, obwohl es einige Hilfsorganisationen gibt.

Warum kommen Missbrauchs-Anschuldigungen erst Jahrzehnte später auf? Warum nicht sofort?

Fragestellungen, die im öffentlichen Diskurs praktisch reflexartig auftauchen. Auch im Missbrauchs-Fall rund um einen oberösterreichischen Langlauf-Trainer. Wer sich näher mit den Schilderungen von Betroffenen auseinandersetzt, dem begegnen wiederkehrende Muster: unmündige Sportlerinnen, die in Abhängigkeit von ihrem Trainer stehen und ihre Lage aus Alternativlosigkeit erdulden, sich arrangieren. Traumatische Erlebnisse werden in der Folge weggeschoben. Das ist Vergangenheit für mich und soll dort auch bleiben, so lautet eine Begründung, die den OÖN bei der Suche nach weiteren Opfern mehrfach begegnete. Die unverarbeiteten Erlebnisse kommen oft erst Jahrzehnte später wieder hoch. Dann manchmal mit der Bereitschaft, aktiv dagegen vorzugehen.

Von einer Stelle zur nächsten

Die Betroffenenberichte zum vorliegenden Fall zeichnen ein besorgniserregendes Bild von den zuständigen Hilfsstellen. Die E-Mails von Ulrike S. (Name von der Redaktion geändert) an die unabhängige Opferschutzanwaltschaft unter Waltraud Klasnic blieben unbeantwortet. Die Anlaufstelle der Sportunion OÖ „Respekt und Sicherheit“ verwies S. an eine Organisation für häusliche Gewalt, die mit Missbrauch im Sport nichts anzufangen wusste. Eine Odyssee.

Der Schritt an die mediale Öffentlichkeit blieb somit als eine der letzten Möglichkeiten, bestehende Missstände für künftige Generationen zu beheben. Der Kontakt zwischen den OÖN und S. bestand bereits seit Anfang Februar. Ihre Bedingung: Den Fall erst nach der Nordischen Ski-WM zu publizieren, weil während der Heim-Titelkämpfe der Sport im Mittelpunkt stehen solle. Ein ehrbarer Gedanke, der angesichts des ausufernden Doping-Skandals im Rückblick fast ironisch wirkt.

Mit der Veröffentlichung beginnt der Spießrutenlauf für die Betroffenen allerdings erst so richtig. „Ich habe mein Telefon abgestellt, es ist übergegangen“, wurde den OÖN geschildert. Wegen der Engmaschigkeit der Langlauf-Familie ist der Kreis von möglichen Opfern überschaubar. Die Reaktionen reichen von Unterstützungsbekundungen bis zu Anfeindungen.

Reaktionen

„Wir haben eine Kooperation mit dem Gewaltschutzzentrum Oberösterreich und können Betroffenen Hilfestellung von der psychologischen Unterstützung bis hin zur Prozessbegleitung zur Verfügung stellen. Für das Outing von Opfern sexueller Gewalt habe ich eine große Bewunderung. Diese Frauen müssen sehr mutig sein.“
Nicola Werdenigg, selbst Betroffene und Gründerin der Opferschutz-Initiative „#WeTogether“

„Es war von Anfang an klar, dass es da keine Toleranz gibt, dass es sofortige Konsequenzen haben wird, die haben wir auch gezogen. Ich habe meine Mitarbeiterinnen beauftragt, der Betroffenen jede Unterstützung zukommen zu lassen, um ihre Erlebnisse aufzuarbeiten, in Zusammenarbeit mit Institutionen, die auf sexuelle Übergriffe spezialisiert sind. Das ist dann auch in der Folge passiert.“
Franz Schiefermair, Präsident der Sportunion Oberösterreich

  • Lesen Sie dazu auch den Leitartikel von OÖN Sport-Chef Christoph Zöpfl
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23. September 2019