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Ist nicht die Maske unser eigentliches Selbst?

Von Klaus Buttinger   02. März 2019

Ist die Maske ein Spiegel unserer wahren Identität?

Im Fasching ziehen wir uns eine Maske über, die aber mehr über unsere Identität(en) sagt als das Alltagsgesicht.

Hinter der Maske ist leicht lachen, unter der Narrenkappe quillt die Wahrheit hervor, der Nickname kennt kein Halten. Im Tierreich verschleiert die Larve den schönen Schmetterling, der Mensch hingegen versteckt sich hinter der Larve. Im Fasching tut er das institutionalisiert, im Alltagsleben wechselt er die Rollen oft schneller als Hemd oder Bluse. "Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloß Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab, sein Leben lang spielt einer manche Rollen …", schrieb schon Shakespeare 1599.

Was aber definiert unsere Rollen, was macht die Identität aus? "In der Psychologie unterscheiden wir zwischen dem Charakter und dem Temperament eines Menschen. Dieses existiert bereits zur Geburt, ist also genetisch geprägt, während jener sich durch Lebenserfahrungen entwickelt. Hier spricht man dann von der Sozialisation durch die Familie, der Enkulturation, welche das Hineinwachsen in die jeweilige Kultur vor allem durch Gleichaltrige meint", sagt Psychologe Univ.-Doz. Rainer Holzinger vom Linzer H&H-Institut.

Oder sollte man von der Mehrzahl sprechen, den Identitäten des Menschen, den Kern- und Teilidentitäten? Holzinger: "Durch immer bessere Einblicke in die Welt der Gene und auch in die Hirnstruktur wissen wir über die großen Veränderungsmöglichkeiten schon sehr gut Bescheid. Und von jeher war gerade die Anpassungsfähigkeit ein wesentlicher Bestandteil der erfolgreichen Evolution des Menschen. Heute gehört es definitiv zur sozialen Kompetenz, unterschiedliche Rollen einnehmen zu können." Als Basis müsse jedoch gleichzeitig ein stabiles Selbstbewusstsein existieren, um "Steuermann" im eigenen Haus zu sein und nicht "Sklave" äußerer Umstände, so Holzinger.

Einer Maskierung – ob als Faschingsgeck oder Avatar im World Wide Web – der jeweiligen Rolle mit ihrer entsprechenden Maske haftet etwas Anrüchiges an. Jemand versteckt sich. Man will den Grund dafür wissen. Das war nicht immer so. Jean-Jacques Rousseau (1712 bis 1778), der große französische Aufklärer, schrieb: "Der Mann von Welt verbirgt sich ganz hinter seiner Maske. Da er fast niemals zu sich kommt, ist er sich immer fremd, und missmutig, wenn er dazu gezwungen wird. Was er ist, ist nichts; was er scheint, ist ihm alles."

Patchwork der Identitäten

Ist die Maske unser wahres Selbst? In der Antwort fordert die Psychologie wieder den Plural ein. Sozialpsychologe Heiner Keupp (75), emeritierter Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München, spricht vom "Patchwork der Identitäten" angesichts der Spätmoderne, "die mehr Optionen für individuelle Lebensmöglichkeiten bietet". Nachdem Teilidentitäten erst durch Kommunikation entstehen, hält der deutsche Soziologe Lothar Krappmann (82) "Identität für nichts Starres", sie verändere sich immer wieder von Situation zu Situation.

Psychotherapeut Holzinger wirft ein: "Der Mensch von heute wird leider oft gelebt, er lebt nicht sein Leben, ist nicht Hauptakteur. Nur mehr reagierend auf das Umfeld verliert er in Folge den Kontakt zu sich selbst, was zur Verleugnung eigener Bedürfnisse und nicht selten auch zu Krankheiten führt." Hier wäre es wichtig, sich überhaupt einmal kennen und schätzen zu lernen, ganz einfach zu wissen, wer man ist und was man braucht. "Ist das gewährleistet, stellt eine bewusst vorgenommene Maskierung im Fasching eine gelungene und psychisch auch wichtige Ablenkung vom Alltag dar – aber eben keinen weiteren Fluchtversuch", sagt Holzinger.

Kulturelle Identitäten

Saturnalien, Karneval, Fasching – das hat mit der jeweiligen Kultur zu tun und mit dem umstrittenen Begriff der "kulturellen Identität". Während die einen – etwa die "Identitäre Bewegung" – ein xenophobes Bild einer Volkskultur zeichnen, entwerfen andere eine "transkulturelle Gesellschaft". Durch Kontakte unterschiedlicher Menschen entwickeln sich kulturelle Identitäten weiter, wobei sie sich der "fremden" Anteile gewiss wären, lautet die Theorie. Der indische Nobelpreisträger Amartya Sen nennt als Beispiel: "Eine Person kann widerspruchsfrei amerikanische Bürgerin, von karibischer Herkunft mit afrikanischen Vorfahren, Christin, Liberale, Vegetarierin, Langstreckenläuferin, Heterosexuelle, Tennisfan etc. sein." Es gibt wohl keine Identität ohne Masken.

 

"Clownerie bewahrt vor Fanatismus"

"Clownerie bewahrt vor Fanatismus"
Clownin Gisela Matthiae

Zu jeder Religion müsse Religionskritik dazugehören, allerdings eine konstruktive, eine liebe- und humorvolle
Gisela Matthiae (59) stammt aus Baden-Württemberg, studierte Theologie und war Lehrbeauftragte und evangelische Pfarrerin. Seit 2007 arbeitet sie als freischaffende Theologin und Clownin.

OÖN: Wie sind Sie auf die Clownin gekommen?

Matthiae: Ich war Pfarrerin in Stuttgart und bin zu einem Studienjahr in die USA gegangen. Dort habe ich das Unterrichtsfach "clowning ministry" vorgefunden, also "Clownerie in der Kirche". Das bezieht sich auf alle Tätigkeiten, die in der und um die Kirche anfallen, auch in der Seelsorge. Schon in den 60er-Jahren gab es in angelsächsischen Ländern Versuche, das im Clownskostüm zu machen. Ich fand das faszinierend, vor allem weil ich danach ganz anders in Kontakt war mit den Menschen. Da war plötzlich Herzlichkeit, Direktheit, Augenkontakt. Das Förmliche fiel völlig ab.

Was würden Sie jemandem mit konservativem Kirchenbild sagen, der meint, ein Clown passe nicht in die Kirche?

Ich würde umgekehrt einmal fragen, was er für ein Bild vom Clown hat. Clownerie bedeutet für mich nicht zirkusartiges Gag-Theater, in dem man sich mit Torten bewirft. Mir ist die Clownerie deshalb so wichtig geworden, weil ich in den Clownsfiguren das Menschliche schlechthin entdecke. Und das ist voller Sehnsucht nach Anerkennung, nach Liebe, Hoffnung, nach dem Schönen im Miteinander. Zugleich ist da das Endliche, das Scheitern, das Stolpern.

Wie bringen Sie als Person die ernsthafte Theologin und den lustigen Clown unter einen Hut?

Die Gegenüberstellung "Kirche ist ernst" und "Clownerie ist Spaß" lasse ich nicht gelten. Da bin ich streng. So wie der Humor ist auch die Clownerie nicht das Gegenteil von Ernst. Sie nimmt den Überernst ins Visier, dort, wo es zu streng wird, zu dogmatisch, zu festgelegt, ja totalitär. Clownerie und Humor bewahren vor Fanatismus.

Fehlt der Kirche Humor?

Jaja, unbedingt. Aber nicht immer und überall. Da, wo Kirche sich selbst kritisch anschaut – nicht vernichtend kritisch, sondern liebevoll kritisch im Sinne von konstruktiv –, da ist Humor möglich und der Blick auf das eigene Scheitern. Zu jeder Religion muss Religionskritik dazugehören, damit daraus kein absolutistisches Gebaren wird.

Würde ein größerer Zugang zum Humor auch mehr Leute in die Kirche bringen?

Ja, doch, wenn die Kirche öffentlich zeigen würde, dass sie sich nicht zu ernst nimmt bzw. dass sie ihre eigenen Fehler und ihr Versagen anschaut und dazu steht. Clowntheater setzt sich mit den Tragödien des Lebens auseinander, schaut immer in die Misere, dorthin, wo es schiefgeht, wo die Katastrophen sind. Darin bleibt es aber nicht verhaftet, sondern hat immer dieses Spielerische, den Optimismus; dass man sich daraus befreien kann und neu zum Leben kommt, dass man sieht, was man angerichtet hat, dass man sich versöhnt mit sich und den anderen.

Inwieweit dient Ihnen persönlich die Clownsrolle als Verkleidung?

Die Clownsnase ist nicht so groß, dass man sich dahinter verstecken könnte. Somit ist sie das Gegenteil einer Maske. Die Nase macht aufmerksam auf das Gesicht. Die Clownerie bringt einen dazu, Sachen aus sich herauszulassen. Ich erlebe in meinen Kursen, dass die Leute Seiten oder Identitäten in sich entdecken, die längst verschüttet waren. Ödön von Horváth hat das so schön gesagt: "Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu."

"Übermütig", das aktuelle Buch von Gisela Matthiae, ist im Patmos Verlag erschienen (15,50 Euro).

Die Autorin bietet einen Clown-Lehrgang (Mai bis Nov. 2019) im Bildungshaus St. Virgil an. Info: www.clownin.de

 

Nach dem Fasching ist wieder Maskenzwang

Nach dem Fasching ist wieder Maskenzwang
Gert Smetanig ist katholischer Pfarrer in Burgkirchen und Mauerkirchen sowie Dechant im Dechanat Braunau am Inn. In seiner Freizeit verzaubert er gerne als "The Magic Priest" seine Zuschauerinnen und Zuschauer.

Als Kind war die fünfte Jahreszeit "Fasching" eine ganz besondere Zeit für mich. Endlich einmal alles sein dürfen: Clown, Cowboy, Pirat oder total verborgen hinter einer Maske, in einem Kostüm, mit verstellter Stimme.

Da konnte ich auch mal frecher und mutiger sein. Und wenn andere Kinder sogar Angst bekamen, gab das ein gutes Gefühl von Stärke. Trotzdem war und ist es ein Trugschluss, denn ich bin, der ich bin. Ich bin derjenige hinter der Maske und nicht das, was die Maske vorgibt zu sein. Ich bin nicht der Starke, sondern oft der Schwache. Ich bin nicht der Clown, sondern oft nachdenklich und gar nicht lustig. Nach dem Fasching holt einen sehr schnell die Wirklichkeit wieder ein.

Als Konsequenz haben wir Menschen gelernt, nach der lustigsten Zeit des Jahres auch im Alltag einen Maskenzwang einzuführen, um nicht unser wahres Gesicht zeigen zu müssen. Oft spielen wir eine – fast oscarreife – Rolle oder werden in Rollen gezwängt: in der Schule, im Beruf, in der Familie oder in der Freizeit. Manch einer kann seine Gefühle nicht so gut hinter einer Maske verbergen und wird dann schnell als Weichei, als Versager, als "nicht belastbar" abgestempelt.

So hat jeder Mensch in seinem persönlichen Werkzeugkoffer – bewusst oder unbewusst – ein Repertoire an Masken, die ab und zu zum Einsatz kommen. Wie bei allem kommt es auch hier auf die richtige Dosierung an. Wenn man sie gezielt einsetzt und auch wieder ablegt, kann die Maske helfen. Problematisch wird es erst, wenn man sie als permanentes Schutzschild ansieht – denn dann geht es an die Substanz.

Im Matthäusevangelium (Mt 7,3) spricht Jesus davon, dass wir gewohnt sind, die Splitter in den Augen unserer Mitmenschen zu sehen, aber gleichzeitig nicht wollen, dass man die Balken in unserem Auge sieht. Darum brauchen wir die Masken. Das Dumme ist nur: Wenn wir die großen und kleinen Fehler unserer Mitmenschen so leicht entdecken, wie kommen wir dann auf die Idee, wir könnten unsere eigenen verbergen? Vielleicht wollen wir sie gar nicht vor den anderen verbergen, sondern vor uns selbst?

"Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an." (1. Samuel 16,7) Ein bisschen scheint mitzuschwingen, was Antoine de Saint-Exupéry in seinem Buch "Der kleine Prinz" den Fuchs zum kleinen Prinzen sagen lässt: "Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Mit dem Herzen sehen – diese Eigenschaft hat auch Jesus, denn er schaut hinter die Fassade. Er schaut unser Herz an. Ihm brauchen wir nichts vorzumachen; bei ihm herrscht kein Maskenzwang.

Was ist Gesicht, was ist Maske in deinem, in Ihrem Leben?

 

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