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Atomarer Schildbürgerstreich

Von Stefan Scholl   30. November 2019 00:04 Uhr

Atomarer Schildbürgerstreich
Andrei Oscharowski (li.) und Pawel Tarassow (Mitte) bei einer Anti-Atom-Demo.

Auf einem Uferhang im Süden Moskaus liegen 60.000 Tonnen nukleare Reststoffe. Die Stadtregierung aber will die Strahlung nicht wahrhaben und eine Autobahnbrücke auf die Atommüllhalde bauen.

Jemand hat ein kleines gelbes Dreieck mit einem schwarzen Flügelrad, dem Zeichen für Atomstrahlung, auf einen Baumstamm geklebt. Jemand hat ein anderes gelbes Dreieck wieder abgerissen. Die Böschung ist steil, ihr Unterholz kaum vom Herbst gelichtet, Moskauer Niemandsland.

Das Dosimeter knarrt wieder, Iwan Kondratjew hält es an einem Stativstab in ein Erdloch. Das Display zeigt 8,6, dann 9,8 und schließlich 10,1 Mikrosievert pro Stunde. Und rot schimmernde Buchstaben: "Gefährliche Radioaktivität." Zum Vergleich: In der Sperrzone von Tschernobyl, am Eingang zum Unglücksreaktor, werden jetzt 1,2 Mikrosievert registriert. "Techniker des Katastrophenschutzministeriums haben hier sogar schon 61 Mikrosievert gemessen. Das Dreihundertfache der Norm", sagt Kondratjew. Der 61-jährige Umweltaktivist steht mit seinem Dosimeter auf einer Atommüllhalde.

Begierden, Ängste, Proteste

In den Hängen unterhalb der "Moskauer Fabrik für Polymetalle" lagern nach Angaben des Verbraucherschutzamtes Rospotrebnadsor mindestens 60.000 Tonnen Nuklearabfälle – im Süden der 12,4-Millionen-Stadt, die S-Bahn-Station "Moskwaretschje" ist keinen Steinwurf entfernt, unten schimmern die Gleise, weiter links der Fluss Moskwa. Eine halbwilde Halde neben dem Park der alten Zarenresidenz Kolomenskoje, jahrzehntelang vergessen, jetzt aber Objekt heftiger Begierden, Ängste und Proteste. Die Stadt will eine Autobahnbrücke in den radioaktiven Hang zwischen Fabrik und S-Bahn bauen. Es klingt nach einem atomaren Schildbürgerstreich.

Nach Ansicht von Umweltschützern ist Russlands Geografie übersät von strahlenden Flecken. Nukleare Reststoffe sind in metallgedeckten Betonwannen zwischengelagert. Man hat sie flüssig in die Erde gepumpt oder in den nächsten Fluss gegossen, wie in der Atomfabrik Majak im Südural. Oder im festen Zustand Straßengräben und Schlaglöcher mit ihnen aufgefüllt. "Bis in die Sechzigerjahre hat kaum jemand die Radioaktivität ernst genommen", sagt Andrei Oscharowski, Atommüllexperte des Fachportals Besopasnost RAO. "Auch Amerikaner und Franzosen haben ihren Atommüll ins Meer gekippt."

Kein Ort des Glücks

Seit 1949 produzierte die Sowjetunion mit Hochdruck kernwaffenfähiges Material. Auch in der Moskauer Polymetallfabrik wurde aus radioaktiven Erzen Thorium für militärische Atomprojekte filtriert. Kein Ort des Glücks. "Die Großeltern meines Nachbarn haben dort gearbeitet, beide sind an Krebs gestorben", sagt der Tischler Andrei aus dem Plattenbauviertel Saburowo auf der anderen Seite der S-Bahnlinie. Anwohner und Umweltaktivisten erzählen, das Werk habe einen Großteil seiner Abfälle in den Hängen deponiert, sie später mit Lehm bedeckt, das Territorium sei bewachtes Sperrgebiet gewesen. Jetzt aber gehört es nicht mehr der Fabrik, sondern der Stadt. Der Wellblechzaun hat Lücken, dahinter zeugen Trampelpfade und leere Flaschen von regem Publikumsverkehr. Obdachlose haben aus Plastikplanen, Wachstuch und Ästen ein Zelt gebaut, darüber hängen rot-weiß-schwarze Ringelsocken. Atomare Idylle.

Näher am Park Kolomenskoje stehen ein Kleinbus und zwei Baucontainer im Gelände. Auf einem kündet ein Schild auf Beamtenrussisch: "Komplette technische Dienstleistung zur Sicherstellung der radioaktiven Sicherheit der Einwohner der Stadt Moskau." Im Unterholz liegen ein paar leere schwarze Plastiksäcke, in solche Säcke schaufelten im Sommer Arbeiter der staatlichen Entsorgungsfirma "Radon" verseuchte Erde.

"Sie haben dort gegraben, wo es flach und einfach ist", erklärt Kondratjew. "Jetzt sind sie fort. Das Ganze war nur Show." Er erzählt von einer Doktorarbeit über die radioaktiven Bestandteile des Bodens, über ein Gutachten, das Greenpeace in Auftrag gegeben hat. Demnach liegen hier Thorium, Radium und Uran, mit Strahlenwerten zwölfmal höher als das Minimum für Atommüll.

Angst vor dem Staub

Die hier gelandeten Radionuklide geben vor allem Alphastrahlung ab, sagt später Oscharowski. "Die ist äußerlich nicht gefährlich. Aber wenn sie etwa über Staub in die Lunge gerät, kann sie tödlich sein." Alle hier haben Angst vor der Großbaustelle, die womöglich noch viel radioaktivere Schichten der Halde freilegen wird. Und vor dem Baustaub. Die Anwohner protestieren seit Monaten, sammeln Unterschriften, schreiben Eingaben. Vergeblich. "Ich weiß nicht, woher dieser Lärm kommt", erklärte Vizebürgermeister Marat Chusnullin, zuständig für Bauwesen, dem Wirtschaftsportal RBK. "Niemand hat mir berichtet, es gebe bei uns irgendeine radioaktive Situation. Totaler Unsinn."

"Höhere Beamte mögen keine unangenehmen Kleinigkeiten. Vor allem, wenn es um Geld geht", erklärt Pawel Tarassow. Der kommunistische Stadtratsabgeordnete unterstützt die Proteste. Die neue Stadtautobahn soll mehr als zehn Milliarden Dollar kosten. Unter den Baugegnern gilt es als offenes Geheimnis, dass die zuständigen Amtsträger bei Auftragsvergaben mitkassieren.

Das Stadtbauamt behauptet, man habe im Hang südöstlich der Fabrik, dort wo die Brücke hin soll, nicht mehr als 0,14 Mikrosievert gemessen, bei zulässigen 0,30 Mikrosievert in geschlossenen Ortschaften. Obwohl Kondratjews Dosimeter heute auch dort an mehreren Stellen 1,2 bis 2,0 Mikrosievert anzeigt – tschernobylsche Strahlenwerte. Und obwohl die Polymetallfabrik selbst schon 2013 schriftlich vor der "möglichen Existenz radioaktiver Abfälle früherer Jahre" in diesem Hang warnte.

Man kann nur rätseln, wie viel Atommüll unter den Böschungen ruht. "Die Behörden geben Informationen über die wirkliche Radioaktivität hier nur sehr fragmentiert heraus", klagt Oscharowski. Das gelte für nukleare Abfälle in ganz Russland. Niemand wisse, wo was gelagert werde. "Außer vielleicht Rosatom." Die Staatsagentur, die für die Atomindustrie in Russland zuständig ist, habe die Lagerstätten 2014 inventarisiert, aber die Liste nie veröffentlicht.

Nukleare Brühe

Bei der sibirischen Stadt Schelesnogorsk wird 450 Meter unter der Erde ein Labor gebaut, das mindestens fünf Jahre testen soll, ob das Gestein hier hart genug ist, um festen Atommüll aus Vater- und Ausland endzulagern. Ein 350-Millionen-Euro-Projekt. Aber Atomkraftgegner aus der 50 Kilometer entfernten Millionenstadt Krasnojarsk fürchten, schon in der Experimentierphase könne dort heimlich Atommüll deponiert werden. Sie fordern Strahlenmessgeräte mit öffentlich zugänglichen Bildschirmen. Auf dem benachbarten Testgebiet "Sewerny" wird seit 50 Jahren flüssiger Atommüll mehrere hundert Meter tief ins felsige Erdreich gepumpt. 2012 zählte man offiziell insgesamt 88.000 Kubikmeter. 2017 aber kam eine interne Präsentation an die Öffentlichkeit. In ihr war schon von 6,5 Millionen Kubikmeter die Rede. Experten warnen, diese nukleare Brühe könne noch in hundert Jahren ins Grund- und Trinkwasser geraten.

Ähnliches befürchtet Oscharowski in Moskau. "Regen- oder Tauwasser spült dauernd mit Radionukliden versetzte Erde in die Moskwa." Es reiche nicht, den Brückenbau abzublasen und die Müllhalde zuzubetonieren. "Sie wird doch immer ein Fass ohne Boden bleiben", sagt auch Tarassow.

Die Hoffnung auf einen Sieg der Vernunft mischt sich mit Angst vor der amtlichen Bauwut. Und mit Galgenhumor. Nach der englisch-amerikanischen TV-Serie "Tschernobyl" sei das Thema Radioaktivität wieder richtig in Mode gekommen. Iwan Kondratjew sarkastisch: "Wir sollten wie in Tschernobyl auch Führungen für Touristen organisieren. Und die radioaktive Erde in Konservendosen an sie verkaufen." So lange, bis die 60.000 Tonnen Atommüll verschwunden sind.

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