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Spezial

Vorne ist dort, wo das Leben losgeht

Von Klaus Buttinger   05. Januar 2019 00:04 Uhr

Mystik & Geist

Wer sich vorgaukelt, im neuen Jahr werde alles anders, könnte genauso gut eine Geige zur Hand nehmen und meinen, er oder sie spiele gleich einmal Schumanns Träumerei. Unser Gehirn liegt viel lieber auf der Couch, als an etwas Neuem zu arbeiten.

Wenn Sie das lesen – knapp eine Woche nach Silvester –, sind Ihre guten Vorsätze zu 90 Prozent den Bach der Zeit hinuntergeflossen. So besagt es die Statistik, und die Neurologie sekundiert. Nichts Schwierigeres als Veränderung von Gewohnheiten, nichts Aufwändigeres, als von alten Bahnen unserer Gedanken abzuweichen, nichts Leichteres, als mit unseren Vorhaben zu scheitern. Woran liegt es, dass „man für Wunder beten, aber für Veränderungen arbeiten muss“, wie schon der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin im 15. Jahrhundert wusste?

An unserem Biocomputer, unserem Gehirn: Es agiert stockkonservativ. Am liebsten läge es – metaphorisch gesprochen – auf der Couch und griffe immer wieder automatisch ins Schüsserl mit den Erdnüssen. Für ein solches Faultierdasein haben die bis zu 90 Milliarden Synapsen aber durchaus gute Gründe. Nicht nur verbraucht unser zentrales Denkorgan rund 20 Prozent des körpereigenen Brennstoffs, der als Glukose durch die Ader strömt, es schaut auch darauf, dass es nicht noch mehr wird. Wer sich nicht bewegt, wer nicht denkt, spart Energie. Die Gewohnheit liegt fast gänzlich außerhalb des aktiven und energetisch teuren Denkens, sie passiert ohne Zutun unserer CPU. Wer denkt noch beim Autofahren aktiv ans Kuppeln beim Gangwechsel?

Jede Gewohnheit ist ein kleines Energiesparmodell. 90 Prozent des Alltags werden von Gewohnheiten bestimmt. Die Summe ihrer Qualitäten macht die Qualität unseres Lebens aus. „Gewohnheiten sind die Fingerabdrücke unseres Charakters“, meinte der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar (1873–1955). Wobei man anfügen muss, dass die Evolution dabei eine größere Rolle spielt, als man sich für gewöhnlich bewusst macht.

Erben des kleinen Risikos

Wir alle sind letztlich die Nachkommen von Menschen, die mit langfristig erfolgreicher Risikoausprägung bis zum Moment der Fortpflanzung kamen – oder sehr viel Glück hatten, diesen Akt zu erleben. Die Strategie, beim Altbewährten zu bleiben, statt Risiken einzugehen, ist tief in uns verwurzelt. Das Festhalten am Bekannten dürfte ein Überlebensvorteil sein. Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, sagt der Volksmund. „Wir Menschen neigen dazu, uns das Schlimmste auszumalen, wir sind sehr gut darin, Risiken und Gefahren vorwegzunehmen“, erklärt die Schweizer Psychologin Sara Michalik. Die Entscheidungspsychologie zeige in Experimenten, dass wir empfindlicher auf Verluste reagieren als auf Gewinne. Es schmerze mehr, einen schlechten Job zu verlieren, als einen guten zu verpassen.

Wie aber kommt das Neue in die Welt, wie lässt sich eine Gewohnheit ändern? Mit der Zeit. Multimediakünstlerin Evelyn Kreinecker umkreist eine neue Sache zunächst: „Bevor ich im Atelier an einer Serie zu arbeiten beginne, nähere ich mich an, denke nach, schreibe mir Überlegungen auf, und solange ein Projekt in diesem vagen Zustand ist, schiebe ich den Beginn der Arbeit im Atelier auch hinaus. Da wird dann Bürokram erledigt, Material besorgt, die Website betreut und all die Kleinigkeiten, die auch sein müssen. Bis ich mich dem neuen Projekt dann stellen muss. Anzufangen ist immer schwierig!“

Das Neue, insbesondere ein neues Verhalten, muss neurologisch neu gespurt werden. „Wie eine Loipe im Neuschnee neben der alten Loipe“, zieht der deutsche Coach Roland Kopp-Wichmann einen Vergleich. Dazu brauche es Konzentration und Bewusstsein. Will ein Klavierspieler einen immer wieder auftretenden, hartnäckigen Fehler beheben, müsse er langsam beginnend immer wieder dieselbe Taste drücken. Um nicht in alte Gewohnheiten zurückzufallen, empfiehlt der Heidelberger Therapeut, zwei Minuten zu warten und währenddessen zu beobachten, was man dabei fühlt. „Jeder Mensch hat innere Konflikte“, sagt Kopp-Wichmann, „erst wenn man sie aufspürt, lassen sich bessere Verhaltensweisen finden.“ Und selbst dann ist es ein weiter Weg, um z.B. mit dem Rauchen aufzuhören.

Jene Selbsthilfebücher, die ein glückliches Leben in vier Wochen oder ein verändertes Dasein in 20 Tagen versprechen, sind vorlaut. Die Sache der Veränderung dauert, ist ein Trainingsprozess oder, wie der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain (1835–1910) so treffend bemerkte: „Eine Angewohnheit kann man nicht aus dem Fenster werfen. Man muss sie die Treppe hinunterboxen, Stufe für Stufe.

Die Hirnforschung hat herausgefunden, dass Training unser Gehirn tiefgreifender verändert als gedacht. Selbst ein nur 45-minütiges Gleichgewichtstraining pro Woche führt zu großflächigen Veränderungen der grauen und weißen Substanz. Wer dann auch noch an die Veränderung glaubt, verbessert zusätzlich seine Erfolgsaussichten – selbst wenn es Rückschläge gibt. Kinder, denen nach einem nicht bestandenen Test von Forschern das Gefühl gegeben wurde, dass sie nicht gescheitert sind, sondern dass sie es beim nächsten Mal schaffen können, waren viel lernwilliger als jene, denen ein Gefühl von Scheitern vermittelt wurde.

Leben bewegt sich nach vorne

„Das Entstehen neuer Projekte ergibt sich bei mir meistens aus früheren Arbeiten. Es ist ein Weitergehen, wodurch eine neue Sicht entsteht“, sagt Künstlerin Kreinecker. „Daraus entwickelt sich eine erste Idee, und es beginnt ein Prozess des Sammelns, Recherchierens, Verwerfens und Auswählens. Die Entscheidung, was relevant ist und künstlerisch umgesetzt wird, ist nie leicht und immer mit Unsicherheit verbunden.“
„Wahres Leben bewegt sich nach vorn in unbekannte Bereiche“, formulierte einst der Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1897–1957). Wobei es von Vorteil wäre, auf das, was auf einen zukommen könnte, ein wenig vorbereitet zu sein. Hirnforscher und Psychiater Manfred Spitzer (60) von der Uniklinik Ulm meint: „Je mehr in einem menschlichen Gehirn drin ist, umso mehr passt noch rein. Wer mit 20 noch nicht viel gelernt hat, hat schlechte Karten.“

 

 

"Wahrhaftigkeit ist, was ich suche"

Eine Frau, die den Neubeginn quasi verkörpert, ist die Wiener Autorin Barbara Pachl-Eberhart.

OÖN: Sie machten eine Ausbildung für Querflöte an der Musikhochschule mit dem Ziel, Lehrerin zu werden. Sie schlüpften dann aber in die Rolle eines Clowndoctors. Was war der Antrieb für diesen Schwenk?

Pachl-Eberhart: Zum einen war es Fügung: Die Warteliste für Lehrerjobs war damals lang. Zwei Wochen nach meinem Abschluss erfuhr ich von einer Audition bei den Roten Nasen, ich bewarb mich, wurde aufgenommen und hatte von da an den schönsten Job der Welt. Was mein eigenes künstlerisches Dasein angeht, so lag mir die Clownerie mehr als der klassische Musikbetrieb, der mir letztlich zu ernst, zu selektiv, zu gnadenlos war.

"Wahrhaftigkeit ist, was ich suche"
Barbara Pachl-Eberhart

Sie verloren bei einem Unfall Ihren Mann und zwei Kinder, mussten die Trauer bewältigen und einen neuen Weg im Leben finden. Wie schafften Sie das?

Als Clown habe ich eine wesentliche Lektion gelernt: Zu bejahen, was eben gerade da ist, auch das Problematische. Der Clown verschwendet keine Energie auf das Hadern. Diese Haltung hat mich durch meine Trauerzeit getragen. Ich habe nicht mit meinem Schicksal gezürnt. So konnte ich meinen Weg fortsetzen, geleitet von der Frage: Was würden sich mein Mann und meine Kinder für mich wünschen?

Sie leiten Seminare, Fortbildungen, schreiben und beraten, begleiten Dialogprozesse und bilden sich auf vielfältige Weise weiter. Was unterscheidet Sie von Menschen, die an der selben Sache kleben?

Ich bin immer schon sehr neugierig gewesen. Früher hat mich die Vielfalt dessen interessiert, was es zu entdecken gibt. Ich wollte einfach alles probieren, was das Leben bietet. Je älter ich werde, umso mehr merke ich: Egal, was ich tue, es geht letztlich doch immer um die selben Dinge. Um die Beziehung zu anderen und zu sich selbst, um das Ablegen von Zweifel und Scham. Wahrhaftigkeit ist das, was ich suche und vermittle. Die vielen Methoden, die ich verwende, bieten Menschen verschiedene Schlüssel an.

Was haben Sie noch vor?

Als Autorin träume ich davon, den Sprung vom autobiographischen Schreiben zum Erfinden von Geschichten zu schaffen. Als Seminarleiterin bin ich von dem, was ich tue, sehr erfüllt und hoffe, dass ich noch lange so weitermachen kann. Privat möchte ich meiner kleinen Tochter eine gute Mutter sein – eine Mama, mit der man sich vor Lachen zerkugeln und der man bedingungslos vertrauen kann.

Barbara Pachl-Eberhart: "Wunder warten gleich ums Eck – Entdecke die kleinen Dinge, die den Alltag verzaubern", Integral Verlag, 192 Seiten, 18,50 Euro

 

Es muss sich etwas ändern!?

Ich bin schon gespannt, wer mich in meinem Bekanntenkreis zum Jahresbeginn wieder mit Sätzen wie „Im nächsten Jahr wird bei mir alles anders werden“ überraschen wird. Und ich frage mich: Warum denn immer zum Jahresbeginn? Ich glaube, es liegt an der Zeit um Weihnachten herum und den Familienfesten – dann, wenn die Weihnachtshektik dem Weihnachtsfrieden gewichen ist. Da haben wir endlich Zeit, uns auf das Wesentliche zu besinnen. In dieser „Zwischenzeit“, zwischen altem und neuem Jahr, schaut man bewusster auf sein Leben.

Es muss sich etwas ändern!?
Ing. Rudolf Schrödl, ehrenamtl. Diakon in Traunkirchen, Notfall- und Feuerwehrseelsorger

Egal, ob man eine erfüllte, schöne Weihnachtszeit erleben durfte oder vielleicht Probleme überhand genommen haben, so manchem und mancher wird klar: Im Leben fehlt etwas, es läuft etwas schief oder vielleicht bereits aus dem Ruder. Es muss sich etwas ändern – am besten mit einem Neubeginn. Das neue Jahr lädt ja richtiggehend dazu ein, „neu anzufangen“, beginnt es doch mit dem prägnanten Datum „1. 1.“. So wie jede Aufzählung mit „erstens“ anfängt, beginnt das Jahr vermeintlich mit einer leeren Liste. Und wir füllen sie schon in Gedanken mit all den Vorsätzen und Dingen, die uns während der letzten Zeit wieder so wichtig geworden sind. So viel nehmen wir uns vor. Dann, spätestens am 7. Jänner, mit dem Blick in den Terminkalender, folgt die Ernüchterung. Eigentlich geht das, was ich mir da vorgenommen habe, so nicht. Da müsste ich etwas verschieben, weglassen – oder doch vielleicht erst nächstes Jahr!? Neubeginn ist abgesagt.

Woran kann dieses Scheitern liegen? Ich denke, nur Vorsätze zu fassen ist zu wenig. Neubeginn heißt zuerst einmal, eine Entscheidung treffen. „Ja, ich will“ und nicht: „Ich möchte vielleicht ganz gern …“. Ja, ich will neu anfangen, mich neu orientieren. Neubeginn heißt dann auch „Auf-Brechen“! Heraus aus meiner Wohlfühlzone, brechen mit meinen alten Gewohnheiten, die mir so lieb geworden sind. Aufbrechen heißt: mich auf einen Weg machen, Abschied nehmen, manchmal auch von Freundschaften.

Ich selbst stand vor 15 Jahren vor so einer Lebenswende. Die Entscheidung lautete: berufliche und politische Karriere oder die Weihe zum Diakon? Es war nicht so einfach, das alte Leben zurückzulassen, und ich habe dabei auch einige Menschen enttäuschen müssen, die damals ihre Hoffnung in mich gesetzt haben. Erst als sie gemerkt haben, dass ich jetzt auf andere Weise für sie da sein kann, haben sie die Entscheidung akzeptiert. Denn Neuanfang bedeutet nicht, sich von seiner Vergangenheit zu verabschieden. Es kann auch ein Perspektivenwechsel sein oder eine neue Art und Weise, wie wir uns Herausforderungen stellen. Neubeginn bedeutet nämlich nicht, das Alte zu vergessen, sondern dazuzulernen. Aus unserer Vergangenheit und unserer Gegenwart zu lernen und den Willen zu haben, eine hoffnungsvolle Zukunft mitzugestalten.

Übrigens: Es muss nicht Neujahr sein für einen Neustart. Jeder Tag in unserem Leben ist die Chance für einen Neuanfang, eine neue Möglichkeit, zu sein, wer wir wirklich sein wollen. Vor allem ist er eine neue Möglichkeit, unsere Träume Wirklichkeit werden zu lassen.

Ing. Rudolf Schrödl, ehrenamtl. Diakon in Traunkirchen, Notfall- und Feuerwehrseelsorger 

 

 

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