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Aufgewachsen im Hass-Milieu

Von Klaus Buttinger   13. Oktober 2018 00:04 Uhr

Aufgewachsen im Hass-Milieu
Die Aussteigerin aus der Neonazi-Szene lebt heute mit Mann und Sohn in München und arbeitet als Erzieherin.

"Bis ich 18 war, kannte ich nur Nazis", sagt Heidi Benneckenstein, die in eine Neonazi-Familie geboren wurde und den Ausstieg aus dem braunen Sumpf dennoch geschafft hat, im Gespräch mit Klaus Buttinger.

Sie ist 25 Jahre alt und sagt, sie sei vor kurzem ein zweites Mal auf die Welt gekommen. Die Welt, in die Heidi Benneckenstein hineingeboren wurde, war jene der Neonazis. Auf deren Konto gehen seit der deutschen Wiedervereinigung 184 Tote. Die Münchnerin hat den gefährlichen Ausstieg aus der Szene geschafft und berichtet darüber heute in Wels.

 

OÖNachrichten: Wie sah die Rolle des jungen Mädchens in ihrer Familie aus?

Heidi Benneckenstein: In Nazi-Familien gilt: Die Kinder haben sich unterzuordnen. Sie sollen möglichst brav sein und folgen, aber gleichzeitig mutig, um sich anders zu verhalten als der Rest der Gesellschaft. Mädchen spielen mit Puppen und werden dazu erzogen, später die sanfte Fürsorgerin und Kümmerin der Familie zu sein.

Ihren Vater, einen Rechtsextremisten, haben Sie als sehr streng beschrieben. War er ein Sadist?

Ja. Mein Vater konnte mit mir als Mädchen und mit meinen zwei Schwestern nichts anfangen. In der Erziehung – und das ist typisch für diese Szene – ist von klein auf das Leistungs- und Wettbewerbsdenken durchgekommen.

Aufgewachsen im Hass-Milieu
Heidi Benneckenstein einst

Wie sieht denn der Umgang mit Frauen in der Neonazi-Szene aus?

Die Nazis sagen immer, dass die Frau eine wichtige und besondere Rolle spiele, wollen damit aber nur verkaufen, dass die Frau ausschließlich Mutter und Hausfrau sein darf und die große Ehre hat, dem Mann den Rücken freizuhalten. Motto: Halt die Klappe und mach, was ich sage.

Sie beschreiben die meisten Männer in der braunen Szene als getrieben von Unsicherheit. Außen hart, innen ein Weichei …

Sie wollen alle gerne taffe Jungs sein, aber in Wahrheit sind sie sehr unsicher. Das ist auch der Grund, warum sie sich so einem geschlossenen, einfachen Weltbild anschließen. Es gibt darin nur Schwarz und Weiß. Wenn man immer weiß, wie es im Leben zu laufen hat, und man einen strikten Plan hat, erzeugt das Sicherheit bei Unsicheren.

Wann bekam dieses Weltbild bei Ihnen die ersten Risse?

Die ersten Risse ergeben sich bei Kindern, die in der Neonazi-Szene aufwachsen, schon sehr früh. Sobald die Kinder in die Schule kommen – und zum Glück ist es in Deutschland und Österreich nicht so einfach, zu Hause beschult zu werden –, lernen sie andere Kinder kennen, die anders aufwachsen und deren Eltern viel liberaler sind. Die Nazi-Eltern intervenieren dann und erzählen, wie schlecht und böse diese Gesellschaft sei.

Stressig für die Kinder, oder?

Die Kinder sind schwer verunsichert. Daheim bekommen sie permanent erzählt, dass ihre Schulfreunde falsch und feige seien.

Sie verbrachten Ihre Ferien beim völkischen "Bund heimattreuer Jugend", der Nachfolgeorganisation der damals schon verbotenen neonazistischen Wiking-Jugend. Worum ging es da?

Es ging darum, Kinder zu Neonazis zu erziehen. Die Eltern waren oft schon in der Wiking-Jugend oder in anderen elitären Kreisen der Szene unterwegs. Uns Kindern wurden dort NS-Wissen, völkische Bräuche und Nazi-Lieder vermittelt – ein militärisches Schulungslager.

Bei einer Aktionen der Wiking-Jugend war 1989 auch Österreichs heutiger Vizekanzler Heinz-Christian Strache dabei. Können Sie sich vorstellen, dass es dabei nur um gemütliches Biertrinken ging?

Ich kenne die Leute dort. Die Wiking-Jugend war deutlich radikaler als die "Heimattreue deutsche Jugend". Man kann mit diesen Leuten nicht einfach ein paar Bier trinken, ohne die gleiche Weltanschauung zu haben. Das ist ein abgeschotteter, elitärer Kreis.

Wann haben Sie sich zum Ausstieg entschlosssen?

Das fängt mit Kleinigkeiten an, die einen zum Nachdenken bringen. Ich habe mich zunehmend unwohl gefühlt in der Szene und mit den Leuten darin. Ich habe angefangen, das Weltbild zu hinterfragen.

Aufgewachsen im Hass-Milieu
Heidi Benneckenstein als Teenager (privat)

Sie erlitten eine Fehlgeburt, war das mit ein Grund?

Wenn man schwanger ist, fragt man sich, wie das Kind aufwachsen soll. Ich wollte nicht, dass mein Kind so aufwächst wie ich. Zudem hat man in einer solchen Situation andere Probleme und keinen Nerv mehr für das Gerede in der Szene.

Die Nazi-Aussteigerhilfe Exit hat Sie und Ihren Partner unterstützt. Wie geht Exit dabei vor?

Zuerst muss geklärt werden, wie gefährdet der Aussteiger ist. Was kann man tun, um die größtmögliche Sicherheit herzustellen? Exit schaut, was ideologisch mit einem passiert, gibt Denkanstöße, weil manche Aussteiger sich schwertun, gänzlich loszukommen.

Die Szene lasse einen nicht los, haben Sie geschrieben. Aussteiger müssten mit Racheaktionen rechnen. Wie war das bei Ihnen?

Ich kann aus ermittlungstechnischen Gründen nicht ins Detail gegen. Aber das geht los im Internet mit Beleidigungen und Bedrohungen, auch außerhalb des Netzes …

Haben Sie Polizeischutz?

Es ist schwierig, in Deutschland Polizeischutz zu bekommen. Aber die Polizei vor Ort weiß, dass wir hier wohnen, und ist sensibilisiert.

Sie konstatieren anlässlich des Auffliegens des Nazionalsozialistischen Untergrunds (NSU) in Deutschland ein Versagen der Geheimdienste. Warum ist man dem NSU 13 Jahre lang nicht auf die Schliche gekommen?

Weil man es nicht wollte. Weil es eine riesengroße Geheimdienstpanne war. Kein Geheimdienst möchte gerne zugeben, dass er die Kontrolle über etwas verloren hat, und dass das publik wird.

In Österreich wurde der Geheimdienst durchsucht, die Daten über Rechtsextremismus wurden beschlagnahmt. Was sagen Sie dazu?

Eine Katastrophe. Ich hätte mir nicht gedacht, dass das möglich ist. Aber klar, wenn rechte Parteien in einer Regierung sitzen … Richtig blöd gelaufen und auch richtig gefährlich. Das eröffnet der rechten Szene Möglichkeiten.

Sie schreiben, Sie waren überrascht, dass die Szene – siehe NSU – massiv bewaffnet war?

In der Szene wird viel geredet, es wird viel aufgeschnitten. Aber es gibt auf jeden Fall Nazis, die bewaffnet sind, und das nicht einmal schlecht.

Weshalb finden Nationalismus, Fremdenhass und der Wunsch nach einem starken Mann derzeit so viel Gehör?

Es passiert gerade viel Schlimmes in der Welt. Wir haben viele Flüchtlinge, die wegen Krieg und Hunger nach Europa kommen, aber ich glaube nicht, dass das der einzige Grund für den Rechtsruck ist. Die Leute sind mit sich selbst, mit ihrem Leben unzufrieden, sie glauben, dass es ihnen schlechter geht als anderen. Konsum spielt mittlerweile eine viel zu große Rolle.

Sie haben mit Ihrem Mann Felix eine eigene Austeigerhilfe gegründet. Was sagen Sie Nazis, die mit dem Gedanken des Ausstiegs spielen, um sie zu bestärken?

Dass es ein schwerer Schritt ist, ich aber keinen Aussteiger kenne, der das bereut hat. Es geht einem psychisch danach einfach besser.

Sie schreiben, Sie halten die Firnis der Zivilisation für sehr dünn. Besteht die Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt?

Wir haben eine Situation, die grenzwertig ist, die sich auch wieder dahin entwickeln kann, dass wir Zustände haben wie 1932. Ich will daran glauben, dass die Menschen das hinbringen und nicht so dämlich sind.

 

Buch: Heidi Benneckenstein, "Ein deutsches Mädchen", Tropen Verlag, 252 Seiten, 17,50 Euro

 

„Ein deutsches Mädchen“ in Puchberg

Heidi Benneckenstein stellt ihr Buch „Ein deutsches Mädchen“ über ihr Leben in einer Neonazi-Familie heute, Samstag, 13. Oktober im Bildungshaus Schloss Puchberg bei Wels vor. Ab 14 Uhr findet dort das große Jahrestreffen des „OÖ. Netzwerks gegen Rassismus und Rechtsextremismus“ statt.

Das Netzwerk wurde 2001 gegründet und wächst seither. Heute gehören ihm 83 Organisationen an, darunter die Katholische Aktion, die Gewerkschaftsjugend, die Volkshilfe, die Pfadfinder, die Kulturplattform KUPF, der Gemeindevertreterverband und das Museum Arbeitswelt sowie Attac und die Österreichisch-Israelische Gesellschaft. Jüngst dem Netzwerk beigetreten sind die „Omas gegen Rechts“. Miteinander haben die 83 Netzwerk-Organisationen mehr als 50.000 Mitglieder. „Wir setzen uns gemeinsam für Demokratie und Menschenrechte ein, gegen Hetze und Fremdenhass“, sagt Netzwerk-Sprecher Robert Eiter.

Beim Netzwerktreffen wird auch Landesrat Rudi Anschober über seine Initiative „Ausbildung statt Abschiebung“ sprechen.
Schon ab 13 Uhr gibt es einen Infomarkt der Netzwerk-Organisationen. Betty Rossa & Kapelle sind für die musikalische Untermalung zuständig.

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