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Bild: ORF

Kasperl und Pezi müssen nicht in Pension

Kasperl und Pezi müssen nicht in Pension gehen: Der Fortbestand des Puppentheaters in der Wiener Urania ist gesichert. Direktor Manfred Müller hat am Montag angekündigt, sich für einen neuen "Verbündeten" entschieden zu haben

Von Manfred Wolf, 17. September 2018 - 14:13 Uhr

Tri, tra trallala ... Seid ihr alle daaaa? Diesmal liebe Kinder und Erwachsene braucht der Kasperl eure Hilfe! Krawuzikapuzi! Denn wisst’s ihr was, der Zahn der Zeit nagt an Kasperlhausen, und ich brauche eure Hiiiilfe. Weil manche Menschen glauben, dass ich aus der Zeit gefallen sei. So ein Blödsinn. Aber denen wollen wir’s zeigen. Kommt’s ihr alle mit?

Sollten Sie jetzt innerlich laut "Jaaa" geschrien haben, dann braucht sich der Kasperl keine Sorgen machen. Und Sie auch nicht. Denn, ohne zu viel zu verraten, diese Geschichte wird gut ausgehen – nicht nur, weil es in der Natur der Sache eines Kasperltheaters liegt, dass am Ende der Kasperl obsiegt.

Das aktuelle Abenteuer des Kasperl findet nicht auf der Bühne statt, sondern hinter den Kulissen. Manfred Müller, Direktor des Wiener Urania Puppentheaters, hatte vor zwei Wochen das Ende seiner Bühne ausgerufen. Es sei Zeit für die Pension – also seine, nicht jene des Kasperl – und er habe keinen Nachfolger gefunden.

 

Älteste Kindersendung der Welt

Eine Institution stand also vor einer veritablen Bedrohung. Flugs schwappte eine Welle der Solidarität aus ganz Österreich nach Wien und brachte mehr als zwei Dutzend Bewerber, die willens seien, die Puppenbühne zu übernehmen. Noch will Müller ein grooooßes Geheimnis daraus machen, doch, wie es beim Kasperl halt so ist, ahnen die Zuseher natürlich, was passieren wird. Dem Vernehmen nach hat Bernhard Paul vom Circus Roncalli Interesse an Kasperl und Pezi.

Wer die Bühne nun tatsächlich übernimmt, soll aber erst am Freitag im Rahmen einer Pressekonferenz verraten werden. "Die Angebotslegung endete mit 14. September und nach sorgfältiger Prüfung bin ich zu einem Ergebnis gekommen", ließ Müller die Kasperl-Fangemeinde wissen: "Alle Bieter konnten glaubhaft und überzeugend darlegen, dass ihr Herz für Kasperl und Pezi schlägt und sie die Kasperl- und Pezi-Puppentheatertradition weiter leben lassen wollen." Bei dem Pressetermin wird der neue Eigentümer persönlich anwesend sein - genauso wie die beliebten Handpuppen. 

 

Müllers Kasperl ist ein Zuschauermagnet. Die Besucherzahlen in der Urania stiegen in den vergangenen Jahren und das, obwohl Kasperl und Pezi selbst zu den älteren Semestern zählen. Immerhin, ihren ersten Auftritt im ORF hatten sie am 11. September 1957. Seither tritt der Kasperl ohne Unterbrechung im ORF auf und gilt als älteste noch laufende Kindersendung der Welt – mit immer noch hohem Marktanteil.

"Der Kasperl ist ein Held"

Doch Kasperl und Pezi bespielen die Bühne nicht alleine. 1961 erweiterte der ORF das Ensemble um Kasperl und Strolchi, zehn Jahre später stieg Arminio Rothstein alias Clown Haberkuk ins Kasperldasein ein. Und das hatte vor allem für einen jungen Zuseher prägende Folgen: dem wohl erfolgreichsten österreichischen Kinderbuchautor Thomas Brezina.

Thomas Brezina: „In der digitalen Welt ist der Kasperl wichtig, weil er etwas Anderes bietet.“  
Bild: ORFSchwarzl

Schon als Bub habe er Rothstein geschrieben, dass er mitmachen wolle. Mit 15 Jahren war es dann so weit. "Das Puppentheater hat mich fasziniert", sagt Brezina. Für ihn, aber auch für Rothsteins Witwe, seine vierte Frau Christine, ist eines klar: "Kasperl ist ein Held!" "Er hat Mut, sucht aber die Hilfe der Zuschauer, er traut sich was zu sagen, macht Spaß und sieht die Welt von der fröhlichen Seite. Er ist ein Vorbild an Lebensfreude – mit ihm können sich die Kinder identifizieren", sagt Brezina.

Der Kasperl hat eine lange Geschichte – die aber nicht durchwegs unumstritten ist. Klammert man die NS-Zeit aus, in der die Popularität des Kasperl auf das Ärgste instrumentalisiert wurde, gehörte einst zur Kasperl-Requisite auch eine Pritsche, eine Art Schlagstock – woraus sich das Wort "Slapstick", eine Form der Komödie, ableitet.

Der gebürtige Linzer Stefan Gaugusch, der seit 1989 mit Kasperl und Co. im ORF zu sehen ist, erklärt die Pritsche so: "Der Prügel hat sich zu Metternichs Zeiten entwickelt. Das politische Regime war mit der Kritik an der Obrigkeit im Theater nicht einverstanden. Also übernahm das dann das Puppentheater. Bis denen das Sprechen verboten wurde. Aus dieser Sprachlosigkeit entwickelte sich der Prügel, mit dem die Obrigkeit geschlagen wurde." In England gibt es heute noch das Kasperl-Pendent "Punch", also Schlag, das seine Gegner erschlägt.

Stefan Gaugusch: „Ich bin als Kind mittwochs vor dem Fernseher gesessen und hab es geliebt.“  
Bild: OÖN

Wann der Kasperl in welcher Form erstmals in Erscheinung trat, lässt sich nicht eruieren. Sicher ist, dass der österreichische Vorgänger des Kasperl der Hanswurst ist, der, so schreibt die Burgenländerin Pamela Sinko in ihrer Diplomarbeit über den Kasperl, "offenbar auf der Figur des Harlekins basiert". Das Wort Harlekin lässt sich wiederum vom italienischen Wort Arlecchino für "kleiner Teufel" übersetzen.

In der italienischen Commedia dell’arte war der Arlecchino Fixpunkt und durfte, wie der Hanswurst, sagen, was er dachte. In Wien schlüpfte Anfang des 18. Jahrhunderts der Schauspieler Joseph Stranitzky in die Rolle des Hanswursts. Dieser wurde im sogenannten "Hanswurststreit" vom Philosophen und Sprachpfleger Johann Christoph Gottsched wegen seiner derben Komik bekämpft. Auch dieses Abenteuer hat der Kasperl, vulgo Hanswurst, überstanden.

"Daun erschlogt er seine Frau ..."

Ob Kasperl, Hofnarr, Hanswurst, Punch oder wie in Frankreich Guignol beziehungsweise Pulcinella in Italien: Alle diese Figuren haben eine gemeinsame DNA. Diese hat allerdings auch ein paar dunkle Stränge. Davon sang schon der Wiener Schauspieler Heinz Conrads in einem Lied über den Wiener Prater-Kasperl:

"Wie ich klein war, hot der Vater, mich oft g’führt ins Kasperltheater. Und mit großen Augen sah, Wurstels Lebensweg ich da. Wie er seinem Weiberl schmeichelt, wie er s’ weiße Haserl streichelt. Daun erschlogt er seine Frau, warum weiß ich nicht genau ..."

Der Kasperl war also nicht immer ein feiner Geselle. Aber er gab nie auf. Auch nicht im Wiener Prater, dessen inoffizielle Bezeichnung auf den Kasperl, genauer gesagt auf Stranitzkys Wurschtl zurückgeht ("Wurschtl-Prater"), und der in der Schlacht um Wien im Zweiten Weltkrieg fast gänzlich zerstört worden war.

"Wieder ging ich in den Prater, such’ mir wieder ‘s Kasperltheater. Doch zerschlagen und verbrannt, war mein Kindermärchenland ... Do flüstert der Wurschtl ‚i bin nu ned hin‘, i bin ewig, so ewig, wie mein ewiges Leben. Den Wurschtel mein Lieber, den kann keiner derschlagen ..."

War der Kasperl ursprünglich für Erwachsene gedacht, so gehört er längst ins Kinderprogramm. Er musste sich allerdings wandeln – das tat er in der Nachkriegszeit. Fernsehgeräte waren zwar damals rar, doch die Kinder trafen sich einfach im Gasthaus, wo es schon Fernseher gab. Der Kasperl wurde mittwochs zum Gassenhauer.

Christine Rothstein: „Der Kasperl rührt am inneren Kind.“  
Bild: ORF

Mittlerweile sind Generationen mit ihm aufgewachsen. Jede neue Eltern-Generation hat ihre Kinder mit dem Kasperl vertraut gemacht. "Er ist keine konstruierte Figur, sondern eine, die am und mit dem Publikum gewachsen ist", sagt Thomas Brezina. "Er rührt am innern Kind", ergänzt Christine Rothstein.

Der gebürtige Schörflinger Robert Steiner arbeitet seit 1988 beim ORF mit dem Kasperl "zusammen" – er moderiert das Kinderprogramm. Er hält den Kasperl für ein "wichtiges Erlebnis für die Kinder – man kann sich viel abschauen. Er hat immer eine Idee, wie man Probleme löst. Das braucht die Gesellschaft, die Kinder allemal". Und heute umso mehr, sagt Brezina: "Gerade in der digitalen Welt sind Live-Erlebnisse wie der Kasperl wichtig und erfolgreich, weil sie etwas anderes bieten."

Die Kernaussage ist, so sind sich alle Kasperl-Experten einig: Beim Kasperl geht immer alles gut aus. Man müsse sich ja auf den Helden verlassen können. "Und wenn man es so will", sagt Steiner, "ist der Kasperl der älteste Superheld, den es gibt."

Und an ihm beißt sich auch der Bösewicht "Zahnderzeit" die Zähne aus.

 

Die Kasperl im ORF

Kasperl & Pezi - erster TV-Auftritt: 1957

Kasperl & Pezi mit Dagobert  
Bild: ORF

Das älteste TV-Kasperl-Duo: Verantwortlich zeichnet das Wiener Urania-Puppentheater, das 1949 von Hans und Marianne Kraus gegründet wurde. Seit dem Tod von Hans Kraus (1995) leitet Manfred Müller das Puppentheater. Im kommenden Jahr übergibt er an einen – nun doch gefundenen – Nachfolger.
www.kasperlundpezi.at

 

Kasperl & Strolchi - erster TV-Auftritt: 1961

Kasperl & Strolchi, erstmals 1961 im Fernsehen, waren Lieblinge des Publikums.  
Bild: ORF

Der zweite Kasperl: Wolfgang Kindler gründete 1958 die Wiener Handpuppenbühne. Mit Kasperl und Strolchi gelang ihm dann 1961 der Durchbruch. Bis zu seinem Tod 1985 schuf er insgesamt 700 Puppenfiguren. Heute leitet seine Frau Hertha Kindler die Bühne – auch Tochter Bernadette ist dabei.
www.kasperlundstrolchi.at

 

Kasperl & Buffi - erster TV-Auftritt: 1971

Kasperl & Buffi überlisteten immer den bösen Zauberer Tintifax.  
Bild: ORF

Der Zirkus-Kasperl: 1957 gründete Armino Rothstein (Clown Habakuk) das Arlequin Theater. 1971 stieg Rothstein ins Kasperltheater ein. Seit seinem Tod wird die Bühne von seiner Frau Christina weitergeführt. Anfangs als Kasperl & Tintifax, später kam der Drache Buffi dazu.
www.theater.arlequin.at

 

Kasperl & Hopsi - erster TV-Auftritt: 1984

Kasperl & Hopsi  
Bild: OÖN

Der erste Oberösterreicher: 1977 gründete der Micheldorfer Rudolf Watzinger die Puppenbühne „liliput“. Vor sieben Kindern spielte er das erste Mal – anfangs am Campingplatz in Grünau. Schnell wurden es mehr und der ORF auf ihn aufmerksam. Leider starb Watzinger im Juli 2012 völlig unerwartet und viel zu früh mit nur 56 Jahren.

 

Kasperl & Co. - erster TV-Auftritt: 1989

Kasperl & Co.  
Bild: OÖN

Der zweite Oberösterreicher: Der Linzer Stefan Gaugusch ist seit jeher begeisterter Kasperl-Freund. Nach der Matura begann er unter Hans Kraus, machte sich dann mit Kasperl & Co. selbstständig. Für den ORF spielte er aber nicht nur den Kasperl, er konzipierte auch Confetti und Rolf Rüdiger.
www.kasperl.co.at

 

Kasperl & Leopold - erster TV-Auftritt: 2012

Der jüngste Kasperl  
Bild: ORF

Er ist der jüngste Kasperl: Dem ORF war es ein großes Anliegen, auch einen hauseigenen Kasperl für das Unterhaltungsprogramm zu haben. Seit 2012 gibt es also Kasperl und Leopold, der nach einer Idee von Thomas Brezina und dem Künstler Gottfried Krump entworfen wurde.
www.okidoki.at

 

Kommentare

„...„krawuzikapuzi“, die rettung des kasperl und pezi ist gewiss !!!...ist es dem ex-minister und ...“ Snowman ...„krawuzikapuzi“, die rettung des kas...
„Man kann es dem Gründer nicht verdenken, wenn er in Pension geht und keinen Nachfolger fand. “ hintergrundleser Man kann es dem Gründer nicht verdenken,...
„Er war nicht der Gründer.Das waren Herr und Frau Kraus.“ alpe Er war nicht der Gründer.Das waren Herr...

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