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Vertreibung aus Mähren, Neustart und ein langer Kampf gegen Windmühlen

Von Josef Achleitner   01. September 2018 00:04 Uhr

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Bild 1/7 Bildergalerie: Adel in OÖ: Podstatzky-Lichtenstein

PUPPING. Christoph Podstatzky-Lichtenstein, Sohn aus einem einstigen Grafengeschlecht, hat sich bei Eferding eine neue Existenz aufgebaut und über Jahre um die Restitution gestritten.

Podstatzky-Lichtenstein

 

 

 

Es ist beileibe kein Schloss, das Christoph Podstatzky-Lichtenstein mit seiner Frau Luise zwischen Eferding und Pupping bewohnt. Aber das bungalowartige, schönbrunnergelbe Haus mit den Gaupen im Dachgeschoß und der gleichfarbigen, vor Straßenlärm (weniger als gewünscht) schützenden Mauer weist auf einen Besitzer hin, der Sinn und Leidenschaft für Bautradition hat und das auch lebt.

In seinem Fall gezwungenermaßen und mangels Mitteln improvisiert, denn der heute 87-Jährige entstammt dem mährischen Grafengeschlecht Podstatzky-Lichtenstein und Freiherrn zu Prussinowitz, einer der alten Adelsfamilien dieser Region. Sitz der Familie war bis 1945 Schloss Teltsch (tschechisch: Telc), ein Renaissancebau, der inzwischen vom Staat als attraktives Tourismusziel genutzt wird. Mit der "wilden" Vertreibung der Deutschböhmen und Deutschmähren mussten auch sie Schloss und Land im Mai 1945 mit nicht viel mehr als dem, was sie am Leib trugen, verlassen.

Kollaboration mit der NS-Führung gab der willkürlich agierende und im Hintergrund schon kommunistisch gelenkte Nationalausschuss als Grund für Enteignung und Ausweisung vor. Eine absurde Anschuldigung, so Podstatzky.

Vertreibung aus Mähren, Neustart und ein langer Kampf gegen Windmühlen
Mit Improvisation und wenig Geld in den 1960ern ein Haus gebaut

An die Grenze gekarrt

Nach mehr als einem Monat Internierung in einer Schule im Ort verfrachteten die Vertreiber die Familie in einem Viehlastwagen an die Grenze, wo sie gefilzt und als Nazis behandelt wurde. Wieder Boden unter den Füßen fand die Flüchtlingsfamilie nach Nächten in Scheunen, einem provisorischen Aufenthalt beim abwesenden Grafen Szapati und im Mostviertel erst in Eferding im Schloss Starhemberg, wo Podstatzky bis 1965 wohnte. (Die Familie Starhemberg konnte das vom NS-Regime konfiszierte Schloss zwar teilweise benützen, bekam es aber erst 1955 auch juristisch rückerstattet.) Mit einigen Wechseln – Melk, Linz, Schärding – schaffte Podstatzky 1951 die Matura und studierte zwei Jahre Theologie, ehe er sich fürs weltliche Leben entschied. Arbeitsplätze bei Brown Boveri oder der VW-Neuwagen-Auslieferung in Linz sowie ein Jahr als Verwalter eines Steinbruchs in Kärnten brachten Einkommen, aber keine Reichtümer.

Nach der Heirat mit der Rechtsanwaltstochter Luise Reinwein musste Podstatzky einmal mehr seine Improvisationskunst beweisen. Mit wenig mehr als einem Bausparbrief begann die Jungfamilie zu bauen. Das Material sollte gut, aber sehr billig oder gratis sein: riesige Holztrame aus einem alten Salzstadel im Donautal, edle Kacheln und schwere Heizkörper, die in Wiener Nobelhotels nicht mehr gebraucht wurden. So entstand in Eigen- und Freundesarbeit ein kleines, feines Haus.

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Podstatzky, später Vater eines Sohnes und einer Tochter, begann eine Immobilienfirma, die schnell Erfolg hatte. So vermittelte er den Verkauf des Harrach’schen Schlosses in Aschach an die Warenvermittlung, deren Abrisspläne er später erfolgreich bekämpfte. Sein Herz für Altsubstanz und Naturschutz brachte ihm eine Position beim Land, wo er etwa die Restaurierung des Karmelitinnenhauses in Linz betreute.

Von 1990 an versuchte er, sein Erbe in Telc wieder zu bekommen.
 

Aus der Familiengeschichte

Die bis 1993 bestehende Tschechoslowakei unter dem charismatischen Präsidenten Vaclav Havel hat nach der Wende 1989 manche hoffen lassen, dass es zumindest in bestimmten Fällen Entschädigung oder Restitution für die zwischen 1945 und 1948 enteigneten Güter der vertriebenen Deutschsprachigen geben würde.

Anfangs zeigte sich die Regierung in Prag auch offener, mit dem ersten Restitutionsgesetz gab es einige 100 Rückgaben, unter anderem für Karl Schwarzenberg. Freilich galten (und gelten) noch die von den Alliierten bestätigten Benes-Dekrete, die als „Strafe“ für die Kollaboration mit Hitlers Besatzern alle Deutschböhmen und
-mährer kollektiv der Enteignung, Vertreibung und teilweise der Strafarbeitspflicht auslieferten.

 Enteignung bleibt Enteignung Hoffnung auf Rückgabe, bis Vaclav Klaus eingegriffen hat
Das enteignete Schloss Telc ist heute eine Touristenattraktion

Christoph Podstatzky-Lichtenstein, ein sehr standesbewusster und beharrlicher Mensch, ging dennoch nach der Wende als fast 60-Jähriger zurück ins mährische Telc, wo das Familienschloss steht und von wo aus auch Schloss Veselicko und die Besitzungen in Nordböhmen geführt wurden: „Ich wollte von einem ordentlichen Gericht eine Entscheidung, für mich war die Enteignung meines Vaters klares Unrecht.“ Einerseits sei seine Familie aus einem alten mährischen Geschlecht, andererseits sei sein Vater niemals Nazi gewesen, sondern habe im Gegenteil nachweislich Verfolgten in dieser Zeit geholfen. Die deutsche Staatsbürgerschaft habe er annehmen müssen, weil die NS-Verwaltung sonst den nordböhmischen Besitz konfisziert hätte. „Von Kollaboration zu reden ist einfach unsinnig“, so Podstatzky, der gleich seinen Wohnsitz in Telc nahm, ein Jagdgeschäft eröffnete und bald vom Landwirtschaftsministerium in den Vorstand der Forst AG bestellt wurde. Die AG übernahm die Verwaltung des ehemals Podstatzkyschen Besitzes vom Staat.

Mit dem Amtsantritt des nationalkonservativen Ministerpräsidenten Vaclav Klaus änderte sich alles. Das gut laufende Restitutionsverfahren wurde vom Obersten Verwaltungsgericht in Brünn eingestellt. Auf die Beschwerde seines Anwalts beim Oberstgericht in Prag hat Potsdatzky bis heute keine Antwort. Er ist überzeugt, dass ein unzulässiger Eingriff von Klaus’ Büro zur Einstellung geführt hat.

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