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Spezial

Von der Leichtigkeit des Seins

Von Klaus Buttinger   04. August 2018

Der eine flattert durch das Leben wie ein Schmetterling, der andere muss sich abmühen wie ein Tragesel – metaphorisch gesprochen. Dabei wäre die Leichtigkeit des Seins jedem gegeben. Sie ist eine Einstellungssache.

Summertime, and the livin’ is easy – heißt es in der bekanntesten Arie aus der Oper „Porgy and Bess“ von George Gershwin. Ja, im Sommer, da ruht die Arbeit – zumindest zeitweise –, da wird mit der Seele gebaumelt, da lebt es sich leichter. Man bekommt eine Ahnung von der Leichtigkeit des Seins. Doch was heißt das überhaupt? Bedeutet die Anwesenheit von Leichtigkeit die Absenz von Verantwortung oder Ernsthaftigkeit, wie zuweilen mit wachelndem Zeigefinger argumentiert wird?

Die Geschichte von der Grille und dem Maulwurf illustriert die Sache in groben Zügen. Während der Maulwurf und die anderen Tiere des Waldes den Sommer über Vorräte für den Winter sammeln, spielt die Grille den lieben langen Tag Geige. Der Winter kommt und die hungrige Grille klopft bei den Tieren an und bittet um Einlass und Brot. Niemand lässt sie herein, bis auf den Maulwurf. Er hört gerne ihre Musik, teilt seine Vorräte mit ihr und gemeinsam kommen sie gut unterhaltend durch den Winter. Der Kinderbuchautor Leo Lionne hat mit der Figur des „Frederick“ einen Bestseller geschaffen, der eine ähnliche Geschichte erzählt: Die Maus Frederick liegt vermeintlich den Sommer über auf der faulen Haut, während die anderen Mäuse fleißig sind. Als der Winter nicht enden will und die gesammelten Nüsse und Samen zur Neige gehen, rückt Frederick mit seinen Vorräten heraus. Er erzählt in schönen Worten von der wärmenden Frühlingssonne, von den schönen Sommertagen – kurz von der Leichtigkeit des Seins. Derart positiv gestimmt überleben die Mäuse den langen Winter.

Das Schwere wird leicht

„Es ist sehr schwer, Dinge im Leben leicht zu nehmen und es ist sehr leicht, die Dinge schwer zu nehmen“, sagt Jacob Klein, Humortrainer aus Israel, der kürzlich im Bildungshaus Puchberg bei Wels zu Gast war. „Wir werden schon in unserer Kindheit darauf konditioniert, die Dinge so oder so zu nehmen.“ Doch sei dies Sache der Einstellung, die nichts mit den Umständen zu tun haben. „Mein Vater hat Auschwitz überlebt und verfügt trotzdem über die Fähigkeit, die Dinge leicht und mit einem gewissen Augenzwinkern zu nehmen. Meine Mutter hingegen – auch eine Holocaust-Überlebende – hat ein besonderes Talent, die Dinge schwer zu nehmen. Es ist mir noch nicht gelungen, ihr die Leichtigkeit zu vermitteln. Aber sie ist erst 96 und wir haben noch viele Jahre, um daran zu arbeiten. Sie sagt zu mir: ,Wenn du Witze machst, wird vieles leichter.’ ,Ja’, sage ich zu ihr, ,aber nicht wegen meiner Witze, sondern weil sich deine Einstellung ändert.’“ (siehe Kasten rechts)

„Für keinen sei es zu früh und für keinen zu spät, sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern“, postulierte einst der griechische Philosoph Epikur (341-271 v. Chr.). Man war in seinen Kreisen dem Genuss nicht abgeneigt, sprach über die Götter und die Welt beim Wein, während – und das muss betont werden – die Sklaven die verpönte Arbeit erledigten. Mit der Zeit fiel diese Leichtigkeit von den Philosophen ab, die Tugend der Gelassenheit wich den Zwängen reglementierter Religiosität. Seelsorge wurde Priestergeschäft. Statt zu gläserklingend hellem Symposium zu schlendern, betrat der Mensch das irdische Jammertal, gebeugt von der Erbsünde und hoffend auf ein erlösendes Jenseits. Diese durch das Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert gepflegte, weltabgewandte Einstellung verlor sich nur langsam. Der deutsche Dichter Heinrich Heine lässt im satirischen Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ (1844) ein Harfenmädchen auftreten:
Sie sang vom irdischen Jammertal, Von Freuden, die bald zerronnen, Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

Und der russische Romancier und Erzähler Leo Tolstoi (1828- 1910) ließ vernehmen: „Das Leben hier ist kein Jammertal, kein Ort der Prüfung, sondern es ist besser als alles, was wir uns vorstellen können. Die Freuden dieses Lebens sind endlos, nur sollten wir sie dazu nutzen, wofür sie uns geschenkt wurden.“

Langsam schwenkte die Kirche um. Aus der ersten Sozialenzyklika Rerum novarum von 1891 geht hervor, dass die Erde nicht als Jammertal geschaffen wurde. Von Menschenhand gemacht sei das Elend dieser Welt. Das wirft die Frage auf, wer sich die Verantwortung dafür schultern muss? Politik, Wirtschaft oder der Einzelne? Kein Gedanke, der die Leichtigkeit des Seins beflügelt – vordergründig. Doch mit dem englischen Dichter Charles Dickens (1812-1870) gesprochen, gibt es keine bessere Form, mit dem Leben fertig zu werden als „mit Liebe und Humor“. Diesen aufmunternden Gedanken spann auch der Dramatiker Bertolt Brecht (1898-1956) weiter: „Will man Schweres bewältigen, so muss man es leicht angehen.“

In gewisser Weise teilte auch der tschechische Schriftsteller Milan Kundera der Verantwortung des Einzelnen ein überschaubares Ausmaß zu. In seinem höchst erfolgreichen Buch „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (1984) geht es um eine lebenslange, holprige Liebe zwischen der Serviererin Teresa und dem Chirurgen Thomas vor dem Hintergrund des Prager Frühlings und des Kalten Krieges. Thomas hadert mit sich, bis er schließlich sagt: „Es sei eigentlich ganz normal, daß er nicht wisse, was er wolle. Man kann nie wissen, was man wollen soll, weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen noch in späteren korrigieren kann.“

Und weiter heißt es: „Jeder Schüler kann in der Physikstunde durch Versuche nachprüfen, ob eine wissenschaftliche Hypothese stimmt. Der Mensch aber lebt nur ein Leben, er hat keine Möglichkeit, die Richtigkeit der Hypothese in einem Versuch zu beweisen. Deshalb wird er nie erfahren, ob es richtig oder falsch war, seinem Gefühl gehorcht zu haben.“

Der Ernst tritt einen Schritt zurück

Vielleicht muss man nach Dickens „Liebe und Humor“ den „Steppenwolf“ des deutsch-schweizerischer Schriftstellers Hermann Hesse durch den Zitatendschungel laufen lassen, um der Definition der Leichtigkeit näher zu kommen. „Nun, aller höhere Humor fängt damit an, dass man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt“, sagte er. Humortrainer Klein rät Besuchern seiner Seminare: „Nehmt euch nicht zu ernst, die anderen tun es sowieso auch nicht!“ Es sei ein Mythos, dass Menschen mit Selbstironie, Gelassenheit, Witz, Humor und Leichtigkeit leichtsinnig seien. „Es gibt viele Leute, die haben Humor und sind ernst und tiefgründig, und es gibt humorlose Leute, die völlig oberflächlich sind“, sagt Klein.

Der zeitgenössische US-amerikanische Schriftsteller Tom Robbins beschrieb das Bild der Leichtigkeit des Seins, des sich selbst auf-den-Arm-Nehmens mit einer Szene vor der Überfuhr über den Styx, den Fluss, der die Toten vom Paradies trennt. Zum Fährmann an Bord dürfen nur jene, deren Seele gewogen und leichter befunden wurden als eine Feder. Wenige steigen ein.

Viel profaner klingt das Rezept jener Philosophen, die in der deutschen Country-Band „Truck Stop“ hinter Stromrudern und Mikrophonen predigten. Die Burschen mit den Cowboy-Hüten sangen 1979 schlicht: „Take it easy, altes Haus, mach dir nichts draus und schlaf dich erst mal richtig aus ...“

„Der Witz, der Humor und die Selbstironie sind meine besten Freunde“

„Wenn es darum geht, die Dinge leichter zu nehmen, dann ist dein bester Freund der Humor“, sagt der israelische Humortrainer Jacob Klein. Wobei die schönste und pure Form des Humors die Fähigkeit sei, über sich selbst zu lachen. „Wenn Humor aber auf Kosten anderer geht, ist das kein Humor. Das ist ganz eindeutig“, betont er. „Spott, Sexismus, Rassismus, Zynismus, das ist Aggression, verkleidet als Humor.“

Das Geheimnis der Selbstironie liege im Abstand zu sich selbst“, sagt Klein. „Stellt euch vor“, fordert er die Besucher seiner Seminare auf, „ihr schaut von außen auf euch, auf eure Situation, auf eure Lage.“ Dann sei zu sehen, dass „wir nur allzu oft dazu neigen, sehr rasch in eine Opferrolle hineinzurutschen, in Selbstmitleid oder ins Beleidigtsein“. Hingegen von außen auf sich selbst zu sehen, „ist mein bester Freund, besonders in schwierigen Situationen“. Gerade dann neige der Mensch dazu, den Humor nicht zu nützen, obwohl er gerade in diesen Zeiten Abstand und Selbstironie am meisten brauche.

Bevor man in die Rolle der beleidigten Leberwurst hineinrutsche, solle man zu sich selbst sagen: „Ja, schau dich an, du bist sooo arm, und immer, immer erwischt das Schicksal nur dich ...“ Solcherart solle man so lange übertreiben, bis das innere Lämpchen des Humors aufleuchte, rät Klein. Klar ist ihm, dass es schwere Situationen gibt, Trauer, Abschiede, seelische Narben, „aber man kann sie nicht ändern, weshalb wir die Dinge mit größerer Leichtigkeit nehmen können.“ Das sei eine Übungssache.

Oberflächlichkeit und Humor verbindet Klein keineswegs. „Der Witz ist nur der Schaum an der Oberfläche“, sagt er, „der Humor aber ist die Perle in der Tiefe des Wassers.“

 

 

Sind Sie ein Ochs, oder ein Esel?

Von Helmut Außerwöger

Alle Esel sind von ihrer Wichtigkeit und Schönheit überzeugt.“ Dieser Gedanke ist leider nicht von mir. Er stammt von Gottfried Glechner, dem oberösterreichischen Mundartdichter aus Gurten im Innviertel.

Glechner erzählt in seiner Kurzgeschichte „Der Esel von Bethlehem“ vom Esel zu Bethlehem und beschreibt diesen als einen, der von seiner Wichtigkeit und Schönheit überzeugt war. Im Gegensatz zum Ochsen, der ja auch angeblich an der Krippe stand, aber – so vermutet Glechner – um seine eigene Beschränktheit wusste. Ochs und Esel sind in dieser Geschichte Glechners allegorisch zu verstehen. Glechner liefert keine zoologische Beschreibung von Ochs und Esel, sondern die beiden Tiere sind Sinnbilder, Allegorien für unser Menschsein. Nach Glechners Minimalanthropologie könnten wir also das Wesen des Menschen so klassifizieren: Die einen sind Esel und die anderen Ochsen. Der Unterschied liegt nicht im Hinweis auf die menschliche Beschränktheit – diese kommt in beiden Tieren sinnbildlich zum Ausdruck, da wir beide Wörter als Schimpfwörter benutzen –, sondern der Unterschied liegt in der Art und Weise, wie Ochs und Esel mit ihrer je eigenen Dummheit umgehen. Der Ochse weiß um sie. Der Esel hingegen denkt, dass er der Weiseste sei, und zieht gar nicht in Betracht, dass auch er ein Esel ist.

Vom Aufbau meines Kommentars wäre jetzt der passende Ort für eine kurze Selbsteinschätzung: Welchem Menschheitstyp würde ich mich eher zurechnen, eher zum Ochsentyp oder eher zum Eseltyp? Die meisten von uns werden wohl eine Mischform leben. Reine Ochsentypen sind selten.

Meine erste These lautet: Eseltypen tun sich schwerer als Ochsentypen, einen Zugang zu Leichtigkeit, Humor und Gelassenheit zu finden. Wer stur wie ein Esel von seiner eigenen Wichtigkeit und Schönheit überzeugt ist und nicht will, dass sein Esel-Sein zum Vorschein kommt, investiert viel Energie, um das Selbstbild seiner Wichtigkeit und Schönheit zu erhalten. Dieses Unterfangen muss aber scheitern, denn die anderen sehen immer schon, dass es sich eben um einen Esel handelt. Der Ochsentyp hingegen reflektiert manchmal seine eigene Dummheit mit und braucht daher nicht so viel Energie, um sie zu verbergen. Es bleibt Energie übrig, um ab und zu über sich zu lachen. Meine zweite These lautet: Ein berufliches Aufsteigen in gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische oder kirchliche Hierarchien ist meistens eine gute Einladung, ein Eseltyp zu werden. Und meine dritte These lautet: Um ein Ochsentyp zu werden, brauchen wir das ehrliche Wort eines anderen oder einer anderen. Solch ein Wort hat mich das erste Mal in der vierten Klasse Hauptschule wie ein Blitz getroffen. Nachdem ich eine Schulkameradin an den Zöpfen gezogen hatte, drehte sich diese um und gab mir folgendes kollegiales Feedback: „Heli, du wast so a liawa Bua, wannst net so deppat wast.“ (Übersetzung: Helmut, du wärst so ein lieber Junge, wenn du nicht so deppert wärst.“). Seit diesem Tag reflektiere ich ab und zu meine eigene Dummheit, mein eigenes Esel-Sein mit.

Helmut Außerwöger ist Theologe, Psychotherapeut und seit 1. Juli 2018 Direktor des Bildungshauses Schloss Puchberg in Wels.

 

 

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