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Der Aufbruch in den Untergang

Von Josef Achleitner   03. März 2018 00:05 Uhr

Der Aufbruch in den Untergang
Dollfuß als Redner: Anders als sein Nachfolger war er beim Anhang populär und galt als Garant für ein eigenständiges Österreich.

Vom Bürgerkrieg 1934 bis zum Anschluss stand der autoritäre Ständestaat von Dollfuß und Schuschnigg unter NS-Druck.

Der Sieg der ohne Parlament autoritär regierenden christlich-sozialen Dollfuß-Regierung im Bürgerkrieg 1934 brachte nicht die von konservativer Seite erhoffte Ruhe im Land, sondern tödliche Gefahr von anderer, tatsächlich staatsgefährdender Seite.

Hatten die Sozialdemokraten mit Karl Renner noch erfolglos versucht, sich mit den Ständestaatsplänen zu arrangieren und den Schutzbund nach dem Verbot zwar illegal, aber bis zum von der Führung nicht gewünschten Februaraufstand ohne große Aktionen fortbestehen lassen, so zeigten sich die österreichischen Nationalsozialisten entschlossen, nach der Machtergreifung Hitlers in Berlin am 30. Jänner 1933 den Umsturz und den Anschluss an das Deutsche Reich mit Gewalt herbeizuführen. Schon im Jänner 1934 gab es eine Reihe von Anschlägen unter anderem auf ein Gebäude der Landesregierung in der Pestalozzistraße in Linz, auf die Redaktion der "Rieder Volkszeitung", im April dann auf den Pariser Nachtschnellzug zwischen Oftering und Marchtrenk, bei dem ein Mensch starb und 15 verletzt wurden. Am 29. April, nachdem Bundeskanzler Engelbert Dollfuß in Linz vor 55.000 Menschen gesprochen hatte, explodierte ein Papierböller in der Wohnung von Sicherheitsdirektor Hans Hammerstein-Equord. Mit stärkerer Überwachung der Bahnstrecken und Grenzlandkundgebungen im Innviertel versuchte der inzwischen zum Landeshauptmann gewählte Landesleiter der Vaterländischen Front, Heinrich Gleißner, die Nazis zu warnen und das Volk bei der Stange zu halten. Regierung und Justiz waren indes damit befasst, den Februar-Aufstand hart zu sanktionieren.

Nach einem Standgerichtsverfahren wurde etwa der Brauereiarbeiter Anton Bulgari nach einer wilden Schießerei an einer Schutzbund-Barrikade, bei der drei Bundesheerangehörige getötet worden waren, gehenkt. Seine zwei Mitangeklagten wurden zu lebenslanger Haft begnadigt und nach dem Anschluss von der Naziführung amnestiert. Bulgari hatte immer beteuert, nicht der Haupttäter zu sein. Der Platz ist heute nach ihm benannt.

Die Sozialdemokratische Partei war inzwischen verboten. Die seit 1933 illegalen Nationalsozialisten, in Deutschland in der "Österreichischen Legion" gesammelt und instruiert, versuchten beim "Juliputsch" 1934 die Übernahme der Macht. In der RAVAG, dem damaligen Rundfunk, wurde schon Anton Rintelen als Bundeskanzler ausgerufen. Beim Sturm des Bundeskanzleramts wurde Dollfuß in einem Nebenraum zweimal angeschossen, er verblutete ohne ärztliche Hilfe. Dass der vormalige Unterrichtsminister Rintelen und wohl auch der von Dollfuß in der Regierung entmachtete Heimwehrführer Emil Fey mit den Nazis konspiriert hatten, war ein Indiz dafür, wie stark die Unterwanderung im Staatsapparat schon damals war.

Auf christlich-sozialer Seite löste der politische Mord Entsetzen und Wut auf die Putschisten aus, während die Sozialdemokraten, von denen zahlreiche Funktionäre in den vom Ständestaat errichteten Anhaltelagern einsaßen, den Tod des nach dem 12. Februar in der Partei "Arbeitermörder" genannten Kanzlers alles andere als betrauerten. Ihr Name für die Ära war "Austrofaschismus".

Gedenkkult nach Dollfuß-Mord

Für den toten Dollfuß wurden in vielen ländlichen Gemeinden Gedenkstätten errichtet, es entstand ein regelrechter Dollfuß-Kult. Der körperlich kleine Mann (1,55 Meter) wirkte stark auf seine Anhänger und darüber hinaus. Selbst der spätere Kanzler Bruno Kreisky, damals Jus-Student, schrieb später vom außerordentlichen Charisma von Dollfuß, dessen Politik er als Sozialist bekämpfte.

Diese Strahlkraft fehlte seinem Nachfolger Kurt Schuschnigg nahezu völlig. Der in Welschtirol geborene Sohn eines k. u. k. Generals – nach Wiedereinführung der Adelstitel verwendete er das seinem Vater vom Kaiser verliehene "von" im Namen wieder – schleppte überdies eine Last mit, weil er als Justizminister gegen den Rat von Kardinal Karl Innitzer die von den Standgerichten nach dem 12. Februar ausgesprochenen Todesurteile bestätigt hatte.

Der Aufbruch in den Untergang
Kurt Schuschnigg konnte Adolf Hitler ab 1936 nur wenig entgegensetzen.

Schuschnigg versuchte, das Dollfuß-Konzept eines gegen Nazi-Deutschland gerichteten, nach spätmittelalterlichem Vorbild auf Berufsständen (im Gegensatz zum marxistischen Klassenkampf) aufbauenden Staates mit autoritärer Führung der christlichsozialen Partei dem Staat aufzupropfen. Das gelang zwar nach außen bei großen politischen Aufmärschen, wenig aber in der Alltagspolitik. Da nützten auch neue Symbole wie das an das Hakenkreuz erinnernde Kruckenkreuz oder Selbstbehauptungen vom "besseren Deutschland" nichts, die Dynamik, die Hitler-Deutschland zu dieser Zeit ausstrahlte, machte auf Arbeitslose, Junge oder schlicht jene, die sich nach Ordnung sehnten, mehr Eindruck. Man erkannte damals noch nicht, dass der wirtschaftliche Aufschwung Teil der Kriegsvorbereitung war.

Der Aufbruch in den Untergang
Für den Kriegsfall sah Hitler vor, „die Tschechei und gleichzeitig Österreich niederzuwerfen“.

Terror und Unterwanderung

Das NS-Regime machte auf Österreich nicht nur durch gesteuerten Terror und wirtschaftlich Druck, etwa mit der 1000-Mark-Sperre für deutsche Touristen, es bestimmte zunehmend durch Unterwanderung und Drohungen die Politik. Ab dem Juli-Abkommen 1936 war aus heutiger Sicht klar, dass Österreich nur auf Zeit und nur bedingt souverän war. Ein Jahr später instruierte Hitler seine Getreuen über seine Anschlusspläne. Im Februar 1938 erreichte Hitler ("Verhandelt wird nicht, ich ändere keinen Beistrich") unter Androhung eines militärischen Angriffs die Polizeigewalt der NSDAP in Österreich. Einen Monat später, nach einer wegen ultimativer Drohungen abgesagten Volksabstimmung, trat Schuschnigg zurück. Seine letzten Worte im Rundfunk: "Gott schütze Österreich." Am nächsten Morgen rollte schon die deutsche Wehrmacht über die Grenze.

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Der Einmarsch deutscher Truppen am 12. März 1938 war von Hitler im Jahr zuvor intern angekündigt worden.

Österreich im Austrofaschismus

  • 1934 - Ständestaat: Bürgerkrieg! In Linz fallen am 12. Februar die ersten Schüsse zwischen der christlich-sozialen Heimwehr und den sozialdemokratischen Schutzbündlern. Die Zahl der Bürgerkriegsopfer in Österreich wird auf bis zu 370 geschätzt. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ruft den Ständestaat aus, auch Austrofaschismus genannt. Dollfuß wird beim nationalsozialistischen Putschversuch am 25. Juli ermordet. Ihm folgt Kurt Schuschnigg.
  • 1935 - Antisemitismus: Die austrofaschistische Regierung erließ zwar keine antijüdischen Gesetze, unterband aber auch keine antisemitischen Übergriffe der Bevölkerung. Im öffentlichen Dienst machte sich eine Diskriminierung breit, viele wurden nur deshalb entlassen, weil sie Juden waren. 1935 waren nur noch 0,4 Prozent aller Beamten Juden, verglichen mit 2,8 Prozent jüdischem Bevölkerungsanteil.
  • 1936 - Juli-abkommen: Am 11. Juli verständigen sich die Regierungen Österreichs und Deutschlands darauf, „ihre Beziehungen wieder normal und freundschaftlich zu gestalten“. Dem offiziellen Kommuniqué fügt Adolf Hitler an: „Deutschland hat weder die Absicht noch den Willen, sich in die innerösterreichischen Verhältnisse einzumengen; Österreich etwa zu annektieren oder anzuschließen.“
  • 1937 - Hitlers Pläne: In einer Konferenz am 5. November in Berlin breitet Hitler vor der militärischen Führungsspitze und Außenminister Neurath seine außenpolitischen Ziele aus, um der „Raumnot“ Deutschlands zu begegnen. Dabei nahm er eine gewaltsame Expansion in Kauf. Für den Kriegsfall sah Hitler vor, „die Tschechei und gleichzeitig Österreich niederzuwerfen“. Den Inhalt der Besprechung schrieb Oberst Friedrich Hoßbach ohne Auftrag nieder.
  • Februar 1938 - Bei Hitler: Hitler und Schuschnigg treffen einander am 12. Februar auf Hitlers „Berghof“ am Obersalzberg in Berchtesgaden. Unter Androhung eines Einmarsches stimmt Schuschnigg der Einsetzung des Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart als Innenminister zu. Am 24. Februar hält Schuschnigg im Parlament eine öffentlich übertragene Rede, in der er die Unabhängigkeit Österreichs bekräftigt: „Bis in den Tod rot-weiß-rot! Österreich!“
  • März 1938 - Der letzte Versuch: In Innsbruck kündigt Schuschnigg am 9. März für den 13. März eine Volksbefragung über die Selbstständigkeit Österreichs an, Seyß-Inquart lehnt dies kategorisch ab und informiert Hitler. Nach Androhung des Einmarsches tritt Schuschnigg am 11. März zurück, Seyß-Inquart wird zum Bundeskanzler ernannt. Am 12. März um 5.30 Uhr überschreiten deutsche Truppen bei Passau und Schärding die Grenze, der Anschluss ist vollzogen.

 

 

 

 

 

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