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Gezügelte PS: Friedliche Kraftbündel bei der Arbeit

Von Alfons Krieglsteiner (Text) und Volker Weihbold (Fotos)   03. März 2018

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Bild 1/24 Bildergalerie: Zwei friedliche Kraftbündel bei der Arbeit

Am Hödlgut in Oftering (Bezirk Linz-Land) werden Noriker-Pferde zur schonenden Waldpflege eingesetzt. Ein Lokalaugenschein.

Mach’ den Pflock, so lautet mein Auftrag. Also stehe ich wie angewurzelt da, die Enden des dicken Seiles in den Händen, und genieße mein Date mit den beiden Noriker-Damen Nanni und Fauna, die folgsam innehalten. Nanni ist zehn Jahre alt, eine Rappstute mit dunklem Fell, die ein Jahr jüngere Fauna eine rotblonde Fuchsstute. Warm dampft es aus ihren breiten Nüstern, denen ein erdiger, leicht süßlicher Duft entströmt. Mit ihren schönen dunklen Augen scheinen sie mich zu fixieren, und die langen Wimpern schließen sich ab und zu wie ein Vorhang.

Eine große Portion Hafer haben sie in den Tagen vor ihrem "Rückeeinsatz" bekommen. Jetzt sind Nanni und Fauna mit der Arbeit fertig: Es geht nach Hause zum Hödlgut in Oftering (Bez. Linz-Land). Auch meine Landpartie geht zu Ende. Hinter meinem Rücken bereitet Wolfgang Ehmeier (42) im Transporter die Heimfahrt vor. Noch einmal lässt Fauna ein "Brrr!" hören. Dann nimmt mir Ehmeier das Seil aus den Händen und führt die beiden über die Rampe hinein – fast wie auf einem Catwalk.

Zwei friedliche Kraftbündel

Die Bogensprünge der Lipizzaner sind ihre Sache nicht: Nanni und Fauna sind Kaltblutpferde, sie haben ein anderes Job-Profil: Kraftbündel, friedlich und gutmütig, mit trittsicheren Beinen. Wie geschaffen zum Ziehen schwerer Lasten. Ihr Leben ist Pflicht, nicht Kür.

"Der Noriker ist ein mittelschweres Kaltblutpferd", sagt Ehmeier. Mittelschwer heißt, er bringt gut 800 Kilo auf die Waage. Kurzfristig kann ein Noriker mehr als sein eigenes Körpergewicht ziehen, auf Dauer zirka 200 Kilo Zuglast – bei einer durchschnittlichen Zuggeschwindigkeit von 3,5 km/h.

Mittelschwer ist die Noriker-Rasse, und mittelgroß: Das "Stockmaß" (die vom Widerrist gemessene Körperhöhe) beträgt zirka 1,60 Meter. Ihre Erscheinung ist gekennzeichnet durch einen starken Hals und einen breiten Rücken. Noriker haben stämmige Beine und einen massiven Knochenbau. Das Haupt ist sanft gewölbt und von "edlem" Zuschnitt.

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Alte Rasse feiert ein Comeback

Das Norikerpferd geht, wie schon der Name sagt, auf das Norische Pferd aus der römischen Zeit zurück. Nur in Österreich wird es seit 200 Jahren rein gezüchtet. "Bis nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Noriker die einzige Kaltblutrasse, die in Österreich in großem Umfang zum Einsatz kam", sagt Ehmeier. Dann wurden sie von der Mechanisierung fast verdrängt.

Jetzt will Ehmeier die Noriker "ins 21. Jahrhundert holen", wie er sagt. Seit 2006 spannt er sie für die boden- und ressourcenschonende Zugarbeit auf seinem Betrieb ein. 2008 hat er den ersten Pflügekurs für Arbeitspferde angeboten – die Wartelisten sind mittlerweile lang. Die vierbeinigen Arbeitspartner werden bei ihm in der fast vergessenen Kunst ausgebildet, Bäume aus dem Wald zu ziehen, die Erde zu pflügen oder die Wiese zu mähen: Ein sinnvoller Einsatz für die vom Verschwinden bedrohte bodenständige Kaltblutrasse.

Nanni und Fauna gehen ex aequo vor. Brust an Brust befördern sie die von den Ästen gesäuberten Fichtenbloche. An der scheppernden gelben Zugwaage wird die Kette eingehängt und um die Stämme gewunden. "Menscha, wia!", sagt Ehmeier, und der Shuttle-Dienst mit zwei PS kann losgehen. Sobald das Leitseil in den Händen liegt, zeigt sich, ob man sich auf ihren Goodwill verlassen kann. Ein Wort genügt, um die Kolosse anzutreiben – sie parieren prompt auf die Stimmkommandos: "Wia" für "Los!", "epp" für "halt!", "wist" für "links" und "hot" für "rechts".

Das Rangieren auf dem Holzplatz bleibt Ehmeier überlassen. "Zurück" sagt er, und sie folgen. Die Zugstränge sind am Kummet über der breiten Brust befestigt, von dem Metallknöpfe glänzen. Ehmeier verwendet ein verstellbares Geschirr, entwickelt von der Glaubensgemeinschaft der "Amischen" in den USA. Mit deren archaischer Lebensweise hat er aber nichts zu tun.

Gezügelte PS
Noriker-Damen Nanni und Fauna beim Holzrücken.

Bauholz für den neuen Stadel

"Wia!" Schon geht es wieder ruckzuck. Unaufhaltsam bahnen sich Nanni und Fauna ihren Weg durch den aufgeweichten Wiesenboden, auf dem sie ihre handtellergroßen Abdrücke hinterlassen. Es spritzt und gluckst, wenn man ihnen "auf dem Huf" folgt.

Vom Holzplatz schleppen sie die Bloche zur Verladestelle, wo sie später vom Lkw abgeholt und ins Sägewerk gebracht werden. Ehmeier verwendet sie als Bauholz für den geplanten Stadel-Neubau, den er mit einem Strohdach decken wird. 20 Jahre können Noriker gut und kräftig arbeiten, oft werden sie über 25 Jahre alt. Vier hält Ehmeier auf seinem Hof, drei Stuten und einen Wallach, alle aus den Salzburger Zuchtlinien "Nero" und "Vulkan". Dazu noch ein vielseitig verwendbares American Quarter Horse. "Pferde verschwenden nicht ein Gramm Nahrung", sagt Ehmeier: Was sie nicht in Kraft umsetzen, geben sie als ausgezeichneten Dung dem Boden zurück. Nicht nur zum Holzrücken werden sie eingesetzt: Im März ziehen sie die Egge, später im Jahr pflügen sie den Boden um und erledigen die Hackarbeiten im Gemüsegarten.

Auf einen Traktor kann Ehmeier gut verzichten: Der ausgebildete Landschaftsgärtner hat seinen Hof auf biologisch-dynamisch umgestellt, ein Vorzeigeprojekt in der heimischen Biobauernszene. Gemeinsam mit seiner Frau hat er schon das nächste Projekt gestartet: einen Hofladen zum Verkauf von Bioprodukten aus dem eigenen Betrieb.

Eva, die Bäuerin am Hödlgut, tischt dem Gast zu Mittag Kaffee und Heidelbeerkuchen auf. Da kann auch Emma, die achtjährige Große Schweizer Sennenhündin, ihren Gusto nicht verbergen, wenn sie mich bei jedem Bissen vielsagend mit der Schnauze gegen das Knie stupst. Wolfgang Ehmeier ist ein offenherziger, praktisch denkender Mann. Aber einer, der auf seinem Vierkanthof eine Mission erfüllt: "Einfach gut leben". Da gehören die Noriker einfach dazu.

Gezügelte PS
Eva und Wolfgang Ehmeier führen einen Öko-Vorzeigebetrieb.

Zur Person Wolfgang Ehmeier

Der 42-jährige ausgebildete Gartenplaner ist Gründungsmitglied und Vize-Obmann der Österreichischen Interessensgemeinschaft Pferdekraft (160 Mitglieder).

In Kooperation mit dem Ländlichen Fortbildungsinstitut OÖ. bietet er auf seinem Hof in Oftering Zertifikatslehrgänge zum Einsatz von Arbeitspferden an.

Infos: www.hoedlgut.at

 

Historie: Das Zug-Pferd

Ohne Zugtiere in der Landwirtschaft wäre Europa nicht zum wohlhabendsten und den Globus beherrschenden Kontinent aufgestiegen. Das ist eine These von Historikern, u. a. von Michael Mitterauer, Professor für Sozialgeschichte an der Universität Wien. Zusammen mit Kummet (Geschirr) und Hufeisen konnte ab dem neunten Jahrhundert der schwere Pflug gezogen und die Getreideproduktion massiv gesteigert werden. Die Bevölkerung wuchs, rund um das Pferd und die Landwirtschaft entstanden viele Gewerbe: Gerber, Schmiede, Sattler, Drechsler etc.

Das Pferd war rund ein Jahrtausend lang Symbol einer leistungsstarken Bodenbewirtschaftung, wurde mit der Intensivierung des Handels aber immer stärker auch für den Transport gebraucht. Beide Branchen verwendeten für die Zugarbeit andere Rassen als das Militär für die Kavallerie und der Adel für den Reitsport. Die Dampfmaschine leitete schließlich ab dem 18. Jahrhundert eine Revolution in Bergbau und Güterproduktion ein, im 19. dann auch im Transport.

"Im Überlandverkehr ersetzten zuerst die Dampfeisenbahnen, dann auch die Autobusse und Lastkraftwagen immer mehr die schweren Fuhrwerke und Postkutschen", berichtet Historiker Roman Sandgruber ("Geschichte der österreichischen Land- und Forstwirtschaft im 20. Jahrhundert", Verlag Ueberreuter, 2002). Die Schiffszüge auf Donau, Enns, Traun und Inn, die 50 und mehr Pferde auf einmal erforderten, wurden allmählich von Dampfschiffen ersetzt.

1910 gab es in Österreich noch rund 50.000 Militärpferde. Mehr als eine Million Pferde wurden im Ersten Weltkrieg getötet, auf dem Schlachtfeld oder weil es an Futter mangelte. Umgelegt auf das heutige Bundesgebiet sank der Pferdebestand von 1910 bis 1918 von 298.000 auf 218.000.

Pferde als Zugtiere konnten sich nur größere Bauern leisten, berichtet Prof. Sandgruber. Sie waren der Stolz des Standes. Ärmere Bauern spannten Ochsen und Kühe ein. Die Mechanisierung begann in Österreich spät. 1938 gab es erst 1100 Traktoren. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es einige Zeit, bis sich die Bauern Maschinen leisten konnten. 1957 gab es 78.700 Traktoren, 1962 bereits 148.000 und 1966 206.000. Heute sind es 400.000. (le)

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