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Stifters starker Stellenwert

Von Klaus Buttinger   27. Januar 2018 00:04 Uhr

Adalbert-Stifter-Denkmal auf der Linzer Promenade.

Adalbert Stifters Todestag jährt sich morgen zum 150. Mal. Wie aktuell der Landeshauptdichter heute noch ist, stellt das Stifterhaus in Linz dar, u. a. mit Hilfe von Schriftstellerin Teresa Präauer und Germanistik-Professor Vance Byrd (USA).

Im Bann des Bergkristalls

Die in Linz geborene Autorin Teresa Präauer lebt in Wien und derzeit in Frankfurt, wo im Mai 2018 ihr Auftragswerk für das Schauspiel Frankfurt Premiere hat. Jüngst erhielt Präauer den Buchpreis der Salzburger Wirtschaft und den Erich-Fried-Preis 2017 für ihren Künstlerroman "Johnny und Jean". Schon ihr Debütroman "Für den Herrscher aus Übersee" wurde ausgezeichnet. 2016 lehrte sie am Grinnell College in den USA.

OÖNachrichten: Was reizt Sie an der Stifter-Lektüre?

Teresa Präauer: Wahrscheinlich wäre ich als junger Mensch vorerst nicht auf die Idee gekommen, Stifter zu lesen. Aber in der österreichischen Germanistik ist Stifter eben sogenannte Pflichtlektüre. Ich las als Erstes Bergkristall und war in den Bann gezogen von seiner sprachlichen Genauigkeit. Wenn man Handke liest, was ich sehr lange sehr gerne gemacht habe, stößt man bei ihm auch auf Stifter-Verweise, da gibt es durchaus Gemeinsames.

Stifter wurde anfänglich als biedermeierlicher Blumen-und-Käfer-Poet abgetan. Können Sie sich vorstellen, dass Stifter Leser langweilt?

Kann ich mir vorstellen. Gerade habe ich zum ersten Mal Henry David Thoreau gelesen, der ist auch so unglaublich langweilig, aber dabei sehr einnehmend: der sprachliche Ton, die genauen Beschreibungen, die Langsamkeit. So wandert man mit ihm durch die Landschaft. Wäre das aber lieblich, würde es mich kaum interessieren.

Im Bann des Bergkristalls
Teresa Präauer, Schriftstellerin

Ein Kritiker sah in Stifters Texten eine ungeheure Sanftmut des Autors, eine unnachgiebige Freundlichkeit. Sehen Sie die auch?

Mich interessiert vielmehr Stifters Präzision, mit der er erst eine Gebirgslandschaft beschreibt, dann genauer hinzoomt, daraufhin werden die Häuser sichtbar, dann erst die Personen, die selbst wieder wie abgezählt scheinen. Das hat etwas sehr Bildhaftes, Gegenständliches. Man könnte beim Lesen seiner Angaben die Kulisse gleich mitbauen, so wie bei einer Krippe mit Wachsfiguren, Schafen und Bäumen aus grünem Papier. Nicht niedlich, sondern genau! Ich denke, es gibt auf den ersten Blick eine fromme Erscheinung dieser Texte. Aber wer so genau schreibt, ist auch, im literarischen Sinne, gewalttätig oder jedenfalls gewaltig. Hinter der Sanftmut verbirgt sich doch immer eine Art von Schrecken.

Welchen Weg würden Sie jungen Lesern bei der Annäherung an Stifter raten?

Jungen Leserinnen und Lesern soll man nichts raten, sie sind, sofern sie lesen, ohnehin Teil einer Verschwörung von Lesenden und Mitwissenden. Für die Schule gilt nach meinem Verständnis noch immer, die sogenannten Klassiker zu lesen, neben der neuen Gegenwartsliteratur.

 

Das Erhabene in der Natur

Vance Byrd ist Deutsch-Professor am Grinnell College in Iowa (USA). Sein Forschungsinteresse gilt der literarischen Kultur und der Mediengeschichte von der frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert. Er forscht hauptsächlich zu den Autoren Kleist, E.T.A. Hoffmann, Droste-Hülshoff und Stifter. Aber auch das Zeitgenössische interessiert ihn. So publizierte er etwa zu Nicolas Mahlers autobiografischen Comics.

OÖNachrichten: Was macht Stifter so universell, dass man ihn auch in den USA überraschend häufig liest?

Vance Byrd: Stifters sprachlicher Gestus und die Schicksale seiner Figuren.

Vance Byrd, College-Professor

Wie fanden Sie selbst zu Stifters Schreibkunst?

Als Doktorand in Germanistik gehörte Stifter zur Pflichtlektüre. In Seminaren faszinierten mich seine Landschaftsmalereien, das hermeneutisch Dunkle an Turmalin und das Schicksal der Töchter aus Der Hochwald. Erst später habe ich mich intensiver mit der Modernität von Wien und die Wiener auseinandergesetzt.

Was erzählen Sie amerikanischen Studenten über Stifter, was macht ihn für Ihre Studenten interessant?

Die meisten „Undergraduate“-Studenten können aus sprachlichen Gründen einen langen Roman wie den Nachsommer noch nicht lesen. Eine intensive Lektüre seiner kurzen Geschichten ist in diesem pädagogischen Kontext ergiebiger. Normalerweise beginne ich mit seiner schicksalhaften Biographie samt blutigem Selbstmord, dann erwähne ich Friedrich Hebbels Einwände gegen Stifters Realismus und Peter Küppers „Literatur und Langeweile“-Aufsatz, bevor wir uns ganz spannenden Themen widmen, wie z.B. der Bildung, dem Erhabenen in der Natur, der Darstellung von Frauen und Juden sowie der Großstadterfahrung. Indem wir den Autor und seinen Realismus kritisch betrachten, bleiben die Texte interessant und aktuell.

Warum wurde Stifter erst nach seinem Tod entdeckt?

Stifter wurde schon immer in den USA gelesen, da das Land ein wichtiger deutschsprachiger Literaturmarkt im 19. Jahrhundert war. Der Hochwald, die Studien-Ausgabe und Übersetzungen waren deutsch- und englischsprachigen Lesern zu seinen Lebzeiten zugänglich. W. H. Audens Rezeption und Marianne Moores Übersetzung ins Englische, die Etablierung von Bergkristall als Weihnachtslektüre sowie Interesse an deutschsprachigen Autoren wie zum Beispiel B. W. G. Sebald und Thomas Bernhard haben das Interesse an Adalbert Stifter erneut geweckt. Nichtsdestotrotz findet man heutzutage Werke von Goethe, Kafka, Thomas Mann, Brecht, Hermann Hesse und Sebald häufiger in Buchhandlungen.

 

Stelldichein der Fans & Adoranten im Stifterhaus

In der Veranstaltungsreihe „Zum 150. Todestag Adalbert Stifters“ im Stifterhaus Linz macht die Literaturwissenschafterin Karin S. Wozonig den Anfang. Am Montag, 29. Jänner, 16 Uhr, spricht sie unter dem Titel „Grüße aus der Ferne“ über die „Deutschen Briefe 1848“, welche die österreichische Schriftstellerin Betty Paoli (1814–1894) im Revolutionsjahr 1848 an die eben gegründete „Presse“ geschrieben hat. Einen der offenen Briefe richtete sie an Stifter, der seiner Kollegin und Freundin angeboten hatte, zu ihm nach Linz zu kommen.
Teresa Präauer und Vance Byrd erzählen von ihren Zugängen zu Stifter unter dem Titel „Stifter lesen/Reading Stifter“ ebenfalls am 29. Jänner um 19.30 Uhr.

Inwieweit die Bibel in Adalbert Stifters Leben, Werk und Weltbild eine Rolle spielt, versucht Wolfgang Häusler am 30. Jänner um 16 Uhr zu klären. Unter dem Titel „Er ist geworden wie einer der alten Seher und Propheten“ zeichnet der Historiker die Einflüsse von katholischer wie auch evangelischer Religion auf den Knaben aus Oberplan nach, in dessen Werk sich die einen wie die anderen niederschlugen.

Ebenfalls am 30. Jänner (19.30 Uhr) liest der vielfach ausgezeichnete deutsche Schauspieler Axel Milberg („Tatort“) aus den Briefen Adalbert Stifters. In dessen Korrespondenz an seinen Verleger, an Freunde und auch an seine Frau Amalia teilte er sich mit, achtete jedoch auf die Form. Briefe der letzten Jahre entstanden vor dem Hintergrund der schweren Erkrankung des Dichters, der am 28. Jänner 1868 starb.

 

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