Scharia-Gerichte sind in England schon Realität

Von Von Jasmin Fischer   15.Dezember 2009

Blühende Hortensien nebst Cabrios am Wegesrand und viel bürgerliches Reihenhaus-Idyll – so spießig sieht es aus vor der Tür einer Einrichtung, die viele Briten ganz weit oben auf die Liste der gefühlten Staatsfeinde setzen würden. Dass Mohammed Raza, Vorsitzender der britischen Scharia-Räte, hier im Londoner Westen hauptsächlich muslimische Frauen aus ihren Ehen befreit, wäre für sie die zweite große Überraschung.

Die dritte ist der Imam selbst: Ein moderater, höflicher Mann mit einem großen Wunsch: „Es wäre prima, wenn mein Job überflüssig werden würde“, sagt er, „wenn der Staat die religiöse Ehe der Frauen auflösen und ich den Rat schließen könnte.“

Die Nachricht, dass in ihrem Land ein paralleles Rechtssystem operiert, traf die Briten letztes Jahr wie ein Schlag. Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, hatte sich für die „unvermeidliche“ Integration von Scharia-Aspekten ins Zivilrecht ausgesprochen und damit die Existenz der rund 80 islamischen – und jüdischen – Glaubensgerichte überhaupt erst auf den Tisch gebracht. Er erntete kollektiven Protest.

Kritik auch von Muslimen

Auf der Insel ist die Integration der Scharia längst Realität: Auf Basis ihres Religionsgesetzes regeln Schiedsgerichte und Scharia-Räte in vielen Städten zivilrechtliche Streitigkeiten zwischen Gläubigen. Über 300 Frauen rufen jedes Jahr allein die Dienste des Imam Raza an. Sie alle haben das gleiche Problem: Sie können sich zwar am Familiengericht scheiden lassen, für eine Trennung nach muslimischen Regeln brauchen sie jedoch das Einverständnis des Ex-Gatten. „95 Prozent der Fälle sind so gelagert und meistens weigert der Mann sich zu unterschreiben“, sagt Raza. „Wir setzen dann einen Scheidungserlass auf, stellen ihn zu und lösen die Ehe auf. Die Männer können sich wehren, aber die Scharia regelt das klar: Will die Frau eine islamische Scheidung, dann bekommt sie die.“

Auf Expansionskurs befinden sich derweil andere Scharia-Institutionen, wie die Schiedsgerichte des „Muslim Arbitration Tribunal“. Fünf Rechtsbüros haben in London, Manchester und Birmingham eröffnet, weitere in Glasgow und Edinburgh sollen folgen.

Doch der allmähliche Aufstieg der „Schatten-Scharia“ zu einem offiziellen Partner der britischen Justiz ist nicht allen Muslimen geheuer. Wenig bringt Maryam Namazie von der Initiative „One Law For All“ (Gleiches Recht für alle) so in Rage wie ein Imam, der die Scharia als frauenfreundlich auslegt: „Es gibt Fälle, da haben Schiedsgerichte den Brüdern doppelt so viele Erbanteile zugestanden wie den Schwestern, weil das ein Scharia-Prinzip ist.“