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„Ich habe die Rückkehr nie bereut“

Georg Wozasek (86) ist Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Linz. Aufgewachsen in Amstetten, musste er 1938 vor den Nazis flüchten. Wien, Paris, New York. Nach dem Krieg wagte Wozasek einen Neuanfang in Österreich.

„Ich habe die Rückkehr nie bereut“ t Georg Wozasek über den Anschluss Österreichs, Antisemitismus, seine Flucht nach Amerika und seinen Neubeginn in Linz

Georg Wozasek lebt seinen jüdischen Glauben sehr bewusst. Bild: Petuely

OÖN: Wie haben Sie als 13-Jähriger den Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland erlebt?

Wozasek: Meine Familie lebte in Amstetten. Es gab dort nur eine Handvoll jüdischer Familien. Die niederösterreichische Kleinstadt hat sich sehr exponiert für den Nationalsozialismus, die neuen Machthaber mit offenen Armen und Gejohle empfangen. Ich bin als Jugendlicher in die Mittelschule Waidhofen gegangen, habe mit meinen Schulfreunden zusammen das Leben erlebt. Am 12. März 1938 (Anschluss, Anm.) waren wir alle noch beste Freunde, ab 14. März 1938 hat keiner mehr mit mir geredet. Das hat mich schon geprägt.

OÖN: Waren Sie und Ihre Familie unter den Leidtragenden der sogenannten Reichskristallnacht?

Wozasek: Ja. Am 9. November 1938 wurde mein Vater verhaftet und musste ins Gefängnis. Ob die Nazigrößen aus Amstetten meinen Vater und meine Mutter geschlagen haben, weiß ich nicht. Ich war zuvor im Sommer 1938 mit einem Paddelboot auf der Ybbs unterwegs, da ist eine Gruppe der Hitlerjugend vorbeimarschiert und hat ein Lied angestimmt: „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann sind wir bald befreit.“ Solche Dinge kann man nicht vergessen.

OÖN: Sie haben es rechtzeitig geschafft, aus dem Dritten Reich zu fliehen. Wie sind Sie in die Vereinigten Staaten gekommen?

Wozasek: Meine Familie musste von Amstetten nach Wien übersiedeln. 1939 wurde ich mit einem Kindertransport nach Frankreich gebracht. Meine Eltern hatten ein Visum für die USA bekommen und waren schon in den Staaten. In Frankreich ist es uns gut gegangen. Ein halbes Jahr später bin auch ich nach Amerika gereist, habe meine Eltern wieder gesehen.

OÖN: Waren Sie sich damals der Gefahr bewusst, in der Sie und Ihre Familie schwebten?

Wozasek: Es gibt einen Brief von meiner Mutter, darin steht: Mein Vater wird auf eine lange Reise gehen. Er war nämlich ursprünglich schon eingeteilt für einen Polentransport. Was das heißt, habe ich damals nicht mitbekommen. Vor uns Kindern wurde auch nicht darüber gesprochen.

OÖN: Wie schwer war der Neustart in Amerika, haben Sie dort von der Massenvernichtung des jüdischen Volkes erfahren?

Wozasek: Was mich betrifft, muss ich sagen: Ich habe von alledem überhaupt nichts mitbekommen. Ich war vollauf mit meinem Technikstudium an der Columbia University beschäftigt. Man muss sich vorstellen, mein Vater war damals 50 Jahre alt, sprach leidlich Englisch, musste in Amstetten seinen Fell- und Pelzhandel aufgeben, der sich seit 1850 in Familienbesitz befunden hatte. Die erste Zeit war schwierig und bestimmt von der Frage: Wie kann ich Geld verdienen? Das hat auch meine Berufswahl beeinflusst. Ich dachte mir: Als Verfahrenstechniker, der gut arbeitet, kann man überall auf der Welt anfangen.

OÖN: Sie haben in der US-Armee und gegen die Nationalsozialisten gekämpft.

Wozasek: Es war mir ein Bedürfnis, gegen die Hitler-Truppen zu kämpfen. Ich war bei den Gebirgsjägern und habe in Italien nahe der Po-Ebene gekämpft. Bei einem Flugzeugangriff wurde ich verwundet und musste zwei Monate ins Spital.

OÖN: Sie sind dann nicht ganz freiwillig zurückgekehrt nach Österreich.

Wozasek: Ich hatte nach dem Studium fünf Jobangebote in Amerika, mir hat das Leben in den Staaten gefallen. Aber mein Vater war ein weitsichtiger Mann und hat mir geraten, die Papierfabrik in Traun einmal anzuschauen. Ich war anfangs skeptisch, er hat recht behalten. Ich habe es bis zum Generaldirektor gebracht und habe die Rückkehr nach Österreich nie bereut.

OÖN: Sie haben in Linz Fuß gefasst, wäre ein Neuanfang auch in Ihrer ehemaligen Heimat Amstetten möglich gewesen?

Wozasek: Nein, ich hätte mich in Amstetten nicht wohlgefühlt, hätte dort nicht meine Freizeit verbringen wollen. Da ist zu viel hängengeblieben, tief unten in der Seele. Aber ich habe keine Vorurteile gegenüber Amstetten. In Linz kannte ich niemanden, hatte keine Vorgeschichte. Ich war bald gut integriert, trieb mit Freunden Sport. Ich fühle mich wohl hier, sonst wäre ich nicht da.

OÖN: Hat sich Ihr Bezug zum jüdischen Glauben verändert?

Wozasek: Wenn ich meine Familie heranziehe, dann sind die Menschen früher nicht ganz so bewusst zur jüdischen Religion gestanden wie heute. Die meisten Juden wollten vor dem Zweiten Weltkrieg sein wie alle anderen Menschen – Assimilation war stark in Mode. Ich habe mich als Kind leid gesehen, weil wir keinen Christbaum hatten. Da haben mir die Eltern eben auch einen Baum hingestellt, statt andere Argumente zu suchen. Man wollte bewusst, oder unbewusst so sein wie alle anderen. Heute feiere ich bewusst den Sabbat, zünde zu Hause Kerzen an, gehe in die Synagoge. So furchtbar es klingt, aber ich glaube, der Hitler hat uns wieder aufgerüttelt zum Bewusstsein, dass wir Juden sind – natürlich mit furchtbaren Nebeneffekten. Das Bewusstsein, dass man Jude ist, ist jetzt viel tiefer.

OÖN: Welche Rolle spielt der Staat Israel für Sie?

Wozasek: Israel ist ein wichtiger Faktor. Die Erfahrung, dass kein Land der Welt unser Volk aufgenommen hat, war einschneidend. Heute gibt es mit Israel einen Staat, der sagt: Ihr könnt jederzeit einwandern, das ist euer Land. Israel wird vom Judentum weltweit unterstützt. Ich bin schon stolz, dass es Israel gibt, auch auf das, was dieses Land macht, wie es sich verteidigt. Wir verfolgen, was sich dort tut, wie diese Nation Probleme meistert, mit allen negativen Aspekten, das sind keine Heiligen. Israel ist für mich ein gewisser Rettungsanker.

OÖN: Wird es die jüdische Gemeinde in Linz in 20 Jahren noch geben?

Wozasek: Vor dem Krieg zählte die Kultusgemeinde 700 Köpfe, heute rund 60. Wir beten gemeinsam, feiern die religiösen Feste gemeinsam. Wir sind bemüht, denjenigen zu helfen, die unsere Hilfe brauchen. Das ist unsere Aufgabe. Jedes Kind einer jüdischen Mutter ist automatisch ein Jude, aber das heißt nicht, dass alle in Linz bleiben. Wie es sich entwickeln wird, kann ich nicht vorhersehen. Wir lassen das ein Stück weit auf uns zukommen.

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Artikel Martin Dunst 21. Januar 2012 - 00:04 Uhr
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