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 John McCain: Ein anständiger Mensch

Der US-Senator überlebte den Vietnam-Krieg, überstand Folter und steckte 2008 eine schwere politische Niederlage weg. Seinen letzten Kampf gegen den Krebs hat er verloren

 John McCain: Ein anständiger Mensch

Der Republikaner John McCain war stets ein starker Befürworter der NATO (AFP) Bild: APA/AFP/ROBYN BECK

Um John McCain trauern nicht nur Republikaner. Der konservative Senator aus Arizona gehörte zu den wenigen Ausnahmen im polarisierten Politikbetrieb der USA, die über die Parteigrenzen hinweg Anerkennung genossen. Ein Außenseiter im besten Sinne des Wortes, der Respekt dafür verdiente, das Trauma von fünf Jahren Gefangenschaft in Vietnam inklusive Isolationshaft und Folter weggesteckt zu haben.

Freunde und Kollegen im Senat sahen McCain zuletzt in der Rolle des "Elder Statesman", der als Gegenmodell der traditionellen Republikaner zu dem sprunghaften Präsidenten diente. Als er sich im Juli 2017 für eine Operation aus dem Senat abmeldete, fehlte plötzlich eine gewichtige Stimme.

Was zunächst nach einem Blutgerinnsel über dem linken Auge aussah, entpuppte sich als aggressiver Gehirntumor. Unmittelbar nach seiner Krebsdiagnose hielt McCain eine bemerkenswerte Rede, die zu einem Credo seiner Ausnahme-Karriere geriet.

Mit Leidenschaft gegen Trump

"Welcher größeren Idee können wir zu dienen hoffen, als dazu beizutragen, dass Amerika das starke, inspirierende Leuchtfeuer der Freiheit bleibt, die Verteidigerin der Würde aller Menschen und ihres Rechts auf Freiheit und gleiche Rechte?", so McCain leidenschaftlich und Trump-kritisch. Dessen "America first"-Patriotismus verurteilte er als "halbgaren Nationalismus, der von Leuten ausgeheckt wurde, die lieber Sündenböcke finden, als Probleme zu lösen".

Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Legendär ist Trumps verächtlicher Kommentar über McCains Vietnam-Gefangenschaft. "Ich mag Menschen, die nicht gefangen genommen wurden, okay?", twitterte Trump im Wahlkampf, obwohl er selbst niemals die Uniform getragen hatte. "Ich habe härteren Gegnern gegenübergestanden", konterte McCain.

John McCains Soldaten-Vita kündigte sich schon mit der Geburt am 29. August 1936 auf der US-Militärbasis "Coco Solo" in Panama an. Er ist sowohl Sohn als auch Enkel von Vier-Sterne-Admirälen. Der Familientradition folgend besuchte er die Marineakademie in Annapolis und stieg zum Marinepiloten auf.

Fünf Jahre Kriegsgefangenschaft

Als die USA ihr Engagement in Vietnam verstärkten, meldete er sich für Kampfeinsätze. Bei einem Bomberangriff 1967 über Hanoi geriet sein Jet unter gegnerisches Feuer. Abgeschossen und schwer verwundet wachte McCain in vietnamesischer Gefangenschaft wieder auf. Fünf Jahre erduldete er die Kriegsgefangenschaft.

Seine Vietnam-Erfahrungen haben McCains Sicht auf die Rolle Amerikas in der Welt stark geprägt. James Jeffrey, der unter Präsident George W. Bush als stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater diente, meinte, McCain könne glaubwürdig als Falke auftreten, "weil kaum jemand unter Washingtons Politikern selbst mehr mit Blut gezahlt hat als er".

McCains Politkarriere begann 1983, als er für die Republikaner ins Repräsentantenhaus einzog. 1987 wechselte er in den Senat und vertrat dort Arizona. Während seiner Zeit als Senator wurde McCain zur führenden Figur seiner Generation in außen- und verteidigungspolitischen Fragen.

Nach Berichten über Gefangenenmisshandlung und den Gebrauch brutaler Verhörmethoden im Irak setzte sich das Folteropfer McCain an die Spitze einer Bewegung im Kongress, die darauf abzielte, Folter gesetzlich zu verbieten. Mit großer Leidenschaft und Überzeugungskraft überredete er seine Kollegen, der Regierung Grenzen zu setzen.

Mit George W. Bush, der auf der anderen Seite der Debatte stand, verband ihn seit den Vorwahlen 2000 ein schwieriges Verhältnis. McCain verlor in New Hampshire gegen seinen Parteifreund. Von den Partei-Oberen wenig unterstützt, stand er kurz davor, die Republikaner zu verlassen.

Niederlage gegen Obama 2008

2008 wollte McCain es noch einmal wissen. Er sicherte sich die Nominierung der Republikaner, war dann aber Leidtragender der Wirtschaftskrise, die die Finanzmärkte an den Rand des Zusammenbruchs führten. Die Amerikaner wollten keinen weiteren Republikaner im Amt haben. Auch deshalb verlor er gegen den charismatischen Barack Obama.

McCain war immer ein starker Befürworter der NATO und galt in außenpolitischen Fragen als Falke, etwa hinsichtlich des militärischen Wiederaufstiegs Russlands unter Präsident Wladimir Putin oder der russischen Annexion der Krim. Aber er war auch bereit zum Frieden. Unter anderem spielte er eine entscheidende Rolle bei der Wiederannäherung an Vietnam.

Eine der wichtigsten Entscheidungen als Senator hatte nichts mit Außen- oder Sicherheitspolitik zu tun. Die traf er 2017 nach der Diagnose seines Tumors. In einer nächtlichen Sitzung des Kongresses rettete McCain mit seiner Stimme die allgemeine Krankenversicherung "Obamacare".

Mit dem Tod des anständigen Senators geht ein Stück Zivilisiertheit in der US-Politik zu Ende. McCain hinterlässt ein Vakuum, das schwer zu füllen sein wird.

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Artikel Thomas Spang 27. August 2018 - 00:04 Uhr
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