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Narrensaum und Seitenwechsler: Wie die Parteien ihre Vergangenheit prüfen

WIEN. Gewissenserforschung. Die FPÖ will eine Historikerkommission einsetzen, die SPÖ hat ihre „Ehemaligen“ schon 2005 genannt. Demnächst kommt der ÖVP-Bericht über Landesregierungen und Abgeordnete.

Narrensaum und Seitenwechsler: Wie die Parteien ihre Vergangenheit prüfen

Strache, Haider (2008): Bis heute bekam nur ein FPÖ-naher Historiker Zugang zum Parteiarchiv in Salzburg. Bild: Reuters

Nehmen wir an, der LASK setzt eine Kommission ein, die prüfen soll, ob im Verein auch Fußball gespielt wird und ob unter den Gründern Fußballnarren waren: Der Vorgang wäre erstaunlich.

So ähnlich verhält es sich mit der Historikerkommission, die herausfinden soll, ob es in der FPÖ Antisemitismus, Rechtsextremismus und deutschnationale Exzesse gab bzw. gibt.

Es handelt sich dabei nicht, wie Oberösterreichs FPÖ-Chef Manfred Haimbuchner meint, um "einen gewissen Narrensaum."

Diese Haltungen waren "in der Partei ständig da", sagt die Historikerin Margit Reiter (Institut für Zeitgeschichte, Uni Wien): "Wir reden nicht von ,braunen Flecken‘, sondern von einem konstituierenden Element." So habe es die Relativierung des Holocausts (Jörg Haider: "Straflager") im Binnendiskurs nach 1945 immer gegeben.

Für die seriöse Aufarbeitung ist der Zugang zu den Quellen der Parteigeschichte unerlässlich, vor allem zum Archiv der Vorgängerorganisation VdU (Verband der Unabhängigen). Diese Dokumente liegen im Salzburger Stadtarchiv. Sie dürfen nur mit FPÖ-Genehmigung eingesehen werden. Bisher bekam bloß ein Wissenschafter diesen Zugang: der FPÖ-nahe Historiker Lothar Höbelt. - In Wien gibt es außerdem ein FPÖ-Archiv.

Zehn Prozent rote Ex-Nazis

Parteichef Heinz-Christian Strache hat angekündigt, seine Historikerkommission breit aufzustellen. Das Vorbild kann die SPÖ sein, die ihre Parteigeschichte von unabhängigen Fachleuten erhellen ließ. Nach fünfjähriger Arbeit wurde die Studie 2005 veröffentlicht. Das Ergebnis: Zehn Prozent der höheren SPÖ-Ränge (Minister, Landesregierungsmitglieder, Abgeordnete im National- oder im Bundesrat, in den Landtagen, Parteivorstandsmitglieder) hatten eine Nazi-Vergangenheit.

Viele Seitenwechsler machten steile Karrieren; so waren fünf Minister der ersten Regierung Bruno Kreiskys zuvor bei der NSDAP. Die Zeitgeschichtler fanden nebenbei heraus, dass in der ÖVP zwölf Prozent "Ehemalige" waren.

Die heutige Kanzlerpartei gibt sich mit solchen Angaben nicht zufrieden. Sie hat ihre eigene Untersuchung gestartet. Helmut Wohnout, Leiter des Karl-von-Vogelsang-Instituts, hat einen "sehr renommierten Forscher" beauftragt, eine umfassende Studie vorzulegen. "Das steht knapp vor dem Abschluss", sagt Wohnout zu den OÖNachrichten. Der Wissenschafter (dessen Namen er nicht nennt) sei "in seiner Forschung völlig frei. Da wird nichts versteckt." Ausgewertet werden die Biografien aller schwarzen Nationalratsabgeordneten und aller Landesregierungsmitglieder bis 1970.

Eines kann Wohnout – selbst Historiker – jetzt schon sagen: "Die ÖVP war kein Nest von ,Ehemaligen‘ – aber nicht frei von ihnen."

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Artikel Christoph Kotanko 02. Februar 2018 - 00:04 Uhr
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