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Liebesgrüße nach Moskau

Am Sonntag wählen die Russen ihren neuen Präsidenten. Der eiskalte Machtpolitiker Putin steht praktisch als Sieger fest. Damit werden auch die Kontakte zwischen Moskau und Wien vertieft. Diese Beziehung ist enger, als der breiten Öffentlichkeit bewusst ist.

Liebesgrüße nach Moskau

Skilegende Karl Schranz ist Ratgeber für Putin. Dieser dekorierte ihn mit dem höchsten Orden. Bild: GEPA pictures/ M. Oberlaender

Die Namen sind Programm: Rashid Sardarov, Valentin Bukhtoyarov, Suleiman Kerimov, Vladimir Krupchak, Ural Rakhimov, Andrej Melnitschenko, Mikhail Fridman, Boris Kandow sind robuste russische Aufsteiger. Sie alle haben wirtschaftliche, meist auch private Interessen in Österreich.

Die Gesamtzahl russischer Businessleute in der Alpenrepublik wird auf tausend geschätzt. Sie machen von hier aus Geschäfte mit Aluminium, Erdgas, Düngemitteln, Holz, Glücksspiel, Immobilien. Die meisten sind keine gelernten Unternehmer, sondern Profiteure der politisch-ökonomischen Anarchie im Russland der Neunzigerjahre. Ihr Aufstieg war oft brutal.

Zu ihren Milliarden kamen sie selten mit den Methoden ordentlicher Kaufleute. Oben angekommen, streben sie nach Sicherheit und Anerkennung. Da bietet sich das kleine, stabile Österreich als Ort für Deals und als Zweitwohnsitz an.

7,4 Milliarden Euro flossen im 1. Halbjahr 2011 nach Österreich. Das wäre Platz 2 bei russischen Auslandsinvestitionen (Erster: Schweiz). Bankfachleute meinen, dass es sich dabei nicht um reale Investitionen, sondern um Finanztransaktionen handelte, Stichwort: Geldwäsche.

Die Russen kamen in vier Wellen nach Österreich: Nach der Oktoberrevolution 1917, nach dem Zweiten Weltkrieg, nach 1975, als viele Juden die damalige UdSSR verließen, und nach 1990, als die Sowjetunion kollabierte. Heute leben rund 23.000 Staatsbürger der Russischen Föderation in Österreich.

Österreich ist zugleich ein Hauptziel für Asylwerber aus Tschetschenien.

Als Touristen werden die Russen sehr geschätzt. Manche Skiorte könnten auf diese spendable Klientel nicht verzichten.

Ein Schloss am Attersee

Doch während die Feriengäste sichtbar sind, bemühen sich die Mächtigen aus Moskau um Diskretion. Der eine hat ein abgelegenes Jagdgut im Alpenvorland, der andere eine versteckte Döblinger Villa oder – wie Putins Vizepremier Igor Schuwalow – ein Schlössl am Südufer des Attersees. Mehrere Ost-Milliardäre residieren in Wien-Wieden. Dieser Bezirk gehörte 1945 bis 1955 zum russischen Sektor.

Was die Russen an Österreich schätzen, erklärt der Innsbrucker Politologe Gerhard Mangott, ein Russland-Experte: „Es gibt in beiden Ländern ein stark personalisiertes Verständnis von Politik. Die Institutionen werden weniger wichtig genommen. Das Unterfutter sind die guten Wirtschaftsbeziehungen.“

Für den russischen Energieexport ist Österreich ein Schlüsselland. Der kleine Ort Baumgarten an der March beherbergt eines der wichtigsten Gasverteilzentren.

Doch nicht nur die Russen haben Interessen in Österreich. Umgekehrt erhalten österreichische Unternehmen riesige Aufträge.

Türöffner waren illustre Persönlichkeiten wie die Skilegende Karl Schranz – der Arlberger ist Berater Putins für die Winterspiele von Sotschi, er bekam zum 70. Geburtstag den höchsten russischen Auslandsorden. Schranz betont immer, er bekomme für seine Ratschläge kein Geld. Das gilt wohl auch für die weltberühmte Sängerin Anna Netrebko, russische und österreichische Staatsbürgerin – sie wirbt aktuell für Putins Wahl.

Um die politischen und wirtschaftlichen Kontakte kümmern sich neben aktiven Regierungsmitgliedern auch ehemalige wie Ex-Innenminister Franz Löschnak (SP). Daher können russische Handelsfirmen in Wien auf großes Entgegenkommen zählen.

In Russland sind Unternehmer wie der Bauindustrielle Hans-Peter Haselsteiner massiv engagiert. Seine Strabag errichtet in Sotschi das Olympische Dorf und den Flughafenterminal. Auch Alpine, Wienerberger (Ziegel) oder Doppelmayr (Lifte) sind gut im Geschäft. Insgesamt gibt es mehr als 400 Niederlassungen österreichischer Firmen. Seit dem Jahr 2000 wurden sechs Milliarden Euro in die Expansion gesteckt.

Auffällig ist, dass es vom offiziellen Österreich nie Kritik an Moskau gibt – obwohl die Menschenrechtsverletzungen und die autoritäre „gelenkte Demokratie“ genug Anlass gäben. Aber: Wegschauen ist „part of the game“.

Das erwies sich im Fall des Ex-KGB-Offiziers Golovatov, dem ein Massaker im Baltikum angelastet wird. Er wurde 2011 in Österreich festgenommen und durfte nach 22 Stunden ausreisen. Höchste Moskauer Stellen hatten interveniert. Mangott: „Das ist die Erwartungshaltung Russlands – die Politik gestaltet sich ihr Recht.“

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Artikel Christoph Kotanko 02. März 2012 - 00:04 Uhr
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