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EU-Präsidentschaft: Bergführer auf verschlungenen Wegen zum Gipfel

Sherpas. Der Begriff aus der Bergsteigersprache bezeichnet die Spitzenbeamten, die für die Vorbereitung der Regierungstreffen verantwortlich sind. Der Sherpa von Kanzler Kurz hat Wurzeln in Oberösterreich.

Schallenberg: ambulantes Gewerbe Bild: (BMI / Alexander TUMA)

Es ist ein Hochleistungsjob mit geteiltem Renommee: Die einen halten die "Sherpas" für brave Zuarbeiter, für die anderen sind sie die mysteriösen Handwerker der Macht.

Während einer EU-Präsidentschaft sind diese hochrangigen Fachleute besonders gefragt.

Bundeskanzler Kurz hat zwei "Sherpas": Alexander Schallenberg, Leiter der Stabsstelle Strategie und Planung, Diplomat mit familiären Wurzeln im Mühlviertel, und Barbara Kaudel-Jensen, außenpolitische Beraterin von Kurz, als Grazerin Mitglied der "Steirer-Mafia" im Kanzleramt (in der Umgebung des Kanzlers arbeiten mehrere Steirerinnen und Steirer).

Schallenberg ist Kommunikationsprofi. 1997 kam er ins Außenamt und konnte dort seine Leidenschaft für den Medienbetrieb ausleben. Der Hamburger "Spiegel" schrieb über ihn: "Er füttert Kurz mit Informationshäppchen und Einschätzungen, die dieser später in die Kameras sagen kann."

Schallenberg bemerkte dazu einmal, man könne sich als Politiker für tausend Dinge engagieren, aber wenn es keiner bemerke, bringe es nichts: "Die Politik lebt davon, dass man sie verkauft."

Mehr als der Souffleur von Kurz

Doch es hieße ihn zu unterschätzen, wenn man ihn nur als Souffleur sieht. Der 48-jährige Vater von vier Kindern ist Experte für Europapolitik und hat das Talent, komplexe Sachverhalte auf den Kern zu reduzieren. Schallenberg verfügt zudem über ein EU-weites Netzwerk. Bei seiner Biografie um das ambulante Gewerbe, das er ausübt, kein Wunder: Er wurde in Bern geboren und wuchs in Indien, Spanien, Frankreich auf – die Botschafterstationen seines Vaters.

Seinen ersten Auslandsposten hatte er an Österreichs Vertretung bei der EU in Brüssel. Auch als Sprecher von Ursula Plassnik und Michael Spindelegger war er ständig unterwegs.

Als Bergführer zu den EU-Gipfeln erlebt Schallenberg derzeit die extrem angespannte Stimmung in der Union. Der EU-Vorsitz erhält erhöhte Aufmerksamkeit.

Dafür gibt es zwei Gründe: Die Regierungsbeteiligung der FPÖ, wobei Äußerungen wie jene von Harald Vilimsky über Jean-Claude Juncker oder die FPÖ-Einladung für den rechtsradikalen Italo-Minister Matteo Salvini nach Wels viele Vorurteile bestätigen; zweitens die drängenden Sachfragen wie den Brexit, das langfristige EU-Budget und die Migration.

Zunehmend bemerkbar macht sich der Wahlkampf für das EU-Parlament.

Auf den Österreichern lastet ein enormer Druck, alle brennenden Themen abzuarbeiten – was in vielen Fällen völlig illusorisch ist.

Eine wesentliche Aufgabe von Schallenberg und seiner Kollegin Kaudel-Jensen ist daher das Management der Erwartungen. "Wir werden so weit kommen, wie wir können", heißt es im Kanzleramt.

Abhängig von den Briten

Ein chinesischer Fluch besagt, man möge in interessanten Zeiten leben. Um das Problembündel, das in der EU zu stemmen ist, beneidet Kurz und seine Leute niemand.

Beim Brexit z. B. ist man vom Verstand und vom Vorgehen der Briten abhängig. Die Ratspräsidentschaft muss hoffen, dass ihr Premierministerin Theresa May als Gesprächspartnerin erhalten bleibt.

Als Österreich den Vorsitz übernahm, schien eine Migrations-Präsidentschaft vorgezeichnet. Jetzt wird der Brexit heiß. Den Ausgang müssen die Sherpas und EU-Chefverhandler Michel Barnier erst finden.

 

Ahnen im Mühlviertel

Ahnen im Mühlviertel

Auf einer Felskuppe hoch über der Großen Mühl (Gemeinde Kleinzell, Bezirk Rohrbrach) befindet sich die Ruine Schallenberg. Die Burg wurde 1231 erbaut und diente den ansässigen Raubrittern zur Kontrolle der Handelswege.

1260 wird der erste Schallenberger urkundlich erwähnt. Im Familienbesitz war das Anwesen bis 1660. Die Familiengruft ist in der Friedhofskapelle in Niederwaldkirchen. 1636 wurden die Schallenberger Freiherrn, 1666 Reichsgrafen.

1440 zerstörten die Hussiten die Burg. Heute sind nur noch Reste der Anlage erkennbar. Sie ist seit 1982 wieder im Besitz der Familie Schallenberg.

Bekannte Familienmitglieder sind Christoph von Schallenberg (1561–1597), "Regent der niederösterreichischen Lande", Kommandant der Donauflotte; der Dichter Georg Christoph von Schallenberg (1593–1657), "Oberstkommissar" in Österreich ob der Enns; Leopold Christoph Graf von Schallenberg (1712– 1800), nö. Landmarschall, Freimaurer auf Schloss Rosenau; Wolfgang Schallenberg, u. a. Generalsekretär im Außenministerium – in der Funktion folgte er Thomas Klestil nach.

 

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Artikel Christoph Kotanko 10. August 2018 - 00:04 Uhr
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