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Die Lehren der Macht: Wie sich die Kurz-Promis im Nationalrat schlagen

WIEN. Klubordnung: Sie waren bekannte Solotänzer, wurden vom ÖVP-Chef persönlich ins Parlament gelotst – und suchen ihre Rolle in der türkisen Fraktion. Dort lernen sie nun die Tücken des Polit-Geschäfts kennen.

Opernball-Lady Großbauer: „Man darf sich nicht fürchten“ Bild: APA/ROLAND SCHLAGER

Die Aufregung war groß, als die OÖN im Mai des Vorjahres berichteten, Sebastian Kurz angle nach dem Ex-Grünen Efgani Dönmez. Zuerst gab es ein halbes Dementi, dann die volle Bestätigung.

Der Linzer Sozialarbeiter erhielt Platz 5 auf der Bundesliste und damit ein sicheres Mandat. Seit 9. November ist er einer von 62 Nationalratsabgeordneten im VP-Klub.

Dönmez (er bezieht wie jeder Abgeordnete 14 Mal im Jahr 8756 Euro brutto) tut sich leicht. Sein Fachgebiet ist Asyl und Migration – das Leibthema des Kanzlers. Damit ist er oft "gesetzt", so auch diese Woche bei der Budgetdebatte. In seiner Rede beteuerte er, bei der Integration spare man nicht, es werde weiterhin flächendeckende Deutsch- und Wertekurse geben.

Dönmez war ab 2008 für die Grünen im Bundesrat, er kennt daher das Polit-Geschäft. Für die anderen Kurz-Promis gilt das nicht.

Rudolf Taschner ist Universitätsprofessor, die "Presse" nannte ihn "Marcel Prawy der Mathematik". Mit Problemen beim Umstieg hatte er nicht gerechnet, doch heute weiß er: "Die Mathematik ist einfacher zu lernen als die Politik."

Enttäuschte Alpha-Tiere

Der selbstbewusste Quereinsteiger hat sich im Klub unterzuordnen. Auch für ihn gilt, was Werner Zögernitz vom Institut für Parlamentarismus über die namhaften Newcomer sagt: "Jeder dieser Mandatare war früher ein Alpha-Tier, jetzt ist er einer von 183. Das ist für sie möglicherweise etwas enttäuschend. Aber sie wurden ja nicht wegen ihrer persönlichen Fähigkeiten gewählt, sondern weil sie auf der Liste oben standen."

Wobei es Abgeordnete, die über die Bundesliste ins Hohe Haus zogen, leichter haben als regionale Kandidaten: Erstere sind allein dem Bundesparteichef verpflichtet, "jene auf der Landesliste dienen zwei Herren – dem Bund und der Landespartei" (Zögernitz).

Auf dem Kurz-Ticket kamen neben Dönmez und Taschner auch Opernball-Organisatorin Maria Großbauer, der Wiener Polizeichef Karl Mahrer, die Programmchefin des ORF Burgenland, Gaby Schwarz, die ehemalige Stabhochspringerin Kira Grünberg aus Tirol und der Psychoanalytiker Martin Engelberg zu ihrem Mandat.

Klubchef August Wöginger ist mit ihnen hochzufrieden, "alle Neuen machen einen hervorragenden Job, sie sind fleißig, motiviert, teamfähig". Bei einem "Team-Building" in Bad Ischl wurde der Gemeinschaftsgeist gestärkt.

Öffentliche Aufgabe und Privatberuf zu vereinen, ist freilich nicht immer leicht. "Mein Arbeitskalender war in den vergangenen Jahren ganz nach mir ausgerichtet, jetzt ist das anders", sagt Martin Engelberg, der als Unternehmensberater erfolgreich ist. "Früher habe ich alles von langer Hand geplant, jetzt gibt es Sitzungen, die aufpoppen oder abgesagt werden. Da braucht man eine Beweglichkeit, die mir Spaß macht. Ich bin reif genug, mich einzugliedern."

Auch Großbauer sagt, sie habe sich an "die Usancen gewöhnen müssen. Das war spannend, teilweise amüsant. Bei der ersten Rede war ich aufgeregt, aber man darf sich nicht fürchten – da wäre das Parlament der falsche Ort."

Gaby Schwarz war neben ihrem ORF-Job Leiterin der Rotkreuz-Krisenintervention im Burgenland. Da kann sie eine Parlamentsdebatte nicht schrecken, "ich bin es gewohnt, mich schnell in neue Situationen hineinzufinden".

Feuertaufe beim Rauchverbot

Als Gesundheitssprecherin hatte sie ihre Feuertaufe beim Rauchverbot. Sie selbst hat sich das Qualmen längst abgewöhnt. Trotzdem hält sie beim Rauchen die Klublinie. Sie habe auch als Führungskraft im ORF "oft Kompromisse vertreten, die ich als Gaby Schwarz vielleicht anders gesehen habe. Als Teil des Teams trage ich die Entscheidungen mit."

Auch gestern bei der Budgetdebatte hatte sie wieder einen Auftritt im Plenum. Den Wechsel aus dem Journalismus in die Politik hat die Tochter des früheren Bürgermeisters von Eisenstadt "noch keinen einzigen Tag bereut".

Überfordert wirkt Kira Grünberg. Die Behindertensprecherin, querschnittgelähmt seit 2015, ist trotz aktueller Sozialthemen (AUVA etc.) nicht präsent. Die "Tiroler Tageszeitung" schrieb schon vom "gesteuerten Schweigen".

Landeshauptmann Günther Platter würde ein Machtwort sprechen. Doch über die Politikerin Grünberg entscheidet Kurz allein.

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Artikel Christoph Kotanko 20. April 2018 - 00:04 Uhr
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