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Kremsmünster: Alles nur Sex & Crime?

Die im Internat des Stiftes Kremsmünster aufgedeckten Missbrauchs- und Gewaltfälle scheinen die journalistische Lust an derartigem "Sex-Horror" anzuheizen – diesen Eindruck erweckt jedenfalls ein neuer Bericht in einem österreichischen Wochenmagazin.

Wer wie ich acht Jahre in diesem Internat war, weiß, wovon er redet: Ja, es gab auch in unserem Jahrgang sexuelle und gewalttätige Übergriffe. Nicht Betroffene wie ich haben das zwar "irgendwie" gewusst: "wirklich wissen" hätte geheißen, es ohne Peinlichkeit und Rücksichtnahme auf Opfer wahrnehmen und sagen zu können. Man kennt diese Dynamik aus Peinlichkeit, Scham und diffusem Unbehagen aus derartigen Traumatisierungen in autoritären Institutionen zur Genüge. Deshalb ist die Veröffentlichung solcher Missstände wie im Jahr 2010 wichtig. Ein Mail-Wechsel unter Klassenkollegen legte dann nach 40 Jahren (!) offen, was Einzelnen zugestoßen war.

Im "Profil" jedoch werden diese Ereignisse höchst tendenziös geschildert: wer das Internat als "Nachkriegs-KZ" und "Vernichtungslager für Kinderseelen" beschreibt, betreibt Geschichtsklitterung und eine unerhörte Verhöhnung der Holocaust-Opfer. Dass "ein pädophiler, schwer bewaffneter Mönch … an der Spitze eines "sadistischen Regimes" gestanden hätte, erzeugt eine nicht der Realität entsprechende Wildwest-Atmosphäre, als ob dieser Herr bis an die Zähne bewaffnet durch das Internat gegeistert wäre! Und ob "ein System sadistischer Gewalt … uns als Kleinkinder zu Hunderten kaputtgemacht hat", darf von der Fallzahl, die eigentlich ja keine Rolle spielt (jeder Einzelne ist einer zu viel), ebenfalls bezweifelt werden. Die Behauptung von Gewaltritualen schließlich, die "an Hinrichtungen" erinnerten, macht das Ganze vollends zur Schmieren-Komödie.

Ja, es gab Patres mit gewalttätigen Ausbrüchen, infolge derer es nach Ohrfeigen zu Trommel-fellverletzungen kam, zu Beulen am Kopf wegen nachgeworfener schwerer Schlüsselbünde; Patres, die sich pervers belustigten, wenn Größere Kleinere Spießrutenlaufen ließen schlimm genug! Aber es war kein "besinnungsloses Gewaltregime", sondern eine höchst widersprüchliche Atmosphäre: dieselben Patres konnten, was ja für diese Täter typisch ist, auch nett und jovial sein und mancher hatte seine "Lieblinge", ohne sie sexuell zu missbrauchen.

Gänzlich überzogen ist auch die Schilderung einer "Drohung", dass dieser Pater "seine Pump-gun holen werde, wenn zum Beispiel im Chor jemand falsch gesungen hat … Er sagte, eine Notschlachtung steht an". Ich war während sieben von acht Jahren in diesem Chor; solche Sprüche mögen aus tollpatschigem Humor gefallen sein – ernsthaft "bedroht" hat sich dadurch niemand gefühlt.

In den Internet-Blogs zu Kremsmünster war dann auch von ehemaligen Schülern zu lesen, die diese Enthüllungen anzweifelten und ihre Vergangenheit nicht in diesem Licht sehen konnten, die sogar sehr gern im Internat waren. Es ist also alles andere als eindeutig, was Einzelne hier erlebt haben.

Verharmlosung versus Horrorlust?

Nun höre ich schon den Vorwurf der Verharmlosung des Geschehenen was beileibe nicht meine Absicht ist. Ich will dagegen darauf hinweisen, dass sexueller Missbrauch und  körperliche Gewalt in der Pädagogik meist nicht so trampelnd daherkommen, sondern verführerischer, widersprüchlicher und nur in den seltensten Fällen mit lautem Getöse. Die wörtlichen Aussagen der Opfer selbst sind denn auch viel differenzierter und weisen zu Recht auf Familienprobleme, auf Scheidungsfolgen, eine schwere Kindheit usw. hin, weswegen manches der Opfer von der Nähe eines zunächst wohlwollend scheinenden Paters leichter verführbar war.

Viele aus unseren Jahrgängen haben offenbar auch Anderes als der Horror-Berichterstatter, der über Kremsmünster "niemals ein gutes Wort verlieren“ könne, erlebt. Es gab auch die Gemeinschaft, den Sport, das Schultheater, die Blasmusik, das Orchester (auch von diesem Pater geleitet), rauschige Stiftsschank-Besuche, verstohlene Annäherungen an Mädels aus dem Ort, lehrreiche Anti-Koreakrieg-Aktionen u.a.m. Und es gab auch einzelne Lehrer, die manchen von uns eine humanistische Bildung vermittelten, von der diese Gesellschaft eigentlich mehr bräuchte.

Der ganz reale Wahnsinn

Erst all diese Facetten ergeben ein realistisches Bild, das dem Diffusen und Widersprüchlichen Rechnung trägt. Nicht vergessen werden darf die Verantwortungslosigkeit, pädagogisch völlig unausgebildeten jungen Mönchen die Aufsicht über 40 und mehr Heranwachsende zu übertragen, wissen wir doch, wie sich Pädophile Tätigkeitsfelder suchen, in denen sie ihre versteckten Nöte ausleben können.

Diese Relativierungen entschuldigen aber NICHTS von dem Geschehenen, das aufs Schärfste zu verurteilen und zu verfolgen ist. Unser Klassenkollege, Abt P. Ambros Ebhart, hat aus meiner Sicht prompt und radikal auf die Vorkommnisse reagiert: es waren auch seine eigenen Erzieher, die er nun zu disziplinieren hatte – keine leichte Sache, wie überhaupt die Aufarbeitung des Geschehenen, wie sich nun zeigt, keine leichte Sache ist.


Univ.Prof. Dr. Josef Christian Aigner, Psychoanalytiker und Psychotherapeut, ist Professor für Psychoanalytische Pädagogik und Psychosoziale Arbeit an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck.
 

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Artikel Josef Christian Aigner 19. März 2012 - 17:32 Uhr
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