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Lehren aus der Geschichte

Die Erinnerung an die "Achterjahre" des 20. Jahrhunderts hat immer wieder die Frage nach den Lehren aus der Geschichte provoziert.

Erwartet werden dabei meist Rezepte zur "Zukunftsbewältigung". Derlei Lehren beruhen dann leider meist auf sehr vordergründigen Analogieschlüssen. Die Demokratie mag immer wieder ihren Anfechtungen ausgesetzt sein (so konnte man in aufgeklärten Kreisen jüngst ab und zu die Meinung vernehmen, mehr oder weniger ernst gemeint, gewisse Leute sollte man eben besser doch nicht wählen lassen).

Die Gefahr totalitärer Systeme mag sich angesichts der Kontrollmechanismen, die neue Technologien möglich machen, in Zukunft ganz neu stellen. Doch sie wird kaum leicht erkennbar in Gestalt von SA oder Roten Garden auf uns zukommen, mit Stukas oder T34, die mit einem "Nie wieder!" zu bannen wären. Auch Finanzkrisen haben damals und heute vielleicht das eine gemeinsam, dass sie über Nacht auftauchen und in einem Tempo nach Entscheidungen verlangen, das verantwortungsbewusste Politiker regelmäßig überfordert.

Aber damit ist noch lange nicht gesagt, dass sich aus der CA-Krise 1931 irgendwelche Rezepte für die Euro-Rettung ableiten lassen.

Im Rahmen einer Diskussion bei den OÖN zu Beginn des Jahres habe ich mir deshalb die bewusste Provokation erlaubt, den großen Unterschied zwischen der Ersten und der Zweiten Republik, die "Lehren aus der Geschichte", auf den Nenner zu bringen, die Österreicher hätten es nach 1945 verstanden, sich "opportunistischer" zu benehmen als nach 1918, sprich: sie hätten adäquat auf das Anreizsystem ihrer Umwelt reagiert – und seien dafür mit einer beispiellosen Erfolgsgeschichte belohnt worden. Das wäre, so dachte ich, außerdem nun wirklich eine Lehre, die zwar immer noch recht allgemein ausfällt, die man aber bedenkenlos empfehlen könne: die Realität zur Kenntnis nehmen und das Beste daraus machen. Die Provokation ist aufgegangen: Denn es war kurios zu bemerken, wie sehr in vielen Zeitgenossen offenbar ein Verlangen nach Pathos und heroischen Sinnstiftungen schlummert, das nicht unterschätzt werden sollte.

Vernünftig zu handeln wird nicht etwa als Kompliment wahrgenommen, sondern als etwas Anrüchiges, nicht hinreichend Tugendhaftes – gerade bei Leuten, die sich gern auf die Aufklärung berufen, das "Zeitalter der Vernunft". Man will liebgewordene Legenden und Sprachregelungen aus Dezennien von Sonntagsreden lieber nicht hinterfragen, auch wenn diverse einschlägige Topoi wie der "Geist der Lagerstraße" von Historikern aller Couleurs längst "dekonstruiert" und zurechtgestutzt worden sind. So viel Romantik hätte ich manchen hartgesottenen Politikern gar nicht zugetraut. Man lernt eben nie aus...

 

Lothar Höbelt ist Historiker und Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wien.

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Artikel Lothar Höbelt 04. Dezember 2018 - 00:04 Uhr
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