Archiv | ePaper | Digital
 |  A A A
Samstag, 20. April 2019, 22:30 Uhr

Linz: 15°C Ort wählen »
 
Samstag, 20. April 2019, 22:30 Uhr mehr Wetter »
Startseite  > Meinung  > Die Sicht der Anderen

Lehren aus der Geschichte

Die Erinnerung an die "Achterjahre" des 20. Jahrhunderts hat immer wieder die Frage nach den Lehren aus der Geschichte provoziert.

Erwartet werden dabei meist Rezepte zur "Zukunftsbewältigung". Derlei Lehren beruhen dann leider meist auf sehr vordergründigen Analogieschlüssen. Die Demokratie mag immer wieder ihren Anfechtungen ausgesetzt sein (so konnte man in aufgeklärten Kreisen jüngst ab und zu die Meinung vernehmen, mehr oder weniger ernst gemeint, gewisse Leute sollte man eben besser doch nicht wählen lassen).

Die Gefahr totalitärer Systeme mag sich angesichts der Kontrollmechanismen, die neue Technologien möglich machen, in Zukunft ganz neu stellen. Doch sie wird kaum leicht erkennbar in Gestalt von SA oder Roten Garden auf uns zukommen, mit Stukas oder T34, die mit einem "Nie wieder!" zu bannen wären. Auch Finanzkrisen haben damals und heute vielleicht das eine gemeinsam, dass sie über Nacht auftauchen und in einem Tempo nach Entscheidungen verlangen, das verantwortungsbewusste Politiker regelmäßig überfordert.

Aber damit ist noch lange nicht gesagt, dass sich aus der CA-Krise 1931 irgendwelche Rezepte für die Euro-Rettung ableiten lassen.

Im Rahmen einer Diskussion bei den OÖN zu Beginn des Jahres habe ich mir deshalb die bewusste Provokation erlaubt, den großen Unterschied zwischen der Ersten und der Zweiten Republik, die "Lehren aus der Geschichte", auf den Nenner zu bringen, die Österreicher hätten es nach 1945 verstanden, sich "opportunistischer" zu benehmen als nach 1918, sprich: sie hätten adäquat auf das Anreizsystem ihrer Umwelt reagiert – und seien dafür mit einer beispiellosen Erfolgsgeschichte belohnt worden. Das wäre, so dachte ich, außerdem nun wirklich eine Lehre, die zwar immer noch recht allgemein ausfällt, die man aber bedenkenlos empfehlen könne: die Realität zur Kenntnis nehmen und das Beste daraus machen. Die Provokation ist aufgegangen: Denn es war kurios zu bemerken, wie sehr in vielen Zeitgenossen offenbar ein Verlangen nach Pathos und heroischen Sinnstiftungen schlummert, das nicht unterschätzt werden sollte.

Vernünftig zu handeln wird nicht etwa als Kompliment wahrgenommen, sondern als etwas Anrüchiges, nicht hinreichend Tugendhaftes – gerade bei Leuten, die sich gern auf die Aufklärung berufen, das "Zeitalter der Vernunft". Man will liebgewordene Legenden und Sprachregelungen aus Dezennien von Sonntagsreden lieber nicht hinterfragen, auch wenn diverse einschlägige Topoi wie der "Geist der Lagerstraße" von Historikern aller Couleurs längst "dekonstruiert" und zurechtgestutzt worden sind. So viel Romantik hätte ich manchen hartgesottenen Politikern gar nicht zugetraut. Man lernt eben nie aus...

 

Lothar Höbelt ist Historiker und Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wien.

Kommentare anzeigen »
Artikel Lothar Höbelt 04. Dezember 2018 - 00:04 Uhr
Mehr Die Sicht der Anderen

Grüne an der Macht: Innsbrucker Vorstoß für eine Querulantenhürde

Kaum hat ein Grüner es zum Bürgermeister geschafft, schon baut er Bollwerke gegen Kleinstparteien.

Wo lebt man glücklich auf dieser Welt?

Das Glücksgefühl drückt zweifellos vor allem das persönliche Wohlbefinden aus.

Stundenlohn von 1,50 Euro - ein bewusstes Zeichen für Wertlosigkeit

Jener Minister, der Österreichs Innenpolitik mit der Affäre im Bundesamt für Verfassungsschutz und ...

Die AK-Wahl ist ein mehrfacher Lichtblick

Die AK-Wahlen sind vorbei und haben in Oberösterreich für die FSG (Fraktion Sozialdemokratischer ...

Das große N: 70 Jahre NATO

Am 4. April 1949 wurde die NATO (North Atlantic Treaty Organization) gegründet.
Meistgelesen   mehr »
Weitere Meldungen
OÖNachrichten auf Facebook OÖNachrichten auf Twitter OÖNachrichten auf Google+ OÖNachrichten RSS