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Gesichter, Gesichter, überall Gesichter

Wir Menschen haben eine große Gabe, Gesichter zu erkennen. Wir erkennen diese nicht nur dort, wo tatsächlich welche sind, also in der Regel auf Hälsen, sondern auch dort, wo eigentlich keine sind, also zum Beispiel in Wolkenformationen, Astlöchern oder Wurstbroten.

Vielleicht erinnern Sie sich an die Geschichte einer Toast-Esserin aus Florida, die in den gebräunten Stellen ihres Käsetoasts das Antlitz der Jungfrau Maria sah und das angebissene fromme Brot später für 28.000 Dollar auf eBay versteigerte.

Pareidolie lautet der Fachbegriff für dieses Phänomen. Hinter der Wahrnehmung von Gesichtern, die gar nicht da sind, steckt eine Art Autovervollständigungsfunktion unseres Gehirns, die fast jedem schon einmal einen Streich gespielt hat. Falls Sie den Virgin-Mary-Toast zwischenzeitlich also gegoogelt und die Gottesmutter darauf ebenfalls ganz klar erkannt haben, müssen Sie sich um Ihre kognitive Fitness nicht sorgen: Alles ganz normal, Sie sind nicht allein.

Halb Amerika scheint derzeit etwa eine Trump-Pareidolie zu plagen. Im Internet tauchen täglich Fotos von Gemüsen, Verpackungen oder Besen auf, die dem amtierenden Präsidenten frappant ähneln. Und, was soll man sagen, evolutionspsychologisch macht der Effekt durchaus Sinn. Ein Feind mehr erspäht, wo keiner ist, war schon in der Urzeit durchschnittlich gesünder, als einen zu wenig gesehen zu haben.

Im Jahr 2018 obliegt die Erkennung von Gesichtern freilich nicht mehr nur uns Säugetieren, sondern auch Computern. In China, wo an jeder Straßenecke Kameras hängen und das Verhalten von Fußgängern mittels Bildanalyse-Software auf Regeltreue kontrolliert wird, folgen diese Computer aber scheinbar der gleichen Logik wie der Mensch: Lieber einer zu viel als einer zu wenig.

Die prominente Geschäftsfrau Dong Mingzhu etwa wurde kürzlich öffentlich als gesetzlos angeprangert – nur weil ein Face-Tracking-Algorithmus in einem Werbebild, das seitlich auf einem fahrenden Bus angebracht war, gerade dann die echte Frau Dong zu erkennen meinte, als die Ampel für Fußgänger Rot zeigte. Tja. In China können einem derartige Programme aber noch ganz andere Probleme bereiten. WC-Papier-Spender in manchen öffentlichen Toiletten spucken dort nämlich auch nur mehr nach erfolgreicher Gesichtserkennung etwas aus. Erst wessen Augen, Nase und Mund erfasst wurden, bekommt exakt 60 Zentimeter von der Rolle.

Zum Test sollte man einer solchen Klopapiermaschine am besten einmal einen verbrannten Toast vor die Kamera halten. Computer sind schließlich auch nicht vor Pareidolie gefeit und wer weiß: Vielleicht erkennt der Algorithmus die heilige Maria und teilt eine gesegnete Extraportion aus.

 

Martina Mara ist Professorin für Roboterpsychologie an der JKU. E-Mail: mara@nachrichten.at

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Artikel Martina Mara 24. November 2018 - 00:04 Uhr
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