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Der Frauen Liebe und Leben

Der Klappentext zu Bettina Balàkas neuem Roman „Kassiopeia“ erweckt den Anschein, als hätten wir es vor allem mit einer Liebesgeschichte zu tun.

Der Frauen Liebe und Leben

Autorin Bettina Balàka erzählt in ihrem neuen Roman „Kassiopeia“ über Lebensglück und Freiheit. Bild: Frank Helmrich

Markus Bachgraben, ein etwas orientierungsloser Langzeitstudent, hat mit dem Roman „Kassiopeia“ debütiert, Judit Kalman hat das Buch gelesen und daraus Trost in solch ungewöhnlichem Ausmaß bezogen, dass sie unbedingt den Autor kennenlernen will.

Das gelingt ihr auch, die Begegnung führt ohne Umwege zu einer gemeinsamen Nacht. So flott die Beziehung von Judit und Markus in Bewegung geraten ist, so abrupt kommt sie aber wieder zum Stillstand. Hat Markus das Interesse verloren? Judit ist jedenfalls nicht der Typ Frau, der sich schnell abschütteln lässt. Auf raffinierte Weise nimmt sie im Leben des Schriftstellers Platz, findet heraus, dass sein Schaffensprozess nach „Kassiopeia“ ins Stocken geraten ist, dass es um seine Finanzen alles andere als gut steht – und dass er im Juli in Venedig eine Autorenwohnung beziehen wird (die es übrigens wirklich gibt).

Judit reist ihm nach und führt den „Zufall“ herbei, Markus Bachgraben zu begegnen. Nun folgt eine originell erzählte Geschichte von Annäherung und Distanzierung, deren Hintergründe und deren Ausgang hier unerwähnt bleiben müssen, um dem Buch nicht die von Bettina Balàka klug aufgebaute Spannung zu stehlen. Das Risiko, ausgerechnet Venedig als Schauplatz zu wählen, endet gut, weil sich Balàka mit Raumatmosphärischem gar nicht lange herumquält. Diese Liebesgeschichte, auf die der Klappentext den Fokus legt, bildet aber nur einen Teil der Romanhandlung und, wie ich finde, nicht einmal den wichtigsten.

Eine Frage der Vorliebe

Judit Kalman ist die Zentralfigur dieses Buchs, das in erster Linie Entwicklungs- und Familienroman ist. Judit stammt aus dem reichen Salzburger Großbürgertum, ihr Vater Franz Kalman ist ein erfolgreicher Bauunternehmer, und er hat wohl recht, wenn er sagt, dass er seinen Töchtern Judit und Katalin durch Geld völlige Gestaltungsfreiheit für ihr Leben gesichert habe. Ob sie heiraten oder nicht, Kinder bekommen oder nicht, arbeiten oder nicht, ist eine Frage der persönlichen Vorliebe. Der Familienbesitz ermöglicht vieles, das Lebensglück kann dadurch nicht garantiert werden. So viel Gerechtigkeit muss sein.

Bettina Balàka hat in ihren Roman eine Menge Leben hineingepackt. Der Familienroman ist prädestiniert für stoffliche Fülle, aber Baláka begnügt sich nicht mit Judits Familie. Da gibt es auch Judits Freundin, die Galeristin Erika, die natürlich auch eine Familiengeschichte hat, und auch Markus kommt aus einer Familie, von der man einiges erzählen kann. Eines ist dieses Buch ganz sicher nicht: langweilig. (Einwenden könnte man nur, dass etwas weniger vielleicht etwas mehr gewesen wäre.)

Bettina Balàka beherrscht das episodische Erzählen, den Bau von Spannungsbögen, ganz hervorragend. Sie ist eine lebenskluge Autorin, die ihre Figuren ziemlich gut durchschaut, und sie ist eine Autorin mit Humor, die besonders dann, wenn das Pathos seine glanzvollen Auftritte feiern will, mit wunderbar ernüchternder Ironie erleichternde Distanz schafft.

 

Das Buch: Bettina Balàka: „Kassiopeia“. Roman, Haymon Verlag, 340 Seiten, 22,90 Euro

OÖN-Bewertung: Fünf von sechs Sternen

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Artikel Christian Schacherreiter 04. April 2012 - 00:04 Uhr
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