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Wilfried Lipp: Das eigentliche Denkmal ist der Mensch

Wilfried Lipp, Universitätsprofessor, Doktor der Kunstgeschichte. Seit wenigen Wochen emeritierter Landes-Conservator. Überdies ein äußerst interessanter Mensch. Und ein feiner Genosse der schönen Künste.

Das eigentliche Denkmal ist der Mensch

Die Pose des Denkers kommt nicht von ungefähr. Wilfried Lipp kreuzt mit seinen Gedanken über die Weltmeere des Wissens und des Seins. Bild: privat

OÖN: Sie tragen eine rote Hose. Schnürlsamt,wie man früher zu sagen pflegte. Ihre Schuhe sind selbstverständlich handgefertigt, zartes Leder, über den Knöchel zieht sich ein Reißverschluss. Herr Lipp: Sind Sie eitel?

Lipp: Natürlich bin ich eitel. Ansonsten würde man ja vergammeln. Es geht schon darum, eine unerschrockene Form der Eleganz zu zeigen. Das hat aber nicht nur etwas mit den Schuhen zu tun. Ich komme aus einer bürgerlichen Familie. Mein Vater war Chef des Landesmuseums, des „Francisco Carolinum“, meine Mutter promovierte Gymnasiallehrerin. Das prägt. Und es macht Freude, einen besonderen Stil zu bewahren.

OÖN: So gesehen mussten Sie Landes-Conservator werden?

Lipp: Nein, Unfug. Ursprünglich war mein Berufsziel Architekt. Dann öffneten sich andere Wege. Ich bin glücklich, die gehen zu dürfen.

OÖN: Der erste Landes-Conservator hieß Adalbert Stifter. Ist er für Sie ein Vorbild?

Lipp: Er ist nicht maßgebend für mein Leben, aber für meinen Beruf. Mit Stifters Ideen habe ich mich ausführlich beschäftigt.

OÖN: Sie sind seit 2002 Chef von ICOMOS Österreich und seit gut einem Jahr der Vizepräsident von ICOMOS International. (International Council of Monuments and Sites) Was bedeutet das?

Lipp: ICOMOS ist die erste Gutachterinstanz für alle Fragen des UNESCO-Weltkulturerbes. Rund 10.000 Experten arbeiten in diesem Bereich. An der Spitze dieser Organisation zu stehen, ist eine große Ehre und Herausforderung.

OÖN: Sie gelten für manche als überheblich und wahrscheinlich wissen Sie nicht, wie Ihre Friseurin heißt?

Lipp: Ich besuche meine Friseurin in Asten nur zwei oder dreimal im Jahr. Aber ich weiß nicht, wie sie heißt. Ich hoffe, sie ist mir deshalb nicht böse. Ihr Schnitt ist aber sehr fein.

OÖN: Sie sind sehr ungeduldig?

Lipp: Ich will eben etwas weiterbringen, ich habe schnell den Durchblick.

OÖN: Als das Thema Hallstatt, also die Unterschutzstellung des gesamten Ortes, breit diskutiert worden ist, wurde der Denkmalschutz insgesamt in Frage gestellt. Dabei kann es Ihnen doch nicht besonders gut gegangen sein. Wie sehr hat Sie das berührt?

Lipp: Also, ich bin keine Mimose. Natürlich trifft es mich, wenn man mich unter der Gürtellinie angreift. Prinzipiell sehe ich derartige Auseinandersetzungen sportlich. Aber freilich ärgert es mich, wenn derlei Debatten an der Sache vorbeigehen. Die Begleitumstände waren nicht erfreulich.

OÖN: Was ist Denkmalschutz?

Lipp: Denkmalschutz ist eine Kulturidee. Es geht darum, was den Menschen wichtig ist zu erhalten. Jedenfalls: Das Schöne und das Denkmal sind nicht immer ident. Es geht um die Frage des Bewahrens wichtiger Zeitdokumente. Es gibt auch das ungewollte Denkmal, wie beispielsweise Mauthausen. Darüber hinaus gibt es ein kniffliges Problem: Alles geht heute wirtschaftlich immer schneller, verliert bald an Nutzen, kommt aus der Mode, auch in der Architektur, nichts ist mehr auf Dauer angelegt. Darüber sollten wir nachdenken.

OÖN: Auf welchen Tag freuen Sie sich?

Lipp: Ich bin licht- und sonnenabhängig. Also freue ich mich auf den 21. Dezember. Dann geht es wieder aufwärts.

OÖN: Was bedeutet Ihr Leben?

Lipp: Selbstverständlich stelle ich mir diese Relevanzfrage. Was bedeutet mein Leben vor dem Spiegel der Vergangenheit? Diese Frage muss man sich auch als Kulturhistoriker stellen. Was bedeuten wir vor der Vergangenheit, ja, das ist eine ungewöhnliche Frage. Was haben wir geleistet? Gemessen wird man ja an seinen Taten und nicht an dem, was man vielleicht künftig vorhat.

OÖN: Welchen Roman lesen Sie besonders gerne?

Lipp: Da komme ich jetzt wieder auf Stifter zurück. Sein „Nachsommer“ bedeutet mir sehr viel. Und darüber hinaus seine Ideenwelt. Die denkmalhafte Bewahrung, die Stifters Leben und Werk so nachhaltig, ja fast ausschließlich, bestimmt, zielt auf den Menschen. Stifters Denkmalbewusstsein motiviert die Sorge um die Schutzbedürftigkeit der menschlichen Existenz. Stifter beharrte auf der absoluten Notwendigkeit der Kunst und auf deren „Heiligkeit“. Nur das Fanum der Kunst vermag vor dem Profanen der riskierten Existenz zu schützen. Hinter allen Bewahrungsritualen steht Stifters eigentliches Denkmal: der Mensch.

OÖN: Wie wird man LandesConservator?

Lipp: Den Beruf kann man als solchen nicht erlernen, dafür gibt es keine spezielle Ausbildung. In vielerlei Hinsicht war ich Autodidakt. Aber tief in meinem Herzen wusste ich immer, dass es in diese Richtung gehen muss. Selbstverständlich wurde ich durch meinen Vater inspiriert: Die Exponate im Landesmuseum, der Geruch, das Licht in den Räumen, aber auch das verwoben Schummrige haben mich sehr fasziniert. Es war eine andere Welt, die sich über das Gewöhnliche des Alltages hinwegzog.

OÖN: Sie haben ein bemerkenswertes Buch „Über die Kultur des Bewahrens“ verfasst. Darin schreiben Sie unter anderem: „Das Denkmal ist ein Kind der Zeit“. Was wird aus diesen Denkmalen in modernen Zeiten?

Lipp: Die immer schnellere Zeit hinterlässt mehr Denkmale. Der Selektions- und Filterungsprozess läuft auf Hochtouren und er setzt sich in beständig verkürzender Folge fort.

OÖN: Auf Ihrem Schreibtisch liegen einige Exemplare dicker deutscher Tageszeitungen, daneben ein Schreibblock und ein Bleistift. Sind das auch Denkmale?

Lipp: Konsequent weitergedacht könnte man das so sehen. Zeitungen sind Erinnerungsspeicher. Bleistifte etwas Gravierendes.

OÖN: Hat der Begriff Denkmalpfleger etwas mit einem Krankenpfleger zu tun?

Lipp: Der Begriff des Denkmalpflegers ist ambivalent, aber auch positiv konnotiert. Die heutige Gesellschaft hat Probleme mit dem Kranksein, mit dem „Nicht-Perfekt-Sein“. Da ergibt sich eine bedrohliche Schieflage. Es geht darum, Bewusstsein für unsere Werte zu schaffen, für unser kulturelles Fundament.

OÖN: Herr Lipp, wie klein ist Ihr Herz?

Lipp: Wenn Sie mich so fragen: Mein Herz ist sehr groß. Und jetzt wird mir gleich ganz heiß. Die Frage erwärmt mich. Normalerweise friere ich nämlich leicht.

OÖN: Sie sind seit 1. November 2010 in Pension, ,Landes-Conservator waren Sie seit 1992. Besteht die Gefahr, dass Ihnen fad wird?

Lipp: Ich bin durch meine internationalen Tätigkeiten so vernetzt, dass ich mir über freie Zeit keine Sorgen machen muss,

OÖN: Welches Auto würden Sie gerne fahren?

Lipp: Also, der Wagen sollte rote Ledersitze haben so wie Ihrer. Aber ich bin mit meinem Lancia zufrieden. Der braucht nicht allzu viel Sprit. Das ist wichtig, weil ich pro Jahr auf rund 40.000 Straßenkilometer komme.

OÖN: Stifter war von 1853 bis 1865 Landes-Conservator. Sein Posten wurde nicht nachbesetzt. Da geht es uns heute besser?

Lipp: Ja. Ich habe meine Aufgabe auch immer als ein Vermittler gesehen. Ich wünsche mir, dass diese Idee weiterlebt. Da bin ich aber sehr zuversichtlich. Genau genommen bin ich mir sicher, dass dieser Anspruch weiter mit großem Engagement getragen wird.

Biografie

Wilfried Lipp, Jahrgang 1945, ist seit Anfang November 2010 pensionierter Landes-Conservator. Er studierte Architektur, Kunstgeschichte und Volkskunde. Als Universitätsprofessor engagierte er sich an der Universität Salzburg, an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz und an der Kunstuniversität Linz. Das Buch „Kultur des Bewahrens“, das viel über Adalbert Stifter erzählt, ist im Böhlau Verlag erschienen, umfasst 422 Seiten und kostet 39 Euro.
 

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Artikel Von Alexander Ritzinger 27. November 2010 - 00:04 Uhr
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