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"Wikipedia kann die Welt nicht retten"

Wikipedianer und Interessierte trafen einander zum Gedankenaustausch in Linz.

"Wikipedia kann die Welt nicht retten"

Von der Schülerin bis zum Pensionisten tauschten sich Wikipedia-Interessierte im Café Traxlmayr aus. Bild: Volker Weihbold

Wilhelm: Diesen Namen hat 2009 ein Student unter die zehn echten Vornamen des deutschen Politikers Karl-Theodor Guttenberg auf Wikipedia geschummelt. Der Aufschrei war groß, als daraufhin in zahlreichen Medien ebenfalls von "Wilhelm" zu lesen war, und zeigte doch unter anderem eines auf: Darauf, dass in der Online-Enzyklopädie die Wahrheit steht, verlassen sich vom Schüler bis zum Pensionisten immer mehr Menschen. Rund eine Milliarde Mal wird allein die deutschsprachige Wikipedia pro Monat aufgerufen, 18.000 Freiwillige schreiben und verbessern laufend die Artikel, die stets unter den ersten Suchergebnissen auftauchen. Weltweit gibt es das Community-Lexikon, das 2001 gestartet wurde, mittlerweile in 280 Sprachen.

Wie verlässlich die Informationen seien, die auf Wikipedia zu finden ist, war dann auch eine der Fragen, die viele jener Menschen interessierte, die gestern zum Wikipedia-Treffen in das Café Traxlmayr in Linz gekommen sind. Neben dem Austausch einzelner Wikipedia-Autoren gab es auch Platz für Fragen wie "Wie schaut die Zukunft aus?" und "Wie kann ich mitarbeiten?".

"Wikipedia kann die Welt nicht retten"

Wikipedia habe nicht nur den Zugang zu und die Erstellung von Wissen revolutioniert – es sei noch immer viel zu viel Wissen nicht öffentlich zugänglich, sagt Claudia Garád. Sie ist Geschäftsführerin des österreichischen Ablegers von Wikimedia, jener Non-Profit-Organisation, die Wikipedia und ähnliche Projekte betreibt.

Dennoch steht die Online-Enzyklopädie vor riesigen Herausforderungen. "Eines der größten Probleme unserer Zeit betrifftt natürlich auch in besonderem Maße Wikipedia: Fake News. Es sind Armeen von Trollen, die von Wikipedianern in Schach gehalten werden müssen", sagt Garád. Firmen wie YouTube und Co. würden die Verantwortung für dieses Thema umgehen, indem sie Recherche auf Wikipedia empfehlen. "Fake News sind aber natürlich ein gesamtgesellschaftliches Problem, da fühlen wir uns manchmal alleingelassen. Wikipedia kann die Welt nicht retten."

Von Konzernen bis hin zu Politikern liegt Verantwortlichen daran, möglichst positiv in Wikipedia in Erscheinung zu treten, das Negative auszublenden. "Es gibt Spindoktoren und Agenturen, die auf so etwas spezialisiert sind, die Kniffe kennen, schon lange als Autoren registriert sind und damit nicht so leicht zu entdecken sind – wenn sie aber von der Community enttarnt werden, hat das eine Sperre zur Folge", sagt Garád.

"Wikipedia kann die Welt nicht retten"

Claudia Garád, Geschäftsführerin Wikimedia Österreich

 

Förderung von Medienkompetenz brauche es, und zwar nicht nur für junge Menschen. In ihrer Filterblase gefangen seien vor allem jene, die "Digital Immigrants" genannt werden und nicht mit Internet und Co. aufgewachsen sind.

Fehler als Antrieb

Software-Engineer Jean-Frédéric Berthelot (31) ist schon seit zwölf Jahren mit von der Wissen ansammelnden Partie. "Du schaffst eine nützliche Ressource, die jeder verwenden kann", das sei es, was ihn antreibt, und vielleicht "manchmal auch einfach nur pure Langeweile", erzählt er und lacht: "Wir sagen immer: Wikipedia ist etwas, das niemals in der Theorie funktionieren würde, es funktioniert nur in der Praxis."

Als eingefleischter Wikipedianer verlässt sich selbst niemals auf Wikipedia – "nur auf die Quellen". Mit denen muss jeder Autor Behauptungen in seinen Artikeln belegen. Berthelot sieht sich als klassischen Wikipedianer: "Männlich, aus Westeuropa oder den USA, Angestellter, oft aus der IT-Branche, zwischen 20 und 30 Jahre alt" seien die meisten, sagt er.

Ludwig Kaffenda aus Traun hat angefangen, bei Wikipedia mitzuarbeiten, weil er sich an einem Fehler in einem Artikel über Vierkanthöfe gestoßen hat.

"I gib ka Ruah, bis’ richtig ist, i bin a richtiger Mostschädl." Geld bekommt er so wie tausende andere Wikipedianer für seine Arbeit nicht. Die Infrastruktur von Servern und Mitarbeitern, die Wikipedia dennoch braucht, wird über Spenden finanziert. "Der Großteil spendet 20 bis 30 Euro", sagt Berthelot.

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Artikel Julia Evers 29. Oktober 2018 - 00:05 Uhr
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